„Jugend, das ist die Schmiere unserer Gesellschaft“

Ein Interview über das Erwachsenwerden. – Die „Jugend von heute“ steht seit jeher in der Kritik. Dabei ist es nicht einfach, sich vom Kind zum Erwachsenen zu entwickeln. Die Jugendlichen müssen eine eigene Identität finden, sich Ängsten und Druck von außen stellen und dabei noch mehr Verantwortung übernehmen als frühere Generationen, weiß der Sozial- und Jugendpädagoge,  Professor Dr. Richard Münchmeier, der Freien Universität Berlin. Doch Prof. Münchmeier ist nah dran, an der Jugend: Er leitete bereits die 12. und 13. Shell Jugendstudie und war Mitglied des Deutschen Bundesjugendkuratoriums. Über die Situation der Jugend von heute, deren Werte und wie aus jungen Menschen „gute“ Erwachsener werden, spricht er im Interview.

 

Sie sind jetzt 64. Kann man sie noch als Jugendlichen bezeichnen?

Nein, sicher nicht. Meine Jugendphase war ganz anders! Ich bin in der Nachkriegs- und Wirtschaftswunderzeit erwachsen geworden. Und jung sein ist nicht nur eine Frage des Alters sondern auch der Zeit, in der man aufwächst. Über das Lebensalter definieren wir Wissenschaftler heute Jugend sowieso nicht mehr. Die Grenzen der klassischen Jugendphase sind durchlässig geworden. Schon mit 12 muss manch einer heute nicht mehr sagen, wo er hingeht. Andrerseits sind Jugendliche mit 18 zwar rechtlich gesehen volljährig, stehen aber noch längst nicht auf eigenen Beinen. Für viele findet das Selbstständig werden sogar erst über 30 statt!

 

In die Schule gehen, Freunde treffen, Partys feiern. Macht das die Jugend von heute aus?

Nein, denn auch viele Erwachsene führen heute einen jugendlichen Lebensstil. Jugendlichkeit ist ein Wert in unserer Gesellschaft geworden. Die Leute möchten so lange es geht jungendlich sein. So haben sich Lebensstile von Jugendlichen und Erwachsenen zum Beispiel im Freizeitbereich angenähert.

 

Heißt das, Jugendliche und Erwachsene sind in genau der gleichen Lebenssituation?

Nein, auf gar keinen Fall! Erwachsene müssen Kohle verdienen, um selbständig zu sein. Jugendliche bekommen ihr Geld aus zweiter Hand. Sie haben daher das Privileg, stärker in den Tag hinein leben zu können. Und selbst das stimmt nicht mehr: Denn wenn Sie als Jugendlicher heute sagen, mir ist es egal, ob ich mein Abitur mache, dann wissen Sie genauso gut wie ich: das wäre nicht vernünftig. Auch Sie müssen schon an die Zukunft denken.

 

Tragen Jugendliche heutzutage mehr Verantwortung?

Im Prinzip ja. In alten Lehrbüchern liest man zwar, dass die Jugend vom Ernst des Erwachsenseins entlastet ist, aber wir Jugendforscher von heute sagen, Jugendliche müssen Jugend bewältigen. Das heißt: Die Gesellschaft stellt Erwartungen an die Jugendlichen, wie Schule oder das erfolgreiche Eingliedern in die Gemeinschaft. Misslingt die Bewältigung der Jugend, wird das „bestraft“, indem die Betroffenen an die Ränder der Gesellschaft gedrängt werden. Deshalb ist die Jugendphase keine Spielwiese mehr.

 

Und wie schätzen Jugendliche ihre Lage selbst ein?

In der 12. Shell Jugendstudie von 1997, haben wir gefragt, was für Jugendliche das größte Problem sei. Die Antwort: Arbeitslosigkeit! In meiner Zeit war das noch ganz anders! Den Begriff „Numerus Clausus“ kannte ich nicht und ich habe kein einziges Mal darüber nachgedacht, dass ich arbeitslos werden könnte. Diese Entwicklung zeigt, dass Gesellschaftsprobleme, in diesem Fall Arbeitslosigkeit, heute in die Jugendphase hineinwachsen. Die Jugendlichen müssen ihr Leben so gestalten, dass sie mit diesen Problemen zu Recht kommen.

 

Die beste Freundin oder doch die Eltern – wer spielt für Jugendliche die wichtigste Rolle in Sachen Werte-Entwicklung?

Ich selbst hätte jederzeit darauf gewettet, dass es die Gleichaltrigen sind. Aber genau das hat die Shell Jugendstudie widerlegt. Zu meinem großen Erstaunen sind die Eltern tatsächlich die wichtigsten Bezugspersonen für die Jugendlichen – und von den Eltern wiederrum die Mutter noch wichtiger als der Vater. In der Shell Jugendstudie kommt eine besonders interessante Frage zu diesem Thema vor: Würdest du später deine Kinder genauso, ungefähr so, anders oder ganz anders erziehen, als du selbst erzogen wurdest? Und darauf antworten heute dreiviertel der jungen Menschen mit: ich möchte es genauso oder ähnlich machen! Da merkt man, dass ein Generationenkonflikt hier nicht mehr existiert.

 

Trotzdem: Sind bei der Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen innere Konflikte und Probleme mit der Außenwelt vorprogrammiert?

Ja, natürlich. Heute ist es schon schwierig, die Jugendphase zu beenden, den Übergang von der Ausbildung hin ins Berufsleben und Erwachsenendasein zu schaffen. Selbst wenn die Jugendlichen einen guten Abschluss haben, bieten ihnen Firmen oftmals erst Praktika an, bei welchen sie schlecht  oder gar nicht verdienen. Nicht umsonst gibt es die Bezeichnung Generation Praktikum.

 

Ist ein Praktikum zu machen kein Schritt in Richtung Erwachsenenleben?

Nein, nur indirekt, denn erwachsen sein bedeutet, ökonomisch unabhängig zu werden, auf eigenen Beinen zu stehen. Doch auch innere Konflikte belasten. Zum Beispiel die Entwicklung einer Geschlechtsidentität. Was bedeutet es heute, eine Frau zu sein? Es gibt zig verschiedene Möglichkeiten! Was heißt es ein Mann zu sein? Soll man ein Softie werden oder taff bleiben? Die Jugendlichen haben jetzt viel mehr Freiheiten, aber größere Orientierungsprobleme.

 

Auch in der Schule herrscht schon ein enormer Leistungsdruck, danach geht der erbitterte Kampf um Studien- bzw. Arbeitsplätze los. Wissen Sie ein Patentrezept gegen Zukunftsangst?

Ganz ehrlich? Als Jugendforscher würde ich sagen, die Jugendlichen brauchen kein Patentrezept gegen  Zukunftsangst, denn sie haben keine. Jugendliche sind kluge Leute, sie wissen, dass ihnen viel abverlangt wird. Aber es gibt in der neueren Jugendforschung keine Hinweise, dass sie deswegen von Angst gebeutelt sind – im Gegenteil! Jugendliche antworten auf diese Herausforderung in der Regel mit Erhöhung ihrer Leistungsbereitschaft. Warum haben zum Beispiel Mädchen in letzter Zeit so gute Abiturnoten? Doch nicht weil sie Zukunftsängste haben! Sondern weil sie ganz genau wissen, es wird nicht leicht, also nehme ich mein Leben in die Hand.

 

Viele Jugendliche können sich für Musikbands begeistern. Und Politik? Ist Politik heute kein Jugendthema mehr?

Stimmt, Politik ist mega out. Aber das ist eher ein Problem unserer Zeit. Bei Erwachsenen ist die Politikverdrossenheit sogar noch größer. Wobei man genau hinsehen muss: Es ist nicht so, dass Jugendliche sich nicht für politische Probleme wie Gerechtigkeit  oder Umwelt interessieren. Im Gegenteil! Sie haben nur kein Interesse an den Parteien, am Politikbetrieb, an den Politikern. An politischen Aktionen wie Streiks oder Demonstrationen sieht man doch, dass sich die Menschen interessieren.

 

Warum gibt es dann überhaupt Politikverdrossenheit, wenn ein Grundinteresse doch vorhanden ist?

Weil die Menschen skeptisch geworden sind, ob es diesem Politikbetrieb gelingt, die großen Probleme unserer Zeit zu bewältigen. Deswegen sinkt bei uns, wie in allen hochentwickelten Staaten, die Wahlbeteiligung. Zumindest, wenn es nicht gerade einen Barack Obama Effekt gibt. Doch die interessante Frage ist: wer denn sonst soll die Probleme lösen, wenn nicht die Politik?

 

Die Jugend will immer ihr eigenes Ding machen. Warum legen wir uns nicht auf die faule Haut und machen das, was die Generationen vorher auch getan haben? Kann doch nicht so verkehrt sein …

Das wäre ein ganz großes Problem, wenn sie das täten! Die Jugendzeit ist als Vorbereitungszeit gedacht: die Jugendlichen lernen, machen eine Ausbildung, entwickeln eine Persönlichkeit. Das hat es der Gesellschaft ermöglicht, sich weiter zu entwickeln. Jugend, das ist die Schmiere für die Gesellschaft.

 

Was würde denn passieren, wenn die jungen Leute so wären, wie die Erwachsenen schon sind?

Dann würde die Gesellschaft ihre Veränderlichkeit verlieren. Jugendliche können sich leichter an neue Situationen anpassen, denn sie trauern nicht der „guten alten Zeit“ nach, sondern nehmen die Verhältnisse so hin, wie sie sie erleben. Nur so können sich Gesellschaften entwickeln. Die Erwartung ist, dass die Jugend von heute die Erwachsenen überholt. Das ist ein Privileg, keine leichte Aufgabe, aber auch eine Verpflichtung für die jungen Menschen.

 

Wenn die Jugend vorbei ist: ist man dann wirklich schlauer und reifer? Welche Erfahrungen müssen Jugendliche gesammelt haben, um später „gute“ Erwachsene abzugeben?

Es ist schwierig über solche Idealbilder zu reden, denn keiner kann sie erfüllen. Aber idealer Weise sollten Jugendliche Vertrauen in sich selbst gefasst haben. Sie sollten überzeugt sein, dass sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen können. Eine weitere Voraussetzung für ein gelingendes Leben sind Schutzfaktoren wie eine solide Partnerschaft und ein hoher Bildungsabschluss, der einem wiederrum Zugang zum Beruf verschafft. Denn das Leben ist nicht so, dass man immer auf der Erfolgsspur laufen kann. Es gibt Rückschläge und Niederlagen. Menschen mit solchen Schutzfaktoren können jedoch diese Probleme meistern.

 

Erschienen in: Das Parlament (Ausgabe vom 12.01.2009 – Thema Jugend // online: das-parlament.de)

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