Beruf Dirigent/in: Mit Gefühl und Leidenschaft

Mathias Wehr, 25, aus Nürnberg, hat sich seinen Traum erfüllt: Er arbeitet als Dirigent. Er leitet das große Blasorchester des Musikzugs Burgfarrnbach in Fürth und das symphonische Blasorchester Unterpleichfeld in Würzburg. Außerdem ist er immer wieder Gastdirigent in ganz Europa. 2009 wurde er sogar Vizeweltmeister im Dirigieren und hat schon sein erstes eigenes Stück komponiert. Im Interview erzählt er, dass Dirigieren für ihn mehr ist als nur ein Beruf.

Mathias, du bist Dirigent. Du stehst also vor einem Orchester und fuchtelst mit einem Stab in der Luft herum. So sieht das zumindest für Nichtmusiker aus. Was ist Dirigieren überhaupt?

Dirigieren ist sehr vielseitig. Die Hauptaufgabe ist es, die Musik, die von einem Komponisten niedergeschrieben wurde, zu verwirklichen. Das hat aber noch wenig mit fuchteln zu tun. Als Erstes muss ich eine Stückauswahl treffen. Und ich bin Pädagoge, denn ich muss Musiker zwischen 14 und 50 im Orchester leiten können. Außerdem ist Dirigieren wie ein Handwerksberuf. Ich muss wissen, welche Taktart wie geschlagen wird und die Einsätze richtig geben. Dazu kommt die emotionale Seite. Wenn ich einen Trauermarsch dirigiere, darf ich nicht lachen. Andererseits darf ich bei einem heiteren Stück auch dann nicht schlecht gelaunt dreinschauen, wenn ich mich mit meiner Freundin verkracht habe.

Wann hattest du zum ersten Mal einen Dirigierstab in der Hand?

Als ich 17 Jahre alt war, also gar nicht so früh. Ich habe mit 16 angefangen Klarinette zu studieren. Dirigieren war ein Nebenfach und so schlug ich den ersten Viervierteltakt meines Lebens. Richtig zum Dirigieren fand ich erst im Laufe des Studiums, als ich die Blasorchesterszene kennen lernte. Ich hatte das Gefühl, dass ich zwar gerne im Orchester spiele, aber dabei nichts bewirken kann. Irgendwie hatte ich das Bedürfnis, die Musik anders zu gestalten, schneller, langsamer, lauter oder leiser. Ich hatte immer meine eigene Interpretation im Kopf.

Und deshalb hast du dich nach dem erfolgreichen Abschluss deines Studiums nicht um einen Job als Klarinettist in einem Orchester beworben?

Das wollte ich ursprünglich machen. Ich bin ins Ausland, um einen Meisterkurs zu absolvieren. Doch da habe ich schnell festgestellt, dass die Konkurrenz verdammt gut ist. Ich bin an meine eigenen Grenzen gestoßen und wusste, ich werde im Klarinettespielen nicht mehr besser. Daher beschloss ich, das mit dem Dirigieren zu probieren. Ich schrieb mich an der Universität Augsburg für ein Studium im Fach Blasorchesterdirigat ein.

Also hat sich deine Leidenschaft fürs Dirigieren erst nach und nach entwickelt.

Am Anfang war das wirklich so. Aber kurz nach meinem Studienbeginn bin ich nach Holland zum World Music Contest gefahren, das sind die Weltmeisterschaften im Dirigieren für Blasorchester. Ich war sofort fasziniert! Das war der Moment, als ich erkannte, was ich wirklich machen will. Da kamen Orchester mit 120 Musikern, das ist einfach ein wahnsinniges Erlebnis. 2009 habe ich selbst an dem Wettbewerb teilgenommen und wurde sogar Vizeweltmeister. Es war knallhart und wohl die anstrengendste Woche meines Lebens! Im Finale durfte ich eins der besten Blasorchester der Welt, das königliche Marineblasorchester Hollands, dirigieren. Letztendlich musste ich mich nur einem Spanier geschlagen geben, das war mein größter Erfolg bisher!

Was ist deiner Meinung nach die größte Herausforderung beim Dirigieren?

Am schwierigsten ist es, das Publikum so zu begeistern, dass die Zuhörer Gänsehaut bekommen. Das selber zu spüren, ist nicht schwer, denn ich finde das Stück, das ich dirigiere, selber klasse. Den Musikern das zu vermitteln, geht auch noch, die spielen das selber. Aber die dritte Person zu erreichen, den Menschen, der im Publikum sitzt und der das Stück noch nie gehört hat, das ist echte Kunst!

Was gehört außer dem Dirigieren an sich noch zu deinem Berufsalltag?

Viel Arbeit steckt in der Vorbereitung der Partitur, dem Manuskript, in dem alle Stimmen stehen. Der Dirigent ist der Einzige, der weiß, was alle Musiker wann spielen. Ich muss mir mit rot Anmerkungen reinschreiben, zum Beispiel bei Einsätzen oder Taktwechseln, die ich sonst leicht übersehen würde. Hinzu kommt meine Interpretation. Außