Die Welt verbessern

jugenddelegierteEgal, ob in Jugendverbänden oder politischen Diskussionen: Jugendliche wollen mitreden. Ein besonderes Mitspracherecht haben jedes Jahr zwei UN-Jugenddelegierte. Ehrenamtlich reisen sie durch Deutschland, um zu hören, was die Jugend bewegt, und anschließend begleiten sie die deutsche Delegation zur UN-Generalversammlung nach New York. Dort stellen sie Forderungen für eine bessere Jugendpolitik.

UN-Jugenddelegierte haben einen vollen Terminkalender: Für ein Jahr planen sie, zusammen mit einem mehrköpfigen Organisationskomitee, eine Deutschlandtour, auf der sie Schulen, Jugendverbände und Festivals besuchen. Mit den Jugendlichen, die sie dort treffen diskutieren sie über Bildung, Globalisierung und Umwelt. Ihre Erfahrungen schreiben sie als Forderungen auf und tragen diese im Herbst bei der UN-Generalversammlung in New York den Diplomaten vor.

Astrid Schrader war 2008 UN-Jugenddelegierte für Deutschland. 2009 hat sie ihr Amt an eine Nachfolgerin abgegeben. Falco Mohrs hat im  Januar sein Ehrenamt angetreten. Im Interview erzählt er von seinen Zielen und Erwartungen und Astrid berichtet von ihren Erfahrungen aus dem letzten Jahr.

Schekker: Seid Ihr Weltverbesserer?

Falko: Ja, irgendwie schon. Ich komme aus der christlichen Pfadfinder-Ecke und bin mit dem Leitspruch groß geworden: „Verlasse die Welt etwas besser, als Du sie vorgefunden hast.“ Es ist meine Grundmotivation, dass ich mich einbringen und etwas verbessern möchte – auch wenn ich zu einer wirklich besseren Welt wohl nur einen kleinen Beitrag leisten kann.

Astrid: Das sehe ich genauso. Ich bin aber eher pragmatisch und überzeugt, dass Jugendliche,  als Gruppe der Gesellschaft, mehr Beachtung verdienen. Jugendliche können doch am besten vorschlagen, wie eine Jugendpolitik aussehen soll, die zu ihnen passt.

Schekker: Wie wird man eigentlich UN-Jugenddelegierter?

astridAstrid: Es gibt viele Bewerber, letztes Jahr um die 80. Deshalb sendet zuerst jeder einen Lebenslauf und ein Anschreiben ein. Die Hälfte davon muss in der nächsten Runde kurze Fragen zu den Jugendprogrammen der UN beantworten. Die besten Zehn können sich im Telefoninterview präsentieren und dann kommen sechs Bewerber zum mündlichen Auswahlverfahren nach Berlin. Allerdings darf ich darüber nicht viel erzählen, denn der Inhalt dieser Gespräche ist jedes Jahr sehr ähnlich. Am Ende werden zwei ausgewählt, die dann die neuen UN-Jugenddelegierten werden.

Schekker: Welche Eigenschaften muss ein Jugenddelegierter mitbringen?

Astrid: Es ist wichtig, dass die Jugenddelegierten sich in die Jugendlichen einfühlen können, und sie dürfen auf keinen Fall arrogant wirken. Vor der Uno müssen sie beweisen, dass sie ihre Generation vertreten können, also eine Ahnung davon haben, was die Jugendlichen in ihrem Land bewegt. Allerdings sind bei der Uno die Verhaltens- und Kommunikationsregeln wesentlich strenger, als mit den Jugendlichen auf der Deutschlandtour. Immerhin unterhalten wir uns ganz normal im lockeren Dialog. Auf den Tagungen der Uno hingegen müssen wir oft fachkundige Reden vor einem etablierten Publikum halten.
Außerdem sollte ein Jugenddelegierter auch stressresistent sein: Während der Deutschland-Tour und in New York mussten wir von einem Termin zum nächsten hetzen.

Falko: Genau. Die Belastbarkeit, die Astrid anspricht, spüre ich jetzt schon in der Anfangsphase. Es kommen immer mehr Veranstaltungen auf uns zu, und der Druck wächst ständig, denn oft finden Treffen oder Termine spontan statt. Es ruft zum Beispiel ein Jugendverband an und fragt, ob wir noch in der gleichen Woche bei ihnen vorbei schauen können. Da können wir nicht einfach nein sagen!

