Demokratie leben – Schule als Übungsraum

Friedrich Weinländer SchülersprecherDie Demokratie ist der wohl wichtigste Baustein unserer Gesellschaft. Genau deshalb ist es wichtig, dass Kinder und Jugendliche schon früh Demokratie und Beteiligung lernen. Doch nicht nur theoretisch an der Tafel! Demokratie erfahren, erleben und aktiv gestalten – das ist es, was die Schulen leisten müssen, um Schüler zu mündigen Bürgern zu erziehen!

 

 

 „Eine demokratische Schule stelle ich mir vor allem basisdemokratisch vor. Jeder kann sich einbringen, erhält Informationen, fühlt sich vertreten und hat eine Stimme.“ Das ist die Meinung von Friedrich Weinländer. Der 18-jährige ist Kollegstufenschüler am Helene-Lange Gymnasium in Fürth. Seit zwei Jahren vertritt er dort seine Mitschüler als einer von drei Schülersprechern. „Ich möchte was verändern!“, meint er motiviert.

Seine Arbeit bei der Schülermitverwaltung (SMV) ist ihm schon deshalb enorm wichtig, weil die darin engagierten Schüler Beteiligung lernen. „Wir haben eine SMV-Ordnung ausgearbeitet, machen regelmäßige Abstimmungen und jeder kann vorbei kommen und sich einbringen!“, erklärt er stolz. Er, als Schülersprecher, müsse sich stets nach der Meinung der Mehrheit richten. „Das ist für alle eine gute Möglichkeit, Demokratie auszuprobieren“, fügt er hinzu. Auch die Wahl des Schülersprechers erfolgt demokratisch.

Schüler gestalten den Lebensraum Schule

Roman, Tamina und Marina (v.l.) engagieren sich gemeinsam auch außerschulisch bei der Jungen Presse BayernDoch mit Demokratie hat Schule bisweilen nicht viel zu tun, ist sich Friedrich sicher. Ihm gefällt vor allem eins nicht: wie mit Engagement von Seiten der Schüler teils umgegangen wird – nämlich dass es kaum Gehör findet. Er aber ist der Meinung, es gehört zur Schule, dass die jungen Menschen Selbstständigkeit und Eigenverantwortung lernen, also die Möglichkeit erhalten, eigene Ideen zu realisieren. Schon oft hat sich Friedrich mit Schülern anderer Schulen ausgetauscht: „Viel zu oft machen Direktoren von ihrem Hausrecht Gebrauch. Klar, ein Direktor hat die letzte Weisungsbefugnis. Aber er darf sie nicht als Grund verwenden, nicht mit seinen Schülern über Dinge zu diskutieren und so die Zusammenarbeit abzulehnen.“ Friedrich wünscht sich, mehr Austausch zwischen Schülern und Schulleitung. „Und dieser Austausch sollte von gegenseitigem Respekt und Toleranz geprägt sein!“, meint er.

Eine der Veranstaltungen, auf denen Friedrich die Möglichkeit hat, sich mit anderen auszutauschen, war auch dieses Jahr das bayerische SchülerInnen Symposium, kurz basis09. Unter dem Motto „basis09 – denn du weißt, wie Schule sein muss“ trafen sich im April 600 Teilnehmer auf Europas größtem Schülerkongress in Nürnberg. Dort haben ein Wochenende lang Schülerinnen und Schüler ihre Ideen und Meinungen präsentiert, wie Schule wirklich sein sollte. Sie konnten mit Politikern diskutieren und sich in zahlreichen Workshops weiterbilden. Viele schulpolitische Themen wurden aufgegriffen: wie können sich Schüler besser in den Schulalltag einbringen, wie kann man Chancengleichheit wahren und warum müssen die Bildungskosten so hoch sein? Ein anderer Aspekt war auch die Einbeziehung von Homosexualität in die Lehrpläne. Im Großen und Ganzen ging es vor allem um eins: die Visionen der Schüler für ihren Lebensraum Schule! Ein Ziel von basis09 ist es ein Zeichen gegenüber der Öffentlichkeit zu setzen. „Denn Schule sollte von Schülerinnen und Schülern erdacht und gestaltet werden“, gab Isabel Schmuck, Pressesprecherin des Schülerkongresses zu bedenken.

