Anders leben – Als Auswanderer nach Spanien

Noch eine halbe Stunde bis zum Auftritt. Eine Gruppe junger Männer steht in einer abgedunkelten Kneipe irgendwo in Bayern. Die Instrumente sind überprüft, der Ablauf durchgesprochen. Sie unerhalten sich in einer lustigen Mischung von Deutsch und Spanisch. Rainer Seiferth, der Gitarrist der spanischen Jazz-Pop-Gruppe 8 Hertzios, freut sich, mit seiner Band auch einmal in seinem Heimatland Deutschland zu spielen. Seit zwei Jahren lebt er mit seiner Freundin Emilia in Spanien. An den dortigen Lebensrhythmus hat er sich mittlerweile gewöhnt, und mit seinen langen dunklen Haaren könnte er für einen waschechten Spanier gehalten werden.

 

Rainer wuchs in Nürnberg auf und machte dort auch sein Abitur. Schon früh entdeckte er seine Leidenschaft zur Musik, begann Gitarre zu spielen und war schon in der Schule Teil einer Musikgruppe: „Das war mir damals total wichtig.“ Nach der Schule zog es ihn für ein Musikstudium nach Mannheim; dort arbeitete er auch in Musikschulen und gab Privatstunden. Deutschland zu verlassen, war nie der Plan: „Das kam alles ganz spontan, durch meine Freundin, die Spanierin ist.“ Als er sie in Mannheim kennen lernte, absolvierte sie gerade einen Deutschkurs.

 

Angst vor dem „Ämterkram“

 

Und schon bald verspürte sie Sehnsucht nach der Heimat. Rainer erzählt: „Von ihrer Familie bekamen wir ein Angebot, das wir nicht so ohne weiteres abschlagen konnten.“ Die Familie bot dem jungen Paar ein kleines Haus in Pareja, nahe Madrid, an. „Das war die Gelegenheit!“ Die Gelegenheit, nach Spanien auszuwandern. Rainer wollte etwas Neues kennen lernen – und auch die spanische Musik machte ihn neugierig auf das fremde Land. Ängste und Befürchtungen kamen trotzdem hoch. Der junge Deutsche sorgte sich darum, Arbeit zu finden und vor allem, bei dem „ganzen Ämterkram“ durchzublicken. Familie und Freunde nahmen die Nachricht von seinen Auswanderplänen gut auf: „Solche spontanen Ideen von mir waren sie schon fast gewohnt – und daher auch nicht sonderlich überrascht, als ich plötzlich nach Spanien wollte.“

 

Die fremde Sprache war nicht das größte Problem, denn Rainers Freundin Emilia war Sprachlehrerin. Aber sie wollten nichts überstürzen: „Das musste alles gut geplant werden. Wir fuhren sehr oft nach Spanien, haben das Haus renoviert und Möbel rübergefahren.“ Der Umzug war keine leichte Sache. Mit einem kleinen Transportbus brachte das Paar nach und nach die ganze Einrichtung nach Spanien. „Finanzieren konnten wir das nur durch Mitfahrer“, sagt Rainer und muss im Nachhinein selbst ein wenig darüber lachen, dass sie unfreiwillig zur Mitfahrzentrale wurden.

 

Schneller als gedacht ging es dann 2006 für das junge Paar Richtung Spanien. „Die ersten Monate waren natürlich super! Alles war noch so außergewöhnlich und faszinierend!“, schwärmt er. Rainer konnte sich gut in dem kleinen Dorf in der Nähe von Madrid integrieren. Kleinere Jobs hielten ihn über Wasser: Er arbeitete in einer Bäckerei und gab Deutschkurse. „Mir ging es darum, das Land und die Landschaft zu entdecken, die Leute kennen zu lernen. Ich war nur noch am Staunen: Das war so neu, spannend und beeindruckend.“

     

Zitronenblüte

 

 

Bald begann der Musiker, spanische Gedichte zu vertonen – eine ganz neue Richtung für ihn. „Spanien inspirierte mich. Das schöne Land und natürlich die Liebe zu meiner Freundin beeinflussten mich stark, da war die Poesie nicht weit“, erzählt er schwärmerisch. Melodien zu den Gedichten kamen ganz von selber. Auf diese Weise bekam Rainer auch den spanischen Rhythmus ins Blut. „Wenn man sich einen Musikstil aneignen will, ist es das Wichtigste, viel zuzuhören“, rät er. „Das ist dann wie bei einem guten Freund, der schöne Redewendungen benutzt. Später ertappt man sich, wie man diese in einem ganz anderen Gespräch selbst verwendet.“

 

Mit seiner Lebensgefährtin gründete er eine Sprach- und Musikferienschule in dem alten Haus. „Nichts, wovon man leben könnte, da sie nur zwei Wochen im Jahr offen hat, aber trotzdem eine sehr schöne Sache: unser ganz persönliches Projekt!“, erzählt Rainer. Wenig später bekam er einen Job als Konzertagent in einer Plattenfirma und wurde Mitglied in der Band 8 Hertzios, mit der er zwei bis drei Auftritte im Monat hat. Damit kann er sich in Spanien über Wasser halten, und nicht nur das, er kann auch sein Leben genießen. Aber: „Irgendwann werden die Dinge doch normal. Und jetzt ist Spanien wie damals Deutschland, eine Heimat eben.“

 

Der Trick gegen Vorurteile

 

Deutschland vermisst er hin und wieder. Nicht nur seine Familie und Freunde, sondern vor allem das, worüber man, wie er sagt, sonst schimpft. „Die Verlässlichkeit, Ordentlichkeit, dass die Dinge eben funktionieren“ – denn in Spanien läuft das alles etwas chaotischer ab. Rainer warnt davor, sich zu voreilig für ein Leben im Ausland zu entscheiden: „Gewisse Sprachkenntnisse sollten vorhanden sein, und man sollte eine Zeit in diesem Land verbracht haben – und zwar nicht in Touristengebieten! Ziel sollte sein, die Menschen und die Kultur zu entdecken, Vorurteile und Klischees zu vergessen. Mit dieser Gesellschaft muss man nämlich leben können, wenn einen der Alltag eingeholt hat.“

 

Nun steht Rainer Seiferth mit seiner spanischen Band auf einer deutschen Bühne und bekommt großen Applaus. Spanische Melodien vermischen sich mit Jazz-Elementen, das Publikum ist begeistert. Rainer ist glücklich; er weiß, dass es für ihn richtig war, nach Spanien zu gehen. „Überhaupt habe ich festgestellt, dass es keine richtigen oder falschen Entscheidungen gibt. Die Hauptsache ist, man macht das Beste und damit auch das Richtige daraus.“

 

Erschienen in: fluter.de

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