Musik im Blut: Traumberuf Singer-Songwriter

Tobias macht gerade Abitur und hat als Singer-Songwriter jetzt seine erste Mini-CD aufgenommen. Nur: Wie soll es jetzt weitergehen?

Die Lieder gehen ins Ohr, die Melodie klingt ein bisschen nach dem nächsten Sommerhit – nur der Text passt auf den ersten Blick überhaupt nicht dazu. “Wäre es nicht wunderbar, wenn du mich nicht mehr nervst?“, singt Tobias Stich in seinem gleichnamigen Lied “Wunderbar“. Der neunzehnjährige Abiturient hat sich gerade einen Traum erfüllt: Im Tonstudio hat er drei selbstgeschriebene Songs aufgenommen. Seine Texte sind kontrovers. Tobias will über ernste Themen singen, ohne dass die Musik dabei traurig klingt: “Es sind Gefühlsschilderungen, Stimmungen oder Geschichten, die ich erzähle. Sie sollen unterhalten.“ Doch jetzt steht er vor einer wichtigen Entscheidung: Soll er nach dem Abitur sein Hobby zu seinem Beruf machen?

Mit der Musik fing er früh an. Mit fünf Jahren nahm Tobias Keyboard-Unterricht, mit sechs Jahren lernte er Gitarre spielen und mit dreizehn schrieb er sein erstes eigenes Lied. Seitdem macht er “typische Singer & Songwriter-Stücke mit einem Hauch von Jazz“, wie er es selber beschreibt. Aus seinem ersten selbstgeschriebenen Song wurde nichts. “Ich habe mir am Anfang eingebildet, ich müsste auf Englisch schreiben. Ein großer Fehler. Wenn man es nicht richtig kann, sollte man unbedingt in der Muttersprache schreiben“, erzählt er, “sonst klingt das nur nach Schulenglisch!“.

“Gedichtinterpretationen sind Quatsch“

Während seiner Schulzeit hatte er, ganz typisch, eine Coverband. Auch ganz typisch für eine junge Musikkariere: “Die Band zerbrach wie so viele andere an internen Problemen.“ Seitdem macht Tobias sein eigenes Ding. Musik ist für ihn Alles. “Nach einem stressigen Tag ist es für mich ein Ventil, um Sachen zu kompensieren“, sagt er. “Und es ist für mich ein Zugang zu meinem Unterbewusstsein!“ Wenn ihm Texte einfallen, dann immer spontan. Oft ist er im Nachhinein selbst überrascht, was er geschrieben hat. “Deshalb finde ich auch Gedichtinterpretationen in der Schule Quatsch“, sagt er. “Denn der Autor weiß, während er schreibt, oft selbst nicht, was er genau damit aussagen will.“

Inspirieren lässt sich Tobias durch seine eigenen Gefühle. Er will nicht nur über die schönen Dinge des Lebens schreiben. In seinem Lied “Was geschah“ geht es zum Beispiel um ein Mädchen, das viele Affären hat, und wie schlecht ihre Mitschüler/innen deshalb über sie reden. “Ich denke, die Menschen sollten machen, was sie selbst wollen. Es ist blöd, wenn andere schlecht über solche Leute denken. Ich finde es cool, wenn man sein Leben auslebt – und das will ich auch mit meinem Song zeigen“, erklärt Tobias

Eisern gespart

Doch bevor dem jungen Musiker Texte einfallen, hat er meistens erst eine Melodie im Kopf. “Die fällt mir oft in den ungünstigsten Momenten ein, zum Beispiel im Bus“, so Tobias. Dann summt er die Melodie in sein Handy, um sie nicht zu vergessen. “Das ist im Bus ziemlich peinlich!“, sagt er lachend. Sich hinzusetzen und sich vorzunehmen, jetzt ein Lied zu schreiben, das kann Tobias nicht. “Das klingt dann furchtbar gekünstelt oder kindisch.“ Allerdings: Wenn er eine gute Idee hat, schreibt er eine erste Fassung eines Songs schon mal in zehn Minuten.

Sein bisher bester Song, wie er selber sagt, heißt “Wunderbar“. Tobias fand ihn gut genug, um sich endlich den lang ersehnten Traum von einer eigenen CD zu erfüllen. Doch ohne Label und Sponsoren ist das kein billiges Unterfangen. 50 Euro pro Stunde in einem Studio sprengt das Budget eines Schülers schnell. “Ich habe eisern gespart und viele alte Sachen wie Verstärker oder CD-Player über ebay verkauft“, erzählt Tobias.

Als er das Geld zusammen hatte, suchte er sich zwei Musikerfreunde, die ihm beim Einspielen der drei Liedern im Tonstudio helfen sollten. Erst probten sie zu Hause, dann ging es fünf Tage lang in ein Studio in Fürth. Nacheinander spielten sie die Instrumente ein: erst das Schlagzeug, dann den Bass und die E-Gitarre und die Akustikgitarre. Ganz zum Schluss kam der Gesang. Danach mussten sie die Musik schneiden, abmischen und radiotauglich machen. “Wir haben alles immer wieder angehört, weil wir auf jedes Detail achten mussten. Es war wahnsinnig anstrengend“, erzählt Tobias. Auch die Angestellten des Tonstudios gaben Tipps und brachten Ideen ein. Der junge Musiker freute sich riesig, als sie fertig waren.

Richtig gefeiert hat er seine CD-Produktion mit seinen Freunden trotzdem noch nicht. “Ich möchte die CD unbedingt pressen lassen und nicht nur daheim brennen“, so Tobias. Denn gepresst sieht die CD, findet er, besser aus, und sie hält auch länger. “Und bis das fertig ist, kann ich mich noch nicht so ganz freuen, weil ich gerne das Produkt in der Hand hätte.“

Zwischen sicherem Job und Traumberuf

Ob er mit seiner CD berühmt werden will? “Nein, ich will gehört werden!“ Richtig berühmt werden, das wäre utopisch, und es hätte, findet Tobias, auch viele Nachteile. Stattdessen fände er es schön, im kleinen Kreis bekannt zu sein. “Auftritte vor einer bestimmten Zielgruppe, einer kleinen Fangemeinde“, interessieren ihn, sagt er – nicht gleich vor der ganzen Welt.

Aber jetzt steht Tobias erst einmal vor vielleicht der schwersten Entscheidung seines Lebens: Auf der einen Seite würde er nach dem Abitur im Mai 2010 gerne auch beruflich Musik machen. An der Popakademie in Mannheim könnte er zum Beispiel im Fach “Songwriting“ Unterricht von Xavier Naidoo bekommen. “Die Alternative ist eine Kaufmannslehre. Da könnte ich als Hobby immer noch viel Musik machen und hätte einen sicheren Job“, sagt er. Auch seinen Eltern wäre das lieber. So sehr sie hinter ihm stehen, finden sie doch, dass Musik als Beruf “nicht Gescheites“ ist.

Tobias ist hin und hergerissen: “Die Unsicherheiten im Musikbusiness sind einfach riesig. Viele Leute, die gerade Erfolg haben, mussten dafür jahrzehntelang an ihrer Karriere basteln. Und selbst, wenn ich Erfolg hätte – wie lange würde das andauern? Das muss man sich erst mal leisten können.“ Gedankenverloren fügt er aber hinzu: “Aber Berufsmusiker, prickelnd wäre es schon.“

Erschienen auf: fluter.de

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One Response to Musik im Blut: Traumberuf Singer-Songwriter

  1. yasmin sagt:

    Ich möchte auch gerne was mit musik machen später weil ich dann einfach in meinem Element bin.
    Mein Problem ist es auch das ich nicht weiß ob ich auch damit genügend Geld verdienen würde!??
    Sollte ich es ausprobieren oder sollte ich lieber als Ergotherapeutin in einem Altenheim arbeiten .
    Ich bin hin und her gerissen genau wie Tobias.
    P.s. bitte um entscheidungs hilfe!!!!!

    gruß yasmin

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