Zu Besuch bei Goethe und Schiller

Goethe und Schiller „Der Charakter ruht auf der Persönlichkeit, nicht auf den Talenten“, sagte einst Johann Wolfgang von Goethe. Von den Talenten des Dichters sowie seinem Kollegen Friedrich Schiller hatten die Grundkurse Deutsch im Unterricht schon viel mitbekommen. Im Februar sollten sie Goethe und Schiller – den Begründer der Weimarer Klassik – auch persönlich näher kommen: Die Kurse von Frau Winter und Frau Veldkamp machten sich auf den Weg nach Weimar, die Heimatstadt der beiden Dichter des 19. Jahrhunderts.

Verschlafene Gesichter, müde Blicke, klirrende Kälte. Am Dienstag den 10. Februar stehen wir – etwa dreißig Kollegiaten aus zwei Grundkursen Deutsch – schon um 6.00 Uhr früh an der Bushaltestelle. Die Reise soll nach Weimar gehen. Zu Lebzeiten wohnten dort Goethe und Schiller. Gelesen hatten wir von den beiden schon viel, doch wer waren sie eigentlich wirklich? Wie lebten sie? Wir steigen in den Bus.

Gute drei Stunden später fährt dieser schon durch die Weimarer Straßen. Wir sind da. Raus aus dem Bus, Füße vertreten und erst mal ab zur Touristeninformation in Weimar. Vor dem Rathaus am Marktplatz machen ein paar Mitschüler eifrig Fotos. Dann werden wir in Gruppen aufgeteilt. Für den Deutschkurs von Frau Winter geht es zuerst in das ehemalige Wohnhaus von Schiller, erst später zu Goethe.

Wir laufen durch die Fußgängerzone vorbei an bekannten Markengeschäften und kleinen Antiquitätenläden die massenweise alte Exemplare von Goethe oder Schillers Werken in ihren Schaufenstern liegen haben. Plötzlich stehen wir vor einem gelben Haus mit türkisblauen Fensterläden – das Wohnhaus von Friedrich Schiller. Etwas windschief sieht es von außen aus. Später erklärt uns der Tourguide, dass im zweiten Weltkrieg eine Bombe knapp hinter dem Haus eingeschlagen hätte, deshalb hat es sich etwas abgesenkt. Auch der Fußboden ist innen teilweise schief.

Dafür sind wir alle sofort von unserem Tourguide in den Bann gezogen. Wild gestikulierend, mal mit leiser, mal mit lauter Stimme erzählt er aus Friedrich Schillers Leben. Er regt die Vorstellungskraft an und fast fühlen wir uns so, als würden wir tatsächlich im nächsten Raum Schiller und seiner Familie über den Weg laufen, um dann mit ihm gemütlich eine Tasse Kaffee zu trinken. Eine alte Kaffeeröstmaschine zeigte uns der Tourguide nämlich in der Küche. Unvorstellbar für die Generation „coffee-to-go“, dass damals Schillers Hausangestellte noch selbst mühsam die grünen Kaffeebohnen rösteten. Der Höhepunkt der Führung: Schillers Zimmer mit seinem Schreibtisch. Eine Feder und ein Tintenbehälter stehen auf dem Tisch, viele persönliche Gegenstände. Das einzige Indiz, das zeigt, dass das Zimmer aus längst vergangenen Zeiten stammt, ist die Uhr, die zu Schillers Tod angehalten wurde.

Am Ende der Führung sind wir fast ein bisschen wehleidig, dass es schon vorbei ist. Doch unser Tourguide beruhigt uns: er würde uns wenig später auch durch Goethes Wohnhaus führen. Wir freuen uns und sind immer noch fasziniert – selten schafft es jemand in einer Art Museum gerade Jugendliche so zu fesseln.

In der Mittagspause gehen wir in kleinen Grüppchen auf Entdeckungstour. Erste Feststellung: sowohl nach Goethe als auch nach Schiller wurde in Weimar jeweils ein Kaufhaus benannt. Zu was das idyllische Städtchen gleich zwei riesige Einkaufskomplexe braucht, wissen wir nicht so ganz. Aber hier gibt es anscheinend alles nur – wie Goethe und Schiller auch – im Doppelpack. Wenige Schritte weiter entdecken wir die Statue der beiden Dichter. Ganz anmutig stehen sie da, reichen sich die Hand und blicken über die Weimarer Innenstadt.

Jetzt ist es auch schon an der Zeit, Herrn von Goethe einen Besuch abzustatten. Sein Haus – oder eher sein Gebäudekomplex – ist riesig, um einiges größer als Schillers Zuhause. Kein Wunder! Das Haus am Frauenplan bekam Goethe auch vom damaligen Herzog geschenkt, da Goethe damals nicht nur als Dichter sondern auch im Staatsdienst arbeitete. Die Säle im Haus sind beeindruckend, fast alle in unterschiedlichen Farben gestrichen – und jede Farbe hat ihre Bedeutung, wie der Tourguide weiß. Fast schlüpft dieser in die Rolle von Goethe. Es wirkt beinahe, als wäre er selbst dort zuhause. Unsere Blicke verfolgen ihn gespannt. Goethes Kutsche, Goethes Schlafgemach – und wieder zu letzt: Goethes Arbeitszimmer. Etwas ehrfurchtsvolle Stille kehrt ein. Das Zimmer mit dem Schreibtisch und den vielen Schränken ist gigantisch. Noch beeindruckender ist Goethes eigene literarische Sammlung: hohe Buchregale mit alten, etwas verstaubten Büchern reihen sich aneinander. Wir halten fast die Luft an, während der Tourguide erzählt, wie Goethe den Faust fertig schrieb – und damit vielleicht eine Antwort auf die Frage nach der Liebe gab, da sich Gretchen und Faust im Himmel angeblich wieder versöhnen.

Dann waren wir auch viel zu schnell wieder zurück am Bus. Aber der Tag zu Besuch bei Goethe und Schiller bleibt uns noch lange im Gedächtnis. Später erfahren wir: unser Tourguide war eigentlich Schauspieler am Weimarer Theater und verdient sich nur nebenbei sein Geld mit Führungen durch die Wohnhäuser der beiden Dichter. Kein Wunder, dass er uns einen so guten Eindruck vermitteln konnte – oder wie Schiller sagen würde: „Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst.“

Erschienen im Jahresbericht 2008/2009 des Helene-Lange-Gymnasiums Fürth

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