Lesen und Schreiben als Lebensgrundlage

Drei bis vier Millionen Menschen können in Deutschland nicht richtig lesen und schreiben. Mit fatalen Folgen: Sie haben kaum Chancen in unserer Gesellschaft, in der wir, wie die Neustädter Schulamtsdirektorin Renate Schubert sagt, „auch im  Zeitalter des Computers unser Wissen dem Geschriebenen entnehmen“.  Egal ob Gang zur Behörde oder zur Bank, ohne Lesen und Schreiben geht es nicht. Probleme damit haben aber oft schon Grundschüler. Nicht Faulheit, sondern Legasthenie kann die Ursache sein. Der Landkreis Neustadt/Aisch versucht, die Kinder bestmöglich zu fördern.

Legasthenie, das ist medizinisch bedingt eine Lese-Rechtschreib Störung. Die genauen Ursachen sind noch nicht bekannt, Vererbung spielt aber wahrscheinlich eine große Rolle. Betroffene Kinder verdrehen zum Beispiel im Diktat Buchstabenfolgen und lesen nur sehr langsam – obwohl sie genauso viel lernen wie ihre Klassenkameraden. „Aber es gibt keine typischen Legasthenikerfehler“, erklärt die Neustädter Schulpsychologin Sonja Schwarz. Ungenaue Aussprache kann genauso ein Indiz für Legasthenie sein, wie ständige und auffällig häufige Fehler in geschriebenen Texten. „Meistens ist es aber so, dass Legastheniker ein Wort nicht immer auf die gleiche Weise falsch schreiben. Zwischendurch schreiben sie es richtig, dann wieder anders falsch. Es ist eben kein erlernter Fehler.“ Manche Kinder mit Legasthenie lesen außerdem nur scheinbar. In niedrigen Jahrgangsstufen sind Texte noch leicht, die Betroffenen lernen sie einfach auswendig. Sonja Schwarz erklärt: „Das klingt für den Lehrer, als würden sie flüssig lesen. Aber sie haben sich die Wörter nur gemerkt, immerhin sind Legastheniker durchschnittlich und manchmal sogar überdurchschnittlich intelligent!“

Folgen: Prüfungsangst und Stress

Sonja Schwarz hat schon vielen jungen Schülern Legasthenie attestiert und weiß, wie schwer sie es oft haben, so lange ihre „Krankheit“ unentdeckt bleibt: „Sie bekommen schlechte Noten und das Selbstwertgefühl sinkt.“ Eine Folge kann Prüfungsangst sein, auch in anderen Fächern, da sich die Kinder vor erneutem Versagen fürchten. „Die Lernmotivation sinkt und manche bekommen vor lauter Stress sogar körperliche Beschwerden wie Bauch- oder Kopfschmerzen“, so die Schulpsychologin. Unruhe und Konzentrationsstörungen sind ebenfalls typisch. „Die Kinder haben auch Konflikte zu Hause, wegen der schlechteren Noten und ruhen nicht mehr in sich selbst.“

Besteht ein Verdacht auf Legasthenie ist der Lehrer der erste Ansprechpartner. „Er kann dem Schüler spezielle Übungen geben. Verbessern sich die Leistungen nicht, ist auf jeden Fall sinnvoll, den Beratungslehrer einzuschalten“, meint Schwarz bestimmt. Der Beratungslehrer führt geeignete Tests durch und erfragt Informationen von Eltern und Lehrern. Im Zweifelsfall geht es weiter zum Kinder- und Jugendpsychiater. Dort müssen die Kinder Intelligenz- sowie speziell entwickelte Lese- und Rechtschreibtests absolvieren. „Am Ende dieser Kette stehen die Schulpsychologen. Bei uns kommen alle Informationen und Atteste zusammen und nach Würdigung aller Gesichtspunkte trifft der Schulpsychologe die Entscheidung und stellt eine entsprechende Bescheinigung aus“, erklärt Schwarz, „Wir legen einen Nachteilsausgleich fest.“ Das bedeutet, die Lehrer gewichten zum Beispiel die Rechtschreibung in Prüfungen nicht so stark oder die Schüler bekommen mehr Zeit für die zu lösenden Aufgaben.

Der Nachteilsausgleich ist für die Kinder insofern ein Vorteil, dass er, wie Schwarz sagt, sie entlastet. Sie verbessern sich in der Schule, das Selbstwertgefühl steigt und mit ihm, die Bereitschaft zu Lernen. Schwierigkeiten kann es trotzdem noch geben, zum Beispiel, wenn die Eltern nicht akzeptieren wollen, dass ihr Kind im Bereich Lesen und Schreiben Schwächen hat – und so doch wieder Druck ausüben. „Ein Knackpunkt ist auch, dass der Lehrer es schafft,  der Klasse bewusst zu machen, dass jeder Schüler individuelle Stärken hat. Dann besteht auch keine Gefahr, dass die Mitschüler einen Legastheniker ausgrenzen“, so die Schulpsychologin.

„Lesefreude wecken!“

Egal ob Legastheniker oder nicht, Lesen muss bei Kindern gefördert werden. Das meint auch Schulamtsdirektorin Renate Schubert: „Oberste Priorität ist, bei den Schülern die Lesefreude zu wecken. Kinder die gerne lesen, lesen viel und bald auch gut.“ Um die Kinder im Landkreis zu motivieren, gibt es neben methodisch abwechslungsreichen Zugängen zur Lektüre auch Vorlesewettbewerbe oder Lesefitnesstrainings. Aber auch die Schwierigkeiten des Einzelnen finden Beachtung: „An Grund- und Hauptschulen gibt es zum Beispiel individuelle Unterstützungsmaßnahmen. In Gruppen werden die Kinder ihrem Können entsprechend gefördert. Durch einfache Lesestrategien lernen sie, sich selbstständig Texte zu erschließen“, so Schubert. Aber die Schulamtsdirektorin gibt zu, dass die Gefahr, Lektüren zu verschulen enorm groß ist und spricht daher von einer „Gratwanderung“. Durch Autorenlesungen aber auch in dem die Kinder zum Beispiel Ausschnitte von Büchern in kleinen Theaterstücken umsetzen, soll das Lesen in der Schule Spaß machen.

Aber auch Eltern müssen, laut Schubert, einen Teil beitragen: „Die Erziehung zum Buch gelingt dort am besten, wo es sowohl im Elternhaus als auch in der Schule gelingt, ein lesemotivierendes Umfeld zu erzeugen.“ Dazu gehört, mit gutem Beispiel voranzugehen und selbst Bücher und Zeitungen zur Hand zu nehmen. Schulpsychologin Sonja Schwarz empfiehlt, zusammen mit seinen Kindern zu lesen und vor allem: „Eltern sollten Kindern schon im Kleinkindalter Geschichten vorlesen, damit sie einen Zugang zur Sprache bekommen!“

Mit Übung zum Erfolg

Viel Lesen, das hilft auch Legasthenikern. Es erweitert den Wortschatz und verbessert die sprachliche Gewandtheit. Aber: „Wer sich beim Lesen schwer tut, liest auch ungern“, sagt Schulpsychologin Schwarz. Trotzdem können Legastheniker mit viel Übung das Beste aus ihrem „Handicap“ machen. Am Wichtigsten ist es, dass die Eltern nicht nur die Ergebnisse loben sondern vor allem die Anstrengungen des Kindes. „Sie machen sich unglaubwürdig, wenn sie nach einem Diktat mit 20 Fehlern sagen, das war gut“, meint Schwarz, „Anfangen sollten sie außerdem mit sehr leichten Übungen an der Null-Fehler-Grenze, damit die Kinder Erfolgserlebnisse haben.“ Die Prognosen, wie gut oder schlecht jemand die Legasthenie überwinden kann, sind unterschiedlich. Es kommt darauf an, wie stark sie ausgeprägt ist und wie viel gefördert wird. „Auch können Legastheniker heute im Beruf durch Computerprogramme mit Rechtschreibkorrektur viel wett machen“, fügt Schwarz hinzu.

Medienkompetenz und Lesefreude schließen sich laut Schuldirektorin Schubert nicht aus: „Im Gegenteil können sie sich wirkungsvoll ergänzen. Es ist für Kinder oft spannend, wenn sie entdecken wie ein Buch, zum Beispiel das Rennschwein Rudi Rüssel, verfilmt worden ist.“ Und trotz aller neuen Medien und der ganzen „Bilderflut“, wie es die Schulpsychologin nennt, benötigt jeder Lesen und Schreiben im Alltag. „Wer das nicht kann, braucht überall Hilfe, bei Behörden und Banken. Er ist in diesem Bereich quasi behindert“, sagt sie, „Lesen und Schreiben, das ist eine Kulturtechnik, die Kinder erlernen müssen, um überhaupt in Zukunft in ihrem Leben zurecht zu kommen.“

Trotz Schulpflicht gibt es in Deutschland viele Analphabeten. Auch Legasthenie kann eine Ursache sein. „Wenn Eltern die Schwierigkeiten des Kindes gar nicht sehen wollen, es überhaupt nicht fördern und nicht die Erlaubnis geben, dass die Schule helfend tätig wird“, erklärt die Schulpsychologin, „kann es soweit kommen, dass die Schüler auf einem extrem niedrigen Stand bleiben.“ Genau das darf, so Renate Schubert, nicht passieren, denn: „Wer heutzutage nicht lesen und schreiben kann, gerät in unserer Gesellschaft ins Hintertreffen.“

Erschienen in der Fränkischen Lokalzeitung im Lokalteil Neustadt/Aisch

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One Response to Lesen und Schreiben als Lebensgrundlage

  1. Die Leseförderung ist ein vielschichtiges Thema:
    1.) Im Bereich der Wahrnehmungsförderung wird in der Kindergartenarbeit immer mehr getan.
    2.) Die Unterrichtskonzepte für den ersten Umgang mit Buchstaben werden immer besser.
    3.) s.u.
    4.) Das Textverständnis von immer längeren Texten wird geübt.
    5.) Das Textverständnis von immer komplexeren Texten wird geübt.

    Für 3.) gibt es zu wenig einfache Texte für Leseanfänger. Kürzere Texte, bzw. Texte in großer Schrift reichen zum Erlernen der Schriftsprache nicht aus. Eine Fremdsprache versteht man auch nicht deshalb besser, indem sie lauter gesprochen wird. Wenn vorangegangene Stufen nicht genug gefestigt sind kommt es zu Problemen in Stufe 4.) und 5.).

    Aus diesem Grund habe ich für meine Kinder extra Geschichten geschrieben, die jetzt veröffentlicht wurden.

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