Der Mut „Nein“ zu sagen

Egal ob blöde Anmache oder Gewaltverbrechen – es geht gegen den Willen des Einzelnen. Trotzdem werden vor allem junge Frauen immer wieder Opfer von Misshandlungen. Im Grundkurs Selbstverteidigung von Frau Erbacher lernen Kollegiatinnen des HLG deshalb, Selbstbewusstsein zu entwickeln und sich im Ernstfall zur Wehr zusetzen. Ein Erlebnisbericht.

 

„Stopp!“, hallt es durch die Turnhalle. „Nein! Ich will das nicht!“, rufen wir, circa zwanzig Kollegstufenschülerinnen im Chor, denn jeden Mittwochabend haben wir bei Frau Erbacher nicht nur normalen Sportunterricht, sondern beschäftigen uns mit Selbstverteidigung. Sich selbst verteidigen zu können ist gerade für uns Mädchen wichtig, das ist uns bewusst und war sicherlich auch der Grund, warum wir den Kurs belegten. Wohl jede hatte sich vorher schon mal auf dem nächtlichen Nachhauseweg überlegt: Und was mache ich, wenn mich jetzt jemand angreift? Mich wehren. Aber wie?

 

„Stopp! Ich will das nicht!“

 

Um diese Frage beantworten zu können, gehen wir das Thema im Unterricht erst mal theoretisch an. Frau Erbacher kommt mit einem Stapel Zeitungsausschnitten – alle zum Thema Gewalt, Verbrechen und Kriminalität gegenüber Frauen. Schnell wird uns klar: passieren kann immer etwas. Trotzdem machen die Artikel vor allem eins: Mut. Denn sie zeigen, dass es manchmal schon helfen kann, wenn ein Mädchen schreit und ihrem Angreifer signalisiert „Ich will das nicht!“. Der Täter erschrickt, lässt von ihr ab. Schon manche Straftat konnten Frauen so verhindern.

 

Deshalb ist das auch eine der ersten Übungen im Kurs: entschlossen „Nein!“ oder „Stopp!“ zusagen. Am Anfang kamen wir uns dabei albern vor. Doch je öfter wir die Worte wiederholten, desto bestimmter klangen sie auch. Nachdem wir diese Lektion gelernt hatten, beschäftigen wir uns mit Verteidigungsarten. Einfache Bewegungen können ausreichen, um einen potentiellen Angreifer für ein paar Sekunden außer Gefecht zu setzen – oder zumindest zögern zu lassen. Diese Sekunden können für eine Flucht genügen. Deshalb üben wir jetzt in Paaren gezielte Schläge ins Gesicht des Gegners – natürlich ohne uns wirklich zu verletzen. Auch so genannte „Befreiungstechniken“ üben wir ausgiebig. Ein Beispiel: Wenn wir von hinten umklammert werden, sich an den Armen des Angreifers festhalten und ihm kräftig auf die Füße oder gegen das Schienbein treten. „Natürlich können auch ganz simple Methoden wie kratzen oder beißen ihre Wirkung zeigen“, erklärt Frau Erbacher und betont: „Hauptsache ihr wehrt euch!“

 

Situationen gedanklich durchspielen

 

Die Übungen sind besonders deshalb von Nutzen, da wir uns mit der Situation auseinander setzen. Das heißt, sollte uns jemand wirklich angreifen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir vor lauter Schreck erst mal erstarren, geringer, wenn wir wissen, wie wir uns helfen können. Deshalb gehen wir in Gedankenexperimenten auch auf außergewöhnliche Zustände ein: „Wenn ihr eine fremde Wohnung betretet, achtet darauf, wie und wo ihr wieder rauskommt, notfalls durch ein Fenster oder eine Balkontür, wenn die Wohnung nicht im vierten Stock liegt!“, so Frau Erbacher. Auch überlegen wir, wie wir uns mit alltäglichen Dingen wehren können: ein Schlag ins Gesicht mit einem Schlüsselbund tut mehr weh, als mit der normalen Hand. Das Gleiche gilt für Haarbürsten, Regenschirme oder Flaschen – Gegenstände die Mädchen oft in ihren Taschen tragen.

 

Den Höhepunkt des Kurses stellt ein Besuch von Polizeihauptkommissar Friedrich Klein dar. Er erklärt uns, dass es besonders wichtig ist, dass wir selbstbewusst auftreten. „Denn Analysen haben ergeben, dass Gewalttäter sich nicht willkürlich ihre Opfer raussuchen. Sie greifen vor allem junge Frauen an, die unsicher, schüchtern oder ängstlich wirken. Daher könnt ihr alle etwas dafür tun, dass euch das nicht passiert!“, erzählt der Hauptkommissar. Aus diesem Grund üben wir mit ihm selbstsicher zu laufen – was schwieriger ist, als wir zu Anfang dachten: wir müssen aufrecht gehen, den Kopf hochhalten, Hüfte und Arme locker im Gang mitschwingen lassen. Außerdem versucht der Polizist unsere Wahrnehmung durch einige Spiele zu schulen, denn: „Gerade wenn sich Mädchen miteinander unterhalten, nehmen sie ihre Umgebung oft nicht richtig wahr! Das kann gefährlich sein!“

 

Am Ende fühlen wir uns alle tatsächlich um einiges selbstsicherer. Immerhin wissen wir jetzt, was wir im Ernstfall zu tun haben. Bei der ein oder anderen bleiben zwar vereinzelte Zweifel, ob wir gegen einen 100-Kilo-Mann Chancen hätten, aber einen Versuch – das wissen wir jetzt – ist es in jedem Fall wert. Als wir die Turnhalle verlassen, sieht uns Frau Erbacher lächelnd nach. Sie macht diesen Kurs nicht nur, um Schulnoten in unsere Zeugnisse einzutragen, sondern vor allem, damit wir etwas fürs Leben lernen!

 

Erschienen im Jahresbericht 2008 / 2009 des Helene-Lange-Gymnasiums Fürth

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