„Ich nehme als Autor keine Rolle ein“

Juli Zeh über die Aufgaben von Buchautoren und Journalisten

Juli Zeh, 36, ist deutsche Schriftstellerin und Journalistin und ist keine Anhängerin des intentionalen Schreibens. Das heißt, sie sagt von sich selbst, sie wolle dem Leser mit ihren Büchern keine Botschaften vermitteln. In ihren Romanen geht es fast immer um begangenes Unrecht, um moralischen Grenzfall und um den Versuch, das Weltengleichgewicht durch Aufklärung wieder herzustellen. Immer wieder fragt Juli Zeh nach Werten und Normen in einer individualisierten und zugleich globalisierten Gesellschaft. Ein Thema, über das normal nicht nur Buchautoren, sondern auch Journalisten sich den Kopf zerbrechen. Im Interview erzählt Juli Zeh, welche Rolle ein Autor in seiner Geschichte einnimmt und wo hingegen der Journalist bei seinen Artikeln steht.

Sie haben in der Vergangenheit schon gesagt, dass sie keine Anhängerin des intentionalen Schreibens sind. Aber haben Sie nicht doch einen Hintergedanken? Etwas, das sie den Menschen unbedingt vermitteln wollen?
In meinem Roman „Spieltrieb“ gibt es keine Botschaft an den Leser. Ich möchte den Menschen schöne Stunden beim Lesen vermitteln, eine spannende Geschichte, eine musikalische Sprache, Gedanken über unsere Gesellschaft und manchmal auch über die existenziellen Probleme des Mensch-Seins. Wenn ich eine politische Meinung zum Ausdruck bringen möchte, schreibe ich einen Essay.
Lassen Sie, als Autorin, in Ihre Bücher persönliche Erfahrungen einfließen?
Es fließen immer persönliche Erfahrungen in einen Roman ein. Man kann gar nicht anders schreiben, als vor dem Hintergrund der eigenen Persönlichkeit. Deshalb finde ich die Frage nach dem „autobiographischen Schreiben“ immer ein bisschen irreführend. Die „Autobiographie“ ist eine eigene Textgattung. Romane, die dieser Gattung nicht angehören, sind nicht  autobiographisch – aber natürlich sind sie immer sehr persönlich.

„Wie ein Pianist am Klavier“
Sie haben Jura studiert. Warum wurden Sie Schriftstellerin und Journalistin?
Als Journalistin würde ich mich gar nicht bezeichnen. Ich schreibe manchmal Essays oder Kommentare für Zeitungen, aber das ist eher publizistische als journalistische Arbeit. Ich schreibe schon, seit ich ein kleines Kind bin. Es gehört zu meinem Leben dazu. Ich bin sehr froh, dass ich einen Beruf daraus machen konnte.

Für Außenstehende ist es vom Journalisten zum Schriftsteller meist nicht weit. Finden Sie, die beiden Berufe ähneln sich stark oder gibt es große Unterschiede?
Nein, ich finde, es gibt wenige Ähnlichkeiten, weil die Arten des Schreibens sehr unterschiedlich sind. Beim literarischen Schreiben lauscht man einer inneren Stimme, man phantasiert und improvisiert wie ein Pianist, der sich ans Klavier setzt und endlos immer neue Melodien spielt. Beim journalistischen Schreiben dient die Sprache vor allem der Vermittlung von Fakten.

Was halten Sie davon, dass in der heutigen Zeit immer weniger Autoren über politische Themen schreiben?
Es ist schade! Ein lebhafter politischer Diskurs außerhalb des politischen Tagesgeschäfts ist wichtig. Bestimmt kommt das wieder. Zurzeit ist Politik „uncool“. Viele Autoren haben Angst, ihren Ruf zu gefährden, wenn sie sich zu sehr mit Politik beschäftigen. Politik und vor allem die Parteien gelten gerade nicht als etwas Gutes.

Jungen Literaten wird heute eben oft vorgeworfen, sie seien politikverdrossen. Auch in Ihrem Buch „Spieltrieb“ geht es um Verdrossenheit, vor allem von Werten. Wollen Sie die Menschen aufrütteln?
Dieses Wort „aufrütteln“ ist so inhaltsleer. Ich weiß gar nicht, was das bedeuten soll. Das Schöne am Lesen ist, dass man sich mit fremden Personen, Gedanken und Welten identifizieren kann. Man kommt auf neue Ideen, vielleicht fühlt man sich inspiriert. „Aufrütteln“ klingt so grob, fast wie ein körperlicher Angriff.
Wollen Sie in ihrem Buch denn politische Ideen vermitteln? Und darf ein Autor das überhaupt?
Ein Autor darf alles. Da gibt es keine Regeln, sondern nur Geschmacksfragen. Wie oben schon beschrieben, enthält „Spieltrieb“ keine politische Botschaft. Es gibt aber andere Bücher von mir, die das tun: Zum Beispiel „Angriff auf die Freiheit“. Das ist ein politisches Manifest, kein Roman.

„Nicht Nörgeln, sondern hinterfragen“
Was sind Ihrer Meinung nach die großen Herausforderungen der Literatur – und des Journalismus – im 21. Jahrhundert?
Die Literatur hat keine Herausforderungen, außer dass sie gute Kunst sein muss. Eine schwere Herausforderung, die aber schon so lange existiert, wie die Kunst selbst. Der Journalismus muss endlich wieder zu seinem kritischen Bewusstsein zurückfinden. Die Berichterstattung wird immer homogener und unkritischer. Oft wird Politikern nach dem Mund geredet, ohne zu hinterfragen, was sie sagen und was im Land passiert. Kritisches Denken ist selten geworden. Und mit „Kritik“ meine
ich nicht Nörgeln und Jammern, sondern das Hinterfragen von Dingen.

Wo sollte der Autor eines Buches stehen? Welche Rolle sollte er einnehmen? Und wie ist das bei einem Journalisten, wenn er einen Zeitungsartikel schreibt?
Ein Autor versucht, ein gutes Buch zu schreiben. Er folgt seiner eigenen Poetologie. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich eine Rolle einnehme, während ich schreibe. Ein Journalist hingegen ist der Wahrheitsfindung verpflichtet und – meiner Meinung nach – auch der Kritikfähigkeit. Er muss unbestechlich bleiben und ein starkes ethisches Empfinden haben.

Sie haben einmal gesagt, die politische Literatur muss den Journalismus
unterstützen. Warum?

Das habe ich mit Sicherheit nicht gesagt. Meine Ansicht ist eher die oben genannte: Ein gesunder, demokratischer Diskurs lebt von seiner Vielseitigkeit. Es ist wichtig, dass viele verschiedene Menschen daran teilnehmen. Deshalb ist es nicht gut, das politische Gespräch den Berufsjournalisten und Berufspolitikern zu überlassen und selbst nur eine Konsumentenrolle einzunehmen.

Erschienen im: JPB-Magazin, das Mitgliedermagazin der Jungen Presse Bayern e.V.  (Ausgabe 21)

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