Schekker: Und nebenbei studiert ihr, oder?

falkoFalko lacht: Ich glaube „nebenbei“ trifft es am besten. Während ich Jugenddelegierter bin, habe ich kaum Freizeit. Ich habe im nächsten Semester sehr wenige Veranstaltungen. Volkswagen, mein zukünftiger Arbeitgeber, hat mich auch schon für vier Monate von meiner Arbeit freigestellt.

Schekker: Aber mal im Ernst: Wie bekommt ihr das hin, Studium und UN-Delegation?

Astrid: Im letzten Jahr haben wir uns ein Urlaubssemester genommen. Ein Vollzeitstudium und nebenbei UN-Jugenddelegierter sein, das funktioniert nicht.

Schekker: Ihr seid also Experten in Sachen Jugend …

Astrid: Das hoffen wir. Wir informieren uns zum Beispiel über aktuelle Studien und Veröffentlichungen zu Themen wie Bildungsreformen oder Umweltproblemen. Doch das Wichtigste sind die Workshops, die wir mit Schülern, in Jugendverbänden und auf Festivals halten, also der direkte Kontakt zu den Jugendlichen. Wir wollen keine elitären Jugenddelegierte bei der UN sein, sondern die UN nach Deutschland bringen. Wir diskutieren mit den Jugendlichen und am Ende stellen wir ihre Forderungen ins Internet. Die sind dann die Grundlage für unsere Reden in New York vor der Uno.

Schekker: Astrid, gibt es eine Erinnerung von der Deutschlandtour im letzten Jahr, die dich besonders geprägt hat?

Astrid: Bei einem Workshop bei der Bundeswehr war ich das einzige Mädel und habe mit den jungen Männern über das Bildungssystem diskutiert. Das war ein Erlebnis. Denn mir ist aufgefallen: Die Ansichten von Jungs und Mädels sind in diesem Alter total verschieden. Die Wehrpflichtigen waren der Meinung, sie bräuchten mehr Vorbilder in der Schule und Lehrer müssten auch mal „durchgreifen“ dürfen. Auf anderen Tourstationen, bei denen ich reine Mädchengruppen besuchte, kam in den Diskussionen eher heraus, dass sich die Jungs einfach mehr anstrengen sollen.

Schekker: Kommen Jugendliche bei der Uno in New York ausreichend zu Wort?

Astrid: Viele Jugendliche können mittlerweile sogar als Diplomaten das Wort für ihr Land ergreifen. Sie sprechen für die Niederlande oder Rumänien, können also selbst für ihr Land verhandeln. In Deutschland hingegen sind wir in beratender Funktion tätig. Das hat einen einfachen Sinn: Sobald jemand als richtiger Diplomat handelt, ist er weisungsgebunden, muss also die Positionen seiner Regierung vertreten. Wir sollen aber unabhängig sein. Daher unterbreiten wir den Diplomaten in New York unsere Positionen, die sie dann für uns in die Verhandlungen einfließen lassen.

Schekker: Wie reagieren die erwachsenen Delegierten auf euch?

Astrid: Hin und wieder gibt es natürlich auch Vorurteile der erwachsenen Delegierten. Zum Beispiel, dass wir Jugendlichen keine Ahnung von der Arbeit bei der Uno hätten. Aber wir sind dabei, diese Klischees aus dem Weg zu räumen: Von der UN-Jugendabteilung bekommen wir das Feedback, dass die Jugenddelegierten immer professioneller werden. Das heißt, wir werden auch ernster genommen und können so hoffentlich unseren Einfluss ausweiten.

Schekker: Habt ihr euch ein bestimmtes Ziel gesetzt?

Astrid: Letztes Jahr wollten wir die Deutschlandtour verbessern. Uns war es wichtig, eine gewisse geographische Ausgeglichenheit zu schaffen, also auch in kleinere Städte zu gehen und Jugendliche aus allen gesellschaftlichen Schichten zu besuchen. 2008 war es wichtig, die Themen, die wir mit den Jugendlichen diskutieren noch enger an die Themen der UN-Generalversammlung anzulehnen, zum Beispiel an das Thema Arbeitslosigkeit

 Erschienen auf: schekker.de

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