Möglichkeiten schaffen für politische Bildung

„Jugendliche wollen politische Bildung“. Das sagt Jennifer Hertlein, Schülerin am Helene-Lange-Gymnasium in Fürth und ehrenamtlich aktiv bei der Jungen Presse Bayern. Sie berichtet von politischer Bildung an der Schule: einem Wahlkurs „Politik und Zeitgeschichte“.

„Das Ziel der politischen Bildung ist, Toleranz und Kritikfähigkeit zu vermitteln und zu stärken, demokratische Spielregeln zu verankern und damit zur Herausbildung und Weiterentwicklung von aktiver Bürgerschaft und Partizipation beizutragen“, definiert das Lexikon. Doch Jugendliche werden heutzutage häufig als politikverdrossen, desinteressiert beschrieben, so dass politische Bildung gar nicht greifen würde. „Das stimmt nicht!“, sind sich die Schüler eines Politikkurses am Helene-Lange-Gymnasium in Fürth sicher. Politische Bildung kommt lediglich im normalen Schulalltag zu kurz!

12.45 Uhr, die Schulglocke hat gerade geklingelt und die meisten Schüler verlassen frohen Mutes das Schulgelände – die reguläre Unterrichtszeit ist vorbei. Trotzdem findet sich im dritten Stock des Helene-Lange-Gymnasiums in Fürth noch eine kleine Gruppe Schüler. Die Jugendlichen im Alter von 16 bis 18 Jahren lachen, scherzen. Sie warten freiwillig hier, vor einem der vielen Klassenzimmern, denn sie sind Teilnehmer des Wahlkurses „Politik und Zeitgeschichte“. Zwei Schulstunden pro Woche beschäftigen sie sich mal nicht mit Mathe oder Englisch, sondern mit Themen wie der Weltfinanzmarktkrise oder der Problematik rechtsradikaler Positionen. „Für mich ist dieser Kurs wichtig, weil mich die aktuellen Inhalte sehr interessieren!“, erklärt Matthias, 16 und entspricht damit gar nicht dem Bild, vom politikverdrossenen Jugendlichen, das die Medien so oft anprangern.

Keine Politik im normalen Unterricht

Auch seine Mitschüler finden Politik spannend: „Immerhin will ich doch wissen, was die da oben in der Regierung entscheiden und warum sie das tun!“, meint Fabian, 18. „Und genau deshalb sind wir in diesem Kurs. Denn im regulären Unterricht werden solche Themen nie behandelt, ja fast schon umgangen und sind wenn überhaupt total nebensächlich!“, beschwert sich Anja, 18. Die anderen geben ihr Recht und erklären, dass es auf den Schulzweig ankommt, ob Politik auch in den normalen Unterrichtsfächern Platz findet: Am mathematischen oder sprachlichen Zweig haben die Schüler lediglich ein Jahr Sozialkunde, haben also keine Chance im Unterricht politische Informationen zu erhalten. Schade finden sie das alle, doch zumindest gibt es an ihrer Schule diesen „Politik und Zeitgeschichte“-Kurs, den sie jede Woche begeistert besuchen.

13.00 Uhr, der „Unterricht“ beginnt. Studiendirektor (?) Martin (?) Schäfer begrüßt seine Schüler. Den Kurs hatte er vor circa zehn Jahren mit ins Leben gerufen. „Ich biete dieses freiwillige Unterrichtsprogramm an, weil die politische Bildung – außer am Sozialzweig – einfach zu kurz kommt“, so Schäfer, „Doch politische Bildung ist für Jugendliche enorm wichtig. So lernen sie Politik kritisch zu beurteilen und nicht nur eine vorgefertigte Meinung anzunehmen, die ihnen die Medien präsentieren. Junge Menschen müssen lernen, sich ihr eigenes Urteil zu bilden, um zum mündigen Erwachsenen zu werden!“ Das politische und zeitgeschichtliche Wissen eines durchschnittlichen Schülers ohne außerschulische Förderung schätzt der Lehrer – ganz ehrlich – „desaströs“ ein. Seine Meinung bestätigen zahlreiche Umfragen. Doch so ein Kurs kann einiges in den Schülern bewirken: „Man bemerkt im Verlauf eine unheimliche Weiterentwicklung der Schüler! Bald fällt es ihnen leichter, Umstände eigenständig zu beurteilen und einzuschätzen. Auch die Diskussionsfähigkeit verbessert sich und das Allgemeinwissen nimmt zu. Die Jugendlichen lernen schnell“, so Schäfer.

Eifrige Diskussionen, Urteile bilden

Die Begeisterung der Schüler ist im Unterricht deutlich zu spüren. Zuerst haben sie die Möglichkeit, Fragen zu aktuellen Themen zu stellen. „Warum bekommt unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel momentan so schlechte Presse? Ausgerechnet jetzt, vor der Bundestagswahl?“, fragt ein Teilnehmer des Kurses. Die anderen steigen sofort auf das Thema ein. Schäfer klärt als erstes über Hintergründe und Vorwürfe gegen die Bundeskanzlerin auf, damit auch jeder genug Basiswissen besitzt. Dann beginnt eine Diskussion, die Jugendlichen suchen nach Antworten. Der Lehrer lenkt das Gespräch immer wieder in die richtige Richtung: die Schüler müssen Standpunkte beziehen und diese gleichzeitig ständig im Dialog überprüfen und neu austarieren. Mit Hilfe von Gedankenexperimenten und erneuten Nachfragen des ein oder anderen kommen sie letztendlich zu einem Ergebnis: „Ein Politiker wird in so einer Situation nie nur Zustimmung erhalten. Es gibt zu viele gegensätzliche Interessen“, meint Paula, 16.

Danach geht es weiter mit dem momentanen Schwerpunktthema, der DDR, anlässlich zum 20. Jubiläum des Mauerfalls. Schäfer beginnt das Thema, indem er einen Ausschnitt einer Fernsehdokumentation zeigt. Die Schüler sehen gespannt zu. „Das ist das Schöne daran, dass es ein Wahlkurs ist. Es bleibt Zeit, Themen multimedial anzugehen. Außerdem sind auch nur Leute hier, die wirklich daran interessiert sind. So sind die Diskussionen viel effektiver!“, sagt Schüler Matthias am Ende der zwei Schulstunden. Studiendirektor Schäfer stimmt ihm zu: „Noten töten oftmals das Interesse ab. Aber es ist wichtig, politische Bildung an der Schule weiter auszubauen, den Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, Politik und Geschichte zu erfahren!“

Erschienen in: „ringfrei“ der Zeitschrift des Kreisjugendring Nürnberg-Stadt, Ausgabe Nr. 47 – Mai/09

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