„Echten Sozialkontakten“ in steter Konkurrenz

Jugendarbeit, das heißt, Jugendliche treffen sich, spielen Kicker oder Tischtennis, reden und können sich bei Schwierigkeiten an Betreuer wenden. Jugendarbeit, das heißt auch, Jugendliche kommen zusammen und bilden eine Gemeinschaft, in der sie sich ausprobieren, austauschen und entwickeln können. Doch heute sind die Jugendhäuser leer und die Jugendlichen sitzen zu Hause vor dem PC. Nur beim CVJM, da sieht die Welt noch ein bisschen anders aus, wie JuNa-Autorin Jennifer Hertlein erfahren hat.

„Vor fünf Jahren war das noch so: Wahnsinn, das Jugendhaus hat DSL! Heute hat jeder daheim am eigenen Rechner Internet. Deswegen treffen sich die Leute jetzt online statt hier“, erzählt Thomas Gaßner. Zusammen mit Claus Grau gehört er zur Jugendpflege Süd. Die zwei Männer kümmern sich hauptberuflich um drei Jugendzentren in Cadolzburg, Roßtal und Großhabersdorf im Landkreis Fürth.

Thomas Gaßner und Claus Grau betreuen die offenen Treffs und füllen sie mit Leben. Außerdem versuchen sie im Monat mindestens ein gemeindeübergreifendes Angebot anzubieten. „Sei das nun Sandboarden, Kanufahren oder ein Besuch in ein Museum. Wir versuchen breitgefächert alles abzudecken, sowohl sportlich als auch kulturell.“, so Claus Grau. Das Jugendhaus „Herz“ in Cadolzburg bietet ebenfalls viele Freizeitmöglichkeiten: eine Wii, Internetzugang, Kickertisch, Beamer, Brettspiele und natürlich viele Sofas, auf denen es sich die Jugendlichen gemütlich machen können. Die Jugendlichen, das sind Kinder ab zwölf bis hin zu jungen Erwachsenen mit 21 Jahren. „Früher kamen die Leute mit fünfzehn oder sechzehn. Heute nehmen wir auch mal Elfjährige mit“, so die Jugendpfleger.

Was denkt die Jugend?

Doch das ist nicht der einzige Wandel, der sich in den letzten Jahren im Jugendhaus vollzogen hat. Mittlerweile kommen immer weniger Jugendliche, die Öffnungszeiten gehen folglich zurück. „Natürlich ändern Jugendlichen ihr Freizeitverhalten immer wieder!“, meint Claus Grau, „Aber in letzter Zeit haben wir verstärkt festgestellt, dass sie viel mehr das Internet nutzen und oft nur noch stundenlang vor ihrem PC abhängen.“ „Wir wüssten einfach gerne, was in den Köpfen der Jugendlichen vorgeht, die nicht ins Jugendhaus kommen“, fügt sein Kollege hinzu.

Konsum statt Kontakte?

Auch Michael Spiegel, 21, Vorsitzender des Jugendforums sagt: „Also was die ganz Jungen zur Zeit wollen, das weiß nicht mal ich!“ Er selbst verbrachte als Jugendlicher sehr viel Zeit im Jugendhaus, wurde mit seiner Clique dort quasi groß. „Wir haben eben einen Raum gesucht, wo wir uns treffen konnten. Weil zu Hause ist das doof. Ich denke, das ist auch heute der Hauptgrund, warum Leute ins Jugendhaus kommen.“ Bei Michael war es noch so, dass er einfach ins Jugendhaus ging. Entweder seine Kumpels waren dann da oder er hat sich mit den Jugendpflegern unterhalten. Und spätestens nach einer Viertelstunde tauchte ein Freund auf.

Aber das „gemütliche Beisammensein“ fällt heute immer öfter weg, so Thomas Gaßner: „Die Jugendlichen, gerade die Jüngeren, nutzen das Jugendhaus punktuell.“ Soll heißen: Sie kommen hier her um ins Internet zu gehen, zu chatten oder mit der Wii-Konsole zu spielen. Sind sie fertig, verschwinden sie wieder, meist ohne viele Worte mit den Jugendpflegern wechseln zu wollen. „Das ist reine Konsumhaltung“, bilanziert Claus Grau desillusioniert.

