Berufung statt nur Beruf

Pfarrer: ein älterer Herr, eben ein konservativer Prediger, der ständig nur in der Kirche sitzt – das ist nicht gerade der Traumjob von Jugendlichen. Doch dieses Bild entspricht kaum der Realität. Der evangelische Pfarrer Martin Irmer, 31, ist jung, dynamisch und hat schon ziemlich viel von der Welt gesehen.

 

 

 

 

Schnell kommt er mit seinem Fahrrad um die Ecke gesaust, stoppt und nimmt den Helm ab. Lächelnd wünscht er Passanten einen wunderschönen guten Morgen und wirft sich dann eilig sein Pfarrgewandt über. Es ist Zeit für den allsonntäglichen Gottesdienst. „Aber eigentlich ist mein Alltag von Zufälligkeiten geprägt, denn nach Plan wird weder geboren noch gestorben“, sagt Martin Irmer, Pfarrer zur Anstellung in der Kleinstadt Neustadt an der Aisch. Er ist 31 Jahre alt, hat eine kleine Tochter und studierte Theologie, unter anderem in Neuendettelsau, in Erlangen, im Wuppertal – und zwei Semester in Kingston, Jamaica.

Sein Theologiestudium hatte Martin Irmer aus reinem Interesse begonnen. Pfarrer wollte er zu Beginn keineswegs werden. „Als Diplomtheologe kann man viel machen, zum Beispiel bei den Vereinten Nationen arbeiten – oder Staubsauger verkaufen. Es heißt nämlich immer, ein Theologe kann einem alles aufquatschen“, erzählt er schmunzelnd. Im Theologiestudium lernte er vieles, von Literaturgeschichte, über Glaubenslehre bis hin zu Religions- und Missionswissenschaften. Sieben Jahre kann, laut Martin Irmer, das Studium schon dauern: „Es ginge auch kürzer. Aber man nimmt sich selbst viel, weil man weniger Denkrichtungen kennenlernt. Studiert man kürzer liest man quasi nur die Überschriften und nicht die Bücher dazu, geschweige denn, dass man die Menschen dazu trifft!“

Theologiestudium hinter Stacheldraht

In seinem Studium hat sich Martin Irmer intensiv mit afrikanischen Religionen und afrikanischem Christentum beschäftigt. Bald stand für ihn fest: er wollte selbst Erfahrungen im Ausland sammeln. Die Insel Jamaika bot sich an, weil sie zum einen afrikanisch, aber auch latein- und nordamerikanisch geprägt ist. „Außerdem konnte ich dort auf Englisch studieren, ein klarer Vorteil, dachte ich zumindest. Mein Schulenglisch bedurfte aber noch einer Generalsanierung!“, so der junge Pfarrer. Jamaika hatte für Martin Irmer Pioniercharakter. Soweit er weiß, war er der erste deutsche evangelische Theologiestudent, der auf der Karibik-Insel studierte. „Von Urlaubsstimmung habe ich nichts mitgekriegt!“, meint er bestimmt, „Ich musste hinter Stacheldraht wohnen, habe nachts Schüsse gehört und konnte abends nicht mehr frei durch die Straßen schlendern. Das war am Anfang sehr hart!“

Sein Auslandsaufenthalt in Jamaika war nicht seine einzige außergewöhnliche Aktion. Während der Semesterferien zog es ihn doch noch ganz nach Afrika. Ein paar Wochen absolvierte er ein Praktikum in einer Bibelschule in Tansania am Kilimandscharo. „Ich lernte Suaheli und kam das erste Mal mit Halbnomaden, den Massai, in Kontakt“, erzählt er mit strahlenden Augen, „Die Erlebnisse dort haben mich bestärkt, Pfarrer zu werden und gleichzeitig die Kirche global zu denken.“

Wohnort? Irgendwo …

Nach dem Studium musste er – ähnlich wie angehende Schullehrer ein Referendariat – sein Vikariat machen, das zweieinhalb Jahre dauert. Jetzt ist er für drei bis fünf Jahre Pfarrer zur Anstellung, also im Probedienst und noch nicht verbeamtet. Danach wird er Pfarrer auf Lebenszeit und er bekommt die „Bewerbungsfähigkeit“ verliehen, denn bis jetzt konnte er sich seinen Wohnort nie selbst aussuchen: „Da musste ich flexibel sein. Gerade wurde ich nach Neustadt an der Aisch gesendet. Aber die Gemeinden, in denen ich eingesetzt werde, begrenzen sich auf das Bundesland. Also war klar, dass ich in Bayern bleibe, eben irgendwo zwischen Garmisch und Hof oder in den kleinen Dörfer außen herum.“

Als Pfarrer hat Martin Irmer jedenfalls viel mehr Aufgaben, als nur Gottesdienste vorzubereiten. „Ich richte mich nach den Lebensereignissen der Menschen, von Taufe bis zum Tod, von Lebensberatung bis zu Geburtstagen, Hochzeiten und Konfirmationen“, erzählt er. Außerdem verbringt Martin Irmer viel Zeit mit seelsorgerischen Diensten und Beratungsgesprächen. Vor kurzem hat er auch die Leitung zweier Kindergärten übernommen. Schulunterricht gibt er auch noch: „Das ist mir wichtig, um auch mit den jüngeren Generationen über den Glauben und das Leben zu sprechen – was man nicht voneinander trennen kann!“

Eine gewisse Weltoffenheit

Überhaupt ist für ihn der Kontakt zu Menschen das Wichtigste in seinem Beruf.  „Ich möchte für jeden ein offenes Ohr haben“, so Martin Irmer. Deshalb ist er sich auch sicher: Wer lieber den ganzen Tag mit Akten zu tun hat, sollte kein Pfarrer werden. Allerdings kann seine Arbeit schon auch mal einsam sein, zum Beispiel, wenn er über einem neuen Predigttext am Schreibtisch brütet. „Ich will nicht irgendetwas erzählen, was mir gefällt. Sondern es soll zur richtigen Zeit am richtigen Ort passen.“ Für ihn ist es nicht das Wichtigste, dass die Predigt den Kirchgängern gefällt: „Natürlich freue ich mich, wenn ich für eine Predigt Lob bekomme. Aber manchmal ist es auch schlecht, wenn eine Predigt gefällt – nämlich dann, wenn sie aufrütteln und die Menschen zum Nachdenken bringen soll!“ Aber, dafür dass der entscheidende Funke überspringe, da verließe er sich ganz auf den Geist Gottes, so Irmer.

Natürlich geht es ihm wie jedem anderen Berufstätigen auch: manchmal nervt der Job. „Aber das Schöne ist, dass es für mich nicht nur ein Beruf, ein Job ist, sondern vielmehr eine Berufung. Das Anliegen, die frohe Botschaft zu verbreiten, treibt mich immer wieder vorwärts!“

Vorwärts will er auf jeden Fall noch. Längerfristig hat Martin Irmer den Wunsch, wieder ins Ausland zu gehen. Er und seine Familie wollen die Beziehungen der Menschen nicht nur in einem Dorf sehen, sondern in einem weltweiten Kontext.

Erschienen auf: schekker.de

Advertisements

One Response to Berufung statt nur Beruf

  1. Hallo Jennifer Hertlein,
    schöner Artikel über Martin Irmer. Er (Irmer) wird im September eine Pfarrstelle in Eschenau antreten. Wir geben das örtliche wochenblatt heraus und möchten anfragen, ob wir Teile des Artikels verwenden dürfen, um den neuen Pfarrer vorzustellen.
    Mit freundlichen Grüßen, Andreas Unbehaun

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: