Sprache lernen und Toleranz üben

In Zeiten von Globalisierung und Handelsbeziehungen, die weit über die eigenen Landesgrenzen hinaus gehen, wird vor allem eins immer wichtiger: Sprachen! Wer heute kein Englisch kann, hat am Arbeitsmarkt kaum Chancen. An der Dietrich Bonhoeffer Realschule Neustadt/Aisch nehmen aktuell 24 Schüler sogar an bilingualem Unterricht teil – und lernen viel unbefangener mit der englischen Sprache umzugehen.

„Bilingualer Sachfachunterricht“: So nennt sich der bayernweite Modellversuch, der vor zwei Jahren vom Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) ins Leben gerufen wurde.  Mittlerweile nehmen 32 Realschulen in ganz Bayern daran teil, auch die Realschule in Neustadt. Bilingualer Sachfachunterricht, das heißt, ein oder mehrere Sachfächer werden in einer Fremdsprache, meistens Englisch, unterrichtet. Sachfächer sind zum Beispiel Geschichte und Erdkunde – sie werden am meisten für den zweisprachigen Unterricht genutzt. „Das liegt daran, dass wir einen kompetenten Englischlehrer brauchen, der aber auch das jeweilige Sachfach unterrichten kann. Und die häufigsten Fächerverbindungen der Lehrer sind eben Englisch-Geschichte oder Englisch-Erdkunde“, erklärt Realschulrektor Norbert Hafer der Dietrich Bonhoeffer Realschule Neustadt/Aisch. Seine Schule ist vor einem Jahr zum Modellversuch gestoßen. Seitdem können die Schüler in der sechsten Klasse wählen ob sie von der siebten bis einschließlich zur neunten Jahrgangsstufe dem Geschichtsunterricht lieber auf Englisch folgen.

Leichter Einstieg durch Vorkurs

Mit ganz normalem Geschichtsstunden hat der bilinguale Unterricht trotzdem nichts zu tun. Statt den regulären zwei haben die Schüler drei Stunden Geschichte. „In der zusätzlichen Zeit lernen sie Vokabeln oder Redewendungen, die sie brauchen, um den Stoff zu verstehen“, so Norbert Hafer, der selbst Englischlehrer ist. Der Realschulrektor sagt außerdem, dass manchmal auch etwas auf Deutsch erklärt werden muss, gerade Stellen, die vom Sprachverständnis her zu schwierig sind. Trotzdem gibt es meistens keine Probleme damit, den Geschichtsstoff auf Englisch zu vermitteln, denn die Schüler sind gut vorbereitet. In der sechsten Klasse müssen sie einen Vorkurs absolvieren. Das heißt, sie sitzen von Ostern bis Schuljahresende zwei Stunden länger in der Schule, als ihre „einsprachigen“ Mitschüler. „An einzelnen exemplarischen Themen werden sie auf den bilingualen Geschichtsunterricht vorbereitet. Sie sehen wie der Stoff erarbeitet wird und lernen auch schon einige grundlegende Vokabeln, die sie im nächsten Jahr benötigen“, berichtet Hafer. Natürlich ist der Modellversuch freiwillig. Aber spätestens nach dem Vorkurs müssen sich Eltern und ihre Kinder festlegen, ob die Schüler ab der siebten Klasse am bilingualen Unterricht teilnehmen wollen. „Wenn jemand im Vorkurs merkt, dass es nichts für ihn ist, kann er noch aussteigen. Aber wer in der Siebten mitmacht ist auch verpflichtet, dabei zu bleiben“, erklärt der Realschulrektor.

Kein Nachhilfeunterricht

Bis jetzt wird das Angebot sehr gut aufgenommen – fast zu gut. Zu Beginn des ersten Vorkurses zeigten laut Norbert Hafer Eltern und Schüler riesiges Interesse. Bei einigen verschwand es aber genauso schnell wieder, wie es gekommen war. „Das Problem ist, dass viele falsche Vorstellungen und Erwartungen haben, die der bilinguale Unterricht nicht erfüllt“, erzählt er, „Einige dachten, das wäre eine Art Englisch Nachhilfe. Das war der größte Irrtum!“ Außerdem hätten viele eingesehen, so Hafer, dass es doch recht schwierig war. Daher hatte sich die Zahl derer, die sich wirklich für den bilingualen Unterricht interessierten, bis Schuljahresende um einiges verringert. Norbert Hafer weiß aber, dass diese Entwicklung ganz normal ist: Am Anfang sind immer alle ganz euphorisch. Trotzdem gibt es an der Dietrich Bonhoeffer Realschule aktuell 24 Schüler der siebten Klasse, die jede Woche in Geschichte nur Englisch sprechen. Und bis 19. März müssen sich auch die Sechstklässler wieder entscheiden, ob sie sich zum Vorkurs anmelden.

Nachhilfe ist der bilinguale Unterricht zwar nicht, aber immense Vorteile im Englischen bringt er trotzdem. Das bayerische Ministerium für Unterricht und Kultus gab im Herbst 2009 bekannt, dass laut der DESI Studie, einer Studie zur Erfassung der sprachlichen Leistungen in Deutsch und Englisch, Schülerinnen und Schüler mit bilingualem Unterricht „deutliche Lernvorsprünge“ gegenüber ihren Klassenkameraden haben. Das weiß auch der Realschulrektor aus Neustadt: „Der große Vorteil ist, dass sie die Sprache in einem realen Zusammenhang anwenden.“ Norbert Hafer erklärt, dass das ein Problem sei, an dem jeder normale Fremdsprachenunterricht in der Schule leide: „Die Lehrer haben Schwierigkeiten reale Sprechsituationen herzustellen. Immerhin unterhalten sich zwei Deutsche untereinander kaum auf Englisch. Aber wenn ich eine konkrete Materie habe, wie in Geschichte zum Beispiel die Stadt im Mittelalter, dann haben die Kinder einen viel stärkeren Bezug und gehen spielerisch mit der Sprache um.“ Außerdem werden die Schüler im bilingualen Unterricht nicht sofort ermahnt, wenn ihnen kleinere Fehler unterlaufen. So verlieren sie die Angst vor der Sprache und lernen schneller, flüssig Englisch zu sprechen.

Schlüsselqualifikationen: Sprachen und Toleranz

Doch es geht um noch viel mehr, als nur die englische Sprache. Das ISB will mit dem bilingualen Geschichtsunterricht auch die interkulturelle Erziehung fördern. Denn der Unterricht bezieht ausdrücklich andere Perspektiven aus dem Zielsprachenland ein. Das heißt, die Schüler lernen nicht nur die spezifische deutsche Sicht auf ein historisches Ereignis sondern vergleichen sie zum Beispiel auch mit britischen Sichtweisen. Eine gute Möglichkeit, nicht nur Englisch sondern auch Toleranz zu üben.

Norbert Hafer ist sich sicher, dass die Zusatzqualifikationen, die seine Schüler im bilingualen Unterricht erwerben, ihnen später bei der Jobsuche helfen werden: „Die Jugendlichen dokumentieren damit zum einen ihr Interesse an der Fremdsprache, aber auch, dass sie bereit sind, sich über das durchschnittliche Maß hinaus anzustrengen. Sie haben an ihrer Schule etwas Besonderes gemacht und das kann bei einer Bewerbung ausschlaggebend sein!“

Erschienen in der Fränkischen Lokalzeitung im Lokalteil Neustadt/Aisch

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