Hanne, 18, trifft zum ersten Mal in ihrem Leben ihren Vater

Hanne7Den Mann, den sie heute „Papa“ nennt, kannte Hannelore Gabor 18 Jahre lang nicht. Als sie eine Adresse wusste, setzte die Schülerin auf den Überraschungseffekt: Sie fuhr nach Österreich und wartete mit flauen Gefühl im Bauch vor dem Haus einer wildfremden Familie.

„Mein größter Wunsch war es einmal in meinem Leben meinen Vater zu treffen. Ich hatte nie gehofft, längerfristig Kontakt mit ihm zu haben, hatte gedacht, dass er mich vielleicht gar nicht haben will. Aber ich wollte ihn definitiv einmal in meinem Leben sehen! Das war mir schon immer wahnsinnig wichtig!

Meine Mutter und mein Vater lernten sich kennen, als sie beide aus Rumänien nach Österreich geflohen waren. In Rumänien herrschten schreckliche Zustände und sie wollten beide weg. Mein Vater hatte schon damals eine Frau und Kinder – trotzdem verliebten sie sich. Doch dann erhielt meine Mutter die Chance weiter nach Deutschland zu ziehen, während mein Vater vorerst in Österreich bleiben musste. So trennten sich also ihre Wege. Wochen später rief meine Mutter noch einmal bei ihm an, sagte ihm, dass sie schwanger sei. „Mach das Beste daraus!“, meinte er, wohl mit der Hoffnung, ihr eines Tages nach Deutschland folgen zu können. Doch danach riss der Kontakt zwischen meinen Eltern komplett ab. Meine Mutter wusste nicht, ob mein Vater in Österreich geblieben war oder gar nach Rumänien zurück gekehrt sei. Er hingegen wusste nicht, ob sie mich, ihr gemeinsames Kind, überhaupt bekommen hatte.

Hanne5Doch das hatte sie und ich war es gewohnt ohne Vater aufzuwachsen. Mir hat auch nichts gefehlt, aber trotzdem war da immer dieser Gedanke, dass ich ihn eines Tages gerne treffen würde. Meine Mutter war damit einverstanden. Gemeinsam suchten wir eine lange Zeit über das Internet, doch von meinem Vater gab es keine Spur. Eine Freundin meiner Mutter stieß letztes Jahr eher zufällig auf seine Adresse – er wohnte noch in Österreich. Als plötzlich ganz reell die Möglichkeit bestand, ihn kennenzulernen, war mir sofort klar, dass ich zu ihm fahren würde! Ich wusste, dass er eine andere Familie hat und dachte daher, dass er mich nicht akzeptieren würde. Aber wie gesagt: ich wollte ihn nur einmal sehen, koste es was es wolle!

Also bequatschte ich meine Tante, sie solle mit mir zu ihm fahren. Doch sie war skeptisch. Ich könne nicht einfach bei ihm auftauchen, ich wüsste gar nicht wie er oder seine Frau reagieren würden. Sie wollte einen Brief schreiben. Mir war das zu unpersönlich. Wir einigten uns darauf, dass wir nach Österreich fahren würden und sie ihm den Brief übergeben würde. Nicht mehr und nicht weniger. In dem Brief schilderten wir die Geschichte, erklärten ihm, wer ich war.

In den Herbstferien war es dann so weit: Zu zweit setzten wir uns ins Auto und fuhren los ins Ungewisse. Stunden später kamen wir an, mieteten uns ein Zimmer in einem Gasthof und fuhren zu seinem Haus. Er war nicht da. Also warteten wir. Jedes Mal wenn ein Auto anhielt und jemand ausstieg, klopfte mein Herz bis zum Hals. Doch nie war es er, der nach Hause kam. Als es langsam dunkel wurde, sagte meine Tante, es sei an der Zeit, zurück zu fahren. „Okay, lass uns nur noch schauen, wer in dem Auto sitzt, das da kommt!“, bettelte ich. Und tatsächlich: der Mann der aus dem Auto stieg, ging zu dem Haus, in dem mein Vater wohnte. Ich hatte nur noch einen Gedanken: Ist er das?

Meine Tante stieg aus, ging zu ihm, gab ihm kurzerhand den Brief. Dann kam sie zurück ins Auto und bestätigte mir, dass er es war. Neugierig beobachtete ich ihn. Auf einmal kam er im Stechschritt auf unser Auto zu, irgendwie sah er ärgerlich aus und ich bekam es ein wenig mit der Angst. Wie würde er jetzt reagieren? Meinte Tante stieg nochmal aus und er fragte, ob ich das im Auto sei. Er wollte, dass ich aussteige. Langsam öffnete ich also die Tür und ging ums Auto herum und blickte zum ersten Mal dem Mann in die Augen, der mein Vater ist. Seine Züge wurden weicher, er lächelte und nahm meine Hände in seine. War ich erleichtert! Er sagte, dass es ihm Leid täte, dass er mich erst jetzt kennenlernte. Aber er hatte nie gewusst, wie und wo er mich finden sollte. Und er sagte: „Ich hab dich lieb!“ Dann lagen wir uns weinend in den Armen. Ich war so glücklich!

Am Tag darauf trafen wir ihn in dem Gasthof, in dem wir für ein paar Tage wohnten. Eigentlich dachte ich, wir hätten uns nach 18 Jahren wahnsinnig viel zu erzählen, doch anfangs wussten wir beide gar nicht, was wir sagen sollen. Mit der Zeit entdeckten wir aber, dass das schon eine von vielen Gemeinsamkeiten war: wir sind eben beide sehr ruhige Menschen! Überhaupt stellte ich eine wahnsinnige Ähnlichkeit zwischen uns fest, die ich zwischen mir und meiner Mutter nie gefunden hatte. Das fühlte sich gut an!

Auf jeden Fall wollte mein Vater aber den Kontakt zu mir beibehalten, mich als seine Tochter annehmen. Damit hätte ich nie gerechnet! Heute telefonieren wir regelmäßig und in den Sommerferien werde ich wieder einige Tage mit meiner Tante zu ihm nach Österreich fahren. Seine andere Familie habe ich bis jetzt nicht kennen gelernt, aber er meint, das wird noch. Ich bin froh, jetzt richtig einen Vater zu haben. Vielleicht war es die beste Entscheidung meines Lebens, ihn zu suchen!“

Erschienen im Schulspiegel, Rubrik „Mein erstes Mal“: spiegel.de/schulspiegel

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