Beteiligung als Schlüsselqualifikation

Auch die beiden 16-jährigen Schülerinnen Tamina Klinger und Marina Wörrlein waren zwei Teilnehmer auf basis09. Tamina engagiert sich in ihrer Schule am Gymnasium in Roth vielseitig. Sie ist Chefredakteurin der Schülerzeitung, Tutorin und singt im Schulchor. Für sie ist Engagement eine wichtige Kernkompetenz für das spätere Leben: „Wenn man schon in der Schule lernt sich zu engagieren und im Team zu arbeiten, hat man es später im Beruf leichter!“ Sie stellt sich eine demokratische Schule so vor, dass die Schüler ein Recht auf Abstimmung haben. „Die Schüler sollten entscheiden können, ob Gelder in einen neuen Chemie-Saal oder lieber in die Renovierung von Klassenzimmer fließen! Sie wissen das am besten!“ Auch Marina ist Chefredakteurin ihrer Schülerzeitung und Tutorin am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Röthenbach. Außerdem ist sie bei den Schulsanitätern aktiv. Von basis hatte sie einen sehr positiven Eindruck: „Man hat gespürt, dass die Leute wirklich etwas bewegen wollen. Das war eine grandiose Stimmung!“ Für sie ist Schule vor allem eins: ein Raum zum ausprobieren. „Ein gutes Beispiel ist unsere Schülerzeitung. Wir dürfen selbstständig arbeiten und da geht auch mal was schief – aber genau das ist wichtig, um einen Lerneffekt zu erzielen! Und das geht nur in der Schule, denn dort ist es nicht schlimm, wenn die Zeitung ein Monat später als geplant erscheint.“, erzählt sie. Marina ist froh, dass sie einen Direktor hat, der es ihr und ihren Mitschülern ermöglicht, Erfahrungen zu sammeln und nicht nur alles verbietet. „Junge Menschen müssen früh lernen Demokratie zu üben. Nur so wissen sie, welchen unschätzbaren Wert unsere Demokratie hat und werden später keine politikverdrossenen Erwachsenen!“, meint Marina. Ein Freund der beiden Mädchen, Roman Kindl, 18, war auch auf basis09. Er besucht das Paul-Pfinzig-Gymnasium in Hersbruck und arbeitet ebenfalls in der Schülerzeitung seiner Schule mit. Er hat klare Vorstellungen davon, wie die optimale Zusammenarbeit zwischen Schülern und Schulleitung aussehen sollte: „Das Wichtigste ist die Kommunikation! Dass Schüler und Eltern zu verschieden Stadien von Entscheidungen informiert werden und nicht alles im Nachhinein erfahren.“

Schule gestalten, Demokratie leben

Schülersprecher Friedrich macht sich derweilen Gedanken darüber, wie eine demokratische Schule sein könnte: „Es sollte einmal pro Woche eine Klassenstunde geben, in der der Schülersprecher die Klasse besucht und mit ihr über Probleme und Anregungen spricht. Sonst bekomme ich ja nur die Chance, mich zwischen Tür und Angel mit meinen Mitschülern auszutauschen!“ Außerdem findet er, sollte es öfter Schülervollversammlungen geben. „Ich wäre auch für die Einführung eines Schüler-Gerichts“, so Friedrich. Damit ist gemeint, dass durch Schüler alternative Strafen zum Verweis eingeführt werden. „Das hat zur Folge, dass die Schüler sich nicht nur über einen Verweis ärgern, sondern den Sinn hinter einer Strafe sehen, Werte erkennen und aus ihren Fehlern lernen!“

Für manch einen klingen diese Vorschläge vielleicht revolutionär, doch Friedrich weiß, dass die Umsetzung funktionieren kann. Mit seiner Familie lebte er einige Jahre in Japan und besuchte eine deutsche Schule. Dort waren seine Forderungen, die er in Deutschland an das Schulsystem stellt, längst umgesetzt. „So war der Bezug zu den Schülern viel stärker vorhanden!“ Auch in Japan hatte sich Friedrich als Schülersprecher engagiert und weiß: „Die Lehrer verstehen sich dort viel mehr als Partner, statt als unantastbare Autoritätspersonen. Das bietet mehr Raum für Diskussionen und somit auch für Fortschritt in Sachen Gestaltung des Lebensraums Schule.“

Aber nicht nur in der SMV können Schüler laut Friedrich, der auch Chefredakteur seiner Schülerzeitung ist, Beteiligung lernen. „Die Schülerzeitung ist ein wichtiges Unterhaltungs- und Kontrollmedium für Schüler. Sie übernimmt sämtliche Aufgaben die eine normale Zeitung auch hat“, erklärt er. Nicht umsonst hießen die Medien auch die vierte Gewalt im Staat. Durch eine Schülerzeitung könnten sich die Jugendlichen informieren und mitreden. Außerdem würden die Redakteure lernen, sich mit Themen kritisch und sachlich auseinander zu setzen. „Eigentlich fördert jede Arbeitsgemeinschaft einer Schule Demokratie. Egal ob man beim Schulradio, in der AG Schule ohne Rassismus oder bei der Schulhausgestaltung mitwirkt. Das Wichtigste ist, dass Schüler sich einbringen. Denn einbringen bedeutet, Demokratie zu leben!“, so Friedrich. Für die Zukunft wünscht er sich vor allem eins: Mehr Engagement von allen – egal ob Schülern, Lehrern, Schulleitern oder Vertretern des Kultusministeriums.

 Erschienen in: JUNA Jugend Nachrichten, Die Zeitschrift des Bayerischen Jugendrings, Ausgabe: 4-2009, Titelthema: „Politische Bildung – Demokratische Praxis“

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