twitter.com: Fröhliches Gezwitscher oder nervige Dauerbeschallung?

Kopie von spatz1Chatprogramme, Communities und Blogs sind Internet von gestern. Die User von heute haben etwas Neues für sich entdeckt: sie zwitschern munter den ganzen Tag auf twitter.com – und werfen damit aktuelle Nachrichten, Falschmeldungen, Lappalien und ihr Privatleben ins Netz.

 

Dem Zwitschern der Vögel zu lauschen, kann in der warmen Nachmittagssonne wunderschön sein. Doch am Sonntagmorgen schon zu Sonnenaufgang geweckt werden, nur weil ein paar gefiederte Schreihälse vor dem Fenster meinen, sie müssten Radau machen? Nein, da wollen wir lieber nichts hören und ziehen uns noch einmal die Decke über den Kopf! Mit der Internetplattform twitter verhält es sich ähnlich: Aktuelle Infos über das Weltgeschehen und mindestens genauso wichtige Nachrichten von Freunden empfangen, ist das eine. In einer Flut von belanglosen und schlecht recherchierten Meldungen versinken, das andere!

Ca. eine Million schräge Vögel

Kopie von twitter4Für alle, die jetzt denken, diese twitterer haben doch einen Vogel, die einfache Erklärung: Der Name „twitter“ ist Englisch, bedeutet so viel wie Gezwitscher und bezeichnet einen noch recht neuen Internetdienst des Web 2.0, der 2006 in Amerika entstand. Twitter vereint SMS, Blog, Chat und Internetcommunity. Auf Deutsch:  Jeder schräge Vogel kann sich ein Profil anlegen und so alle Leute beschallen, die einen twitter-Account pflegen. Über das Internet und mittlerweile über SMS kann jeder registrierte Nutzer 140 Zeichen lange Nachrichten ins Netz schicken. Alle twitter-Freunde, die so genannten „Follower“, können diese Nachricht lesen, kommentieren und beantworten.

Der Inhalt des lustigen Gezwitschers variiert stark und macht twitter zum Privatchat, zur Nachrichtenagentur, zur PR-Maschine. Neben den zahlreichen privaten Nutzern, die über alltägliche Geschehnisse wie nervige Hausaufgaben twittern, zwitschern tagesschau und bbcbreaking von den neuesten Nachrichten und barackobama und tsghessen (Thorsten Schäfer Gümbel) zwitscherten über ihren Wahlkampf: Die Brieftaube hat endgültig ausgedient.

Zwitschernde Gradwanderung

Ruhm erlangte twitter, als im Januar 2009 ein Flugzeug nach dem Ausfall beider Triebwerke am Hudson River in New York erfolgreich notlandete. Ein Augenzeuge zwitscherte nur wenige Sekunden oder Minuten nach dem Flugzeugabsturz: „Da ist ein Flugzeug im Hudson River. Bin auf der Fähre, die die Leute aufnehmen wird. Verrückt!“ Wenig später war nicht nur die heldenhafte Notlandung in aller Munde, sondern auch das neue Internetmedium. Twitter ist sogar schneller als der Onlinejournalismus – und damit die neue Informationsquelle Nummer eins? Wie dem auch sei: mittlerweile haben schon knapp über eine Million Menschen einen twitter-Accont. Circa 200.000 zwitschern jede Woche. Das ergibt pro Tag fast drei Millionen neue twitter-Einträge.

Doch mittlerweile werden den Vögeln auch schon die Flügel gestutzt. Eine Gegenstimme von einem „twitterer“ selbst: „Jeder Hanswurst retweeted allen möglichen Müll oder zwitschert falsche Aussagen. Völlig undifferenziert!“ Soll heißen: ein Gerücht oder eine Vermutung macht dank twitter jetzt weltweit noch viel schneller Schlagzeilen – egal ob es sich letztendlich als Wahrheit oder Lüge entpuppt. In Zusammenhang mit dramatischen Ereignissen kann aus dem Gezwitscher aktueller Nachrichten so auch schnell ein Singsang aus Falschmeldungen werden. Ein gutes Beispiel war der grausame Amoklauf in Winnenden im März 2009: Auf twitter begann ein eifriges Hin und Her: „Der Täter ist tot.“ „Er ist nicht tot.“ „Er wurde erschossen.“ „Nein, er hat sich selbst erschossen.“ Ein Vorgang, der einige twitter-User wieder auf den Boden der Tatsachen zurück geholt hat. „Das hat meine twitter-Euphorie ganz schön gebremst“, twittert jemand kleinlaut. Trotzdem: am nächsten Tag werden wieder unzählige Menschen auf der ganzen Welt munter drauf los zwitschern.

All dem Internetgezwitscher ist gewiss schön zu lauschen. Doch eins kann es – wie wohl alle Web 2.0 Geschichten – nicht ersetzen: das Singen der Vögel, draußen in der realen Welt. Denn wie sagt ein altes Sprichwort so schön: jeder Vogel singt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Und deshalb singt es sich privat vielleicht angenehmer, als wenn es die ganze Welt hören muss.

Erschienen in: Schülerzeitung „helga“ des Helene-Lange-Gymnasiums Fürth im Schuljahr 2008/2009

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