„Da frage ich mich, warum sie sich nicht gleich mit Freunden treffen? Schließlich sind Sozialkontakte doch ein Bedürfnis, das jeder Mensch hat.“, wundert sich auch Thomas Gaßner. Laut ihm sei es enorm schwierig, mit den Jüngeren ins Gespräch zu kommen: „Wir fragen nach, aber sie geben uns kaum Antworten. Eigentlich habe ich den Eindruck, als wüssten sie selbst gar nicht, was sie wollen!“

Aber es gibt auch Jugendliche, die durchaus wissen was sie wollen: nämlich gemeinsam Spaß haben, gemeinsam Sport machen, gemeinsame kleine Abenteuer erleben. Das ist zumindest bei der CVJM-Jugendgruppe „Taube Nüßchen“ der Fall. Winfried Schäfer, 46, gründete die Gruppe der fünf Jungs im Alter von zwölf bis vierzehn Jahren nach einer Geburtstagsfeier seines Sohnes: „Ich dachte, das sind alles recht nette Jungs und es wäre doch schön, wenn sie die Möglichkeit hätten, sich auch außerhalb der Schule regelmäßig zu treffen.“ Außerdem war für Winfried Schäfer ausschlaggebend, dass er selbst, so sagt er, im CVJM aufgewachsen sei: „Ich hab mich dort immer sehr wohl gefühlt und wollte, dass auch mein Sohn dieses Miteinander erfährt.“

Winfried Schäfer findet nicht, dass die Jugendlichen heute ihre Freizeit beim CVJM wesentlich anders gestalten als früher. „Im Gegenteil. Die Kids haben alle schon mal Computer gespielt und festgestellt: das wird irgendwann langweilig. Daher sind sie an gemeinschaftlichen Aktivitäten wahnsinnig interessiert! Gerade wenn wir zusammen ins Schwimmbad gehen oder zelten sind sie total begeistert.“, erzählt Schäfer, „Bei uns war das auch nicht anders. Wir wollten als Jungen einfach mal ein bisschen Blödsinn machen, Spaß haben und von zu Hause rauskommen.“

Auch über eine rückläufige Zahl an Jugendlichen kann er sich nicht beschweren. Seine Gruppe sei relativ klein, weiß er, doch das läge nur daran, dass er sich persönlich nicht zu sehr belasten wolle. „Aber wenn die Jungs alle nochmal ihre Freunde abklappern würden, wären wir wahrscheinlich noch etliche mehr“, sagt er.

Allerdings sieht Winfried Schäfer ein ganz anderes Problem in den Strukturen des CVJM: es fehlt an Betreuer, vor allem jungen Betreuern. „Der Mangel an Mitarbeitern ist groß. Ich bin jetzt 46 und eigentlich aus dem Alter draußen. Trotzdem sind momentan die meisten Betreuer genauso alt. Wir haben keine Zwanzigjährigen, keine jungen Erwachsenen, die sich im CVJM engagieren.“, erklärt er. Schade sei das, immerhin wäre es für die Jugendlichen gut, mit Betreuern zu arbeiten, die nicht allzu viel älter sind, als sie selbst.

Gründe für die wenigen jungen Mitarbeiter gibt es einige – da ist sich Winfried Schäfer sicher. Zum einen hätte der CVJM es verpasst, die letzte Generation an Jugendlichen selbst für die Jugendarbeit zu motivieren. „Die Zwanzigjährigen haben den Einstieg nicht gefunden. Wir versuchen jetzt, die Kids an die Jugendarbeit heranzuführen. Aber natürlich wissen wir nicht genau, ob das auch funktionieren wird.“ Winfried Schäfer bemängelt, dass hier professionelle Hilfe fehlt. „Ich arbeite – wie viele andere auch – ehrenamtlich und fühle mich nicht wirklich fähig, hier junge Leute zu rekrutieren. Die bräuchten auch eine gewisse Grundausbildung, also Schulungen. Deswegen hätten wir die Unterstützung von Hauptamtlichen dringend nötig. Bei der Kirche funktioniert das auch gut!“

Der Terminkalender ist zu voll

Allerdings gibt es, laut Schäfer, auch noch ein anderes Problem: Die jungen Erwachsenen sind zu sehr im Stress, um sich beim CVJM als Betreuer zu engagieren. „Schon die Sechzehn- oder Achtzehnjährigen haben viel Schulstress. Dann gehen sie oft zum studieren in andere Städte, müssen auch hier hohe Leistungen erbringen und sich anschließend schleunigst um einen Job kümmern.“, meint Schäfer, „Da bleibt kaum Zeit für ehrenamtliches Engagement.“

Da stimmen die Jugendpfleger vom Jugendhaus „Herz“ in Cadolzburg dem CVJM-Leiter voll und ganz zu. Auch sie stellen immer wieder fest, dass die Jugend von heute terminlich ausgebucht ist. „Wenn die Schulbildung über die Hauptschule hinaus geht, haben die Leute kaum Zeit um ins Jugendhaus zu kommen“, erzählt Thomas Gaßner, „Ich habe selbst drei Söhne. Der Älteste ist siebzehn. Er sagt ganz klar: Ich gehe nicht ins Jugendhaus. Wenn ich schon mal Zeit habe, dann ruhe ich mich lieber aus!“ Ein Indiz dafür, dass die Jugend vollbeschäftigt ist: „Sie hängen auch nicht alle verstärkt auf der Straße oder bei typischen Treffpunkten rum.“, ergänzt Gaßner.

Sein Kollege Claus Grau beanstandet nicht nur, dass die Jugendlichen sich weniger treffen. Sie lassen sich auch nicht so leicht begeistern. „Den Jugendlichen fehlt es an politischer Motivation. Früher, vor vielleicht zwanzig Jahren, hatte jeder einen politischen Standpunkt. Menschenketten, die Grünen, das hat breite Teile der Jugend bewegt. Und heute?“

Ein Schritt auf die Jugendlichen zu

Heute ist es wichtig, dass sich die beiden Jugendpfleger neue Konzepte überlegen, wie sie die Jugendlichen erreichen – trotz der ganzen Schwierigkeiten. Die zwei geben zu, dass die Probleme an der persönlichen Motivation zehren. „Es ist Geduld angesagt, wenn wir jetzt öfter mit nur wenigen Leuten im Jugendhaus ausharren“, so Thomas Gaßner. Aber er ist sich auch sicher: „So viel Professionalität muss man auf Dauer schon haben, dass man das durchsteht und versucht, seine Arbeit neu zu gestalten. Probleme gibt es letztendlich in jedem Job!“

Ideen, um die Situation zu verbessern, haben Gaßner und Graus einige. Sie wollen verstärkt auf die Jugendlichen zugehen. „Wenn sie nicht zu uns kommen, kommen wir eben zu ihnen“, meint Thomas Gaßner. Das heißt, die Jugendpfleger gehen zu beliebten Treffpunkten von Jugendlichen, beginnen Gespräche mit ihnen und laden sie so persönlich ein, mal vorbei zu schauen. Auch Werbung machen sie mittlerweile professioneller, nicht mehr nur am Kopierer, sondern bunt, informativ, ansprechend. „Wir gehen zu den Kids hin und machen ihnen Angebote“, sagt Gaßner.

Gerade die Veranstaltungen außerhalb des Jugendhauses seien recht gut besucht. „Da kommen wir dann auch leichter an die Jugendlichen ran und können den ein oder anderen vielleicht dafür gewinnen, mal im Jugendhaus vorbei zu schauen“, erklärt Claus Grau. Außerdem versuchen die Jugendpfleger Jugendliche zusammenzuführen, also sich mit Vereinen und Verbänden zu vernetzen. So achten sie darauf, dass kein Überangebot besteht: „Also keine zwei Konzerte am gleichen Abend.“

Eigeninitiative bringt Motivation

„Das Wichtigste ist aber, dass die Jugendlichen das Programm selbst mitgestalten“, meint Michael Spiegel, der einundzwanzigjährige Vorsitzende des Jugendforums, „Es ist meistens so, dass die Jugendlichen Anstöße kriegen, aber die Hauptideen kommen von ihnen selbst!“ Er spricht aus Erfahrung. Und auch die beiden Jugendpfleger finden das enorm wichtig: Vor einiger Zeit veranstalteten sie zum Beispiel Highland-Games, nachdem eine Gruppe Jugendlicher gemeinsam den Film „Brave Heart“ angeschaut hatte. „Die Idee kam von den Kids. Sie haben das dann auch auf die Beine gestellt, motiviert bei der Organisation und Planung geholfen“, erzählt Thomas Gaßner. „Wenn die Vorschläge von den Jugendlichen kommen, das ist optimal, weil sie dann Bock drauf haben und mitmachen!“

„Jedenfalls verändert sich die Jugend so, wie sich auch die Gesellschaft verändert“, fügt Claus Grau nachdenklich hinzu. Genau aus diesem Grund werden sich sowohl die Jugendpfleger der Jugendpflege Süd, als auch der CVJM-Gruppenleiter Winfried Schäfer weiterhin für die Jugend einsetzen. Denn nur, wenn die Jugend von heute die Möglichkeit erhält, sich zu vernünftigen Erwachsenen zu entwickeln, hat die Jugend von morgen eine Chance.

Erschienen in: JUNA Jugend Nachrichten, Die Zeitschrift des Bayerischen Jugendrings, Ausgabe: 5-2009, Titelthema: „Jugendarbeit vor neuen Herausforderungen“

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