Tag 5: Zu guter letzt…

Tagebuch: Von Berlin bis Paris

Berlin und Paris – zwei europäische Weltstädte wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Und wir fünf Jugendliche aus Deutschland und Frankreich – Mirjam aus München, Clara und Enzo aus Straßburg, Caroline aus Artolsheim (bei Straßburg) und ich, Jenni, aus Fürth – sind mitten drin. Vor einigen Monaten hatten wir beim Schreibwettbewerb „Wortwechsel“ des Deutsch Französischen Jugendwerks (DFJW) teilgenommen und gewonnen. Der Preis: eine Woche Entdeckungstour erst durch Berlin und dann durch Paris, zusammen mit unserem Betreuer Johannes Ackermann und Florence Batonnier, vom DFJW. Unsere Aufgabe während der Reise: Tagebuch über unsere Erlebnisse führen.

Donnerstag, 30.10.2008

Okay, wir wussten zwar, dass wir heute bald aufstehen müssten, nämlich um sechs Uhr. Das sei fast wie Schule, meinten wir einstimmig am Vorabend. Aber es wäre eigentlich schon okay gewesen – nur irgendetwas hatte sich im Unterbewusstsein von Caroline und mir definitiv gegen dieses Frühaufstehen gesträubt. Ich wachte irgendwann auf. Im Zimmer war es noch fast stockdunkel. Noch recht verschlafen blickte ich auf die Uhr, im Glauben ich könne noch gut eine viertel oder halbe Stunde schlafen. Dann der Schock: dreiviertel sieben! Schlagartig war ich hellwach, schaltete abrupt das Licht ein und meinte nur: „Verdammt, wir haben verschlafen!“ Denn um sieben Uhr hätten wir ja schon beim Frühstück sein sollen. Doch Caroline und ich legten einen wahrhaften Aufstehrekord hin und waren um zehn nach sieben abmarschbereit unten – zwar als letzte der Gruppe aber nicht allzu spät. Und es reichte sogar noch für ein Croissant und Obst zum Frühstück.

 

Dann: los zur Métro. Johannes war schon vorgegangen und wir dank Enzo mal wieder zu spät dran. Doch wir kamen noch rechtzeitig beim Radiosender RFI (ähnlich der Deutschen Welle) an. Dort herrschte allerdings leicht gedrückte Stimmung, da die Zukunft der deutschen (und einigen anderen Abteilungen) momentan unsicher ist. Trotzdem durften wir live dabei sein, als eine Radiosendung ausgestrahlt wurde. Très intéressant! Und wir erhielten alle ein RFI-T-Shirt (zwar in Größe L, so dass wir vielleicht doppelt reingepasst hätten, aber toll war es trotzdem). Danach ob zu l’OFAJ, also dem französischen Büro des Deutsch Französischen Jugendwerkes. Dort trafen wir drei Leute von „Jets d’Encre“, eine Art französische Jugendpresse. Und da fühlte ich mich gleich richtig wohl, immerhin ist es immer toll, wo anders Jugendmedienmager zu treffen – denn irgendwie sind die sich auf lustige Weise doch alle recht ähnlich! Was die drei Jungs da erzählt haben, war auch richtig spannend. Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass es junge Medienmacher in Frankreich so schwer haben, Fuß zu fassen. Bei uns ist das tatsächlich geradezu unvorstellbar, denn die Jugendpresse hat doch ein recht hohes Ansehen in Deutschland. In Frankreich dagegen erhalten sie keine Förderungen und Schülerzeitungen dürfen zum Beispiel keine oder kaum Anzeigen schalten, da dies die Schüler beeinflussen könnte. Außerdem werden Jungjournalisten von den hauptberuflichen Journalisten kaum akzeptiert, so Jets d’Encre.

 

Nach dem Treffen waren wir jedenfalls hungrig und das Abschiedsessen stand an, der letzte offizielle Akt. Schade eigentlich, aber zu dem Zeitpunkt wollte ich lieber noch nicht ans Heimfahren denken, sondern lieber meine „Canard“ (Ente) und danach die leckere „Crème brûlée“ genießen, während Caroline – typisch französisch – Schnecken futterte. Fertig mit Essen auf zum – na was wohl – shoppen! Johannes Geheimtipp (wir wollten wissen wo man in Paris gut shoppen gehen kann. Zitat Johannes: „Also ich bin ja keine Frau. Aber ich habe eine … also geht ihr am besten in …“) die Avenue de Clichy. Caroline kleidete sich komplett neu ein, wir anderen ergattern das ein oder andere schöne Teil.

 

Jetzt sollte es – trotz strömenden Regen – zu Montmatre und Sacré Coeur gehen. Doch von der U-Bahn-Station bis Sacré Coeur zu kommen, war schon schwierig genug: den Hügel rauf reihte sich ein Touri-Shop an den anderen und wir kamen quasi an keinem einzigen vorbei. Endlich hatten wir uns dem anscheinend magnetischen Feld des Shoppings entziehen können und standen erfreut und bereits leicht durchnässt unter unseren Regenschirmen unterhalb von Sacré Cour. Ein schöner Anblick! Doch der friedliche Moment wurde nach wenigen Minuten jäh von einer Horde wilder Straßenverkäufer unterbrochen. Einer davon wollte Clara – die sich nicht genügend werte – ein Freundschaftsarmband basteln. Dazu musste man das Band irgendwie um seinen Finger wickeln lassen. Wir waren leicht genervt von der ganzen Aktion und ich meinte scherzhaft auf Deutsch (in der Annahme, der Typ könne nur Französisch): „Pass auf, gleich ist der Finger ab!“ Und plötzlich erklärt er uns auf Deutsch (!), dass wir keine Angst haben bräuchten, bla, bla, bla … Ups, hatte wohl nicht so funktioniert, wie es sollte. Jedenfalls kamen plötzlich immer mehr von der Straßenverkäufern und Mirjam und ich flüchteten schnellstmöglich die ersten Stufen zu Sacré Coeur hoch, währen Caroline und Clare sich ein Band knüpfen ließen. Mit einem entscheidenden Unterschied: Caroline zahlte einen Euro, Clara ganze zehn!

 

Letztendlich erklommen wir gemeinsam (bei sehr nassem Nieselregen) die Stufen, bis wir vor Sacré Coeur standen. Und da hatten wir einen wahrhaft gigantischen Ausblick über die Stadt. Ein buntes Lichtermeer erstreckte sich vor uns. Die schönen Giebel der alten Pariser Häuser schimmerten im glimmenden Abendlicht, die Hochhäuser reckten sich blinkend gen Himmel und der Eiffelturm glitzerte genauso bezaubernd wie am Vorabend. Es regnete immer noch, doch die dicken, schweren Regenwolken hingen tief und reflektierten die Lichter der Stadt, weshalb sie leicht rötlich-orange schimmerten. Schweigend blickten wir auf Paris, diese Stadt der Lichter und vergaßen uns ganz in dem schönen Augenblick.

 

Doch recht plötzlich holte uns die Kälte und die Nässe zurück aus unseren Träumen auf den Boden der Tatsachen: schnell flüchteten wir in die Kirche, um uns aufzuwärmen und zu trocknen.

 

Später schlenderten wir durch die belebten Gassen von Montmatre, bis wir auf Enzos Wunsch das Café aus dem Film Amélie gefunden hatten. Dort tranken wir überteuerte heiße Schokolade, Clara begann Postkarten zu schreiben, ich Tagebuch. War das ein tolles Gefühl! Denn wessen Autors Traum war es nicht, in einem echten Pariser Stadtcafé zu sitzen, ringsum Stimmengewirr und Leute die eilig unter Regenschirmen draußen vor dem Fenster vorbei eilten und mitten drin, man selbst, in Gedanken versunken, ganz auf das Schreiben konzentriert …

 

Nach unserem Abstecher in die fabelhafte Welt der Amélie und leckerem chinesischen Abendessen (ebenfalls im Montmatre-Viertel) machten wir noch eine letzte Sightseeingtour: Moulin Rouge – Arc de Triomphe – Champs Elysées. Letzteres inklusive Spätshopping und Fotos auf einem roten Teppich, denn just an diesem Abend war die Kinopremiere vom neuen James Bond Film. Die Stars waren zwar alle schon im Gebäude drin (und wir kamen da aus unersichtlichen Gründen leider nicht rein), aber immerhin posierten wir dann als Bond Girls und Enzo als James Bond vor dem großen Werbeplakat, auf dem roten Teppich. Fenomenal! Danach ging es weiter bis zum Place de la Concorde und dem ägyptischen Obelisk.

 

Und jetzt liege ich hier auf einem Bett, in einem Hotel, irgendwo in Paris. Die Koffer sind wieder gepackt, noch eine Nacht und dann heißt es Abschied nehmen. Wirklich schade, dass die Reise schon vorbei ist, aber die Woche war wirklich einzigartig. Denn wer sieht Berlin und Paris schon quasi auf einmal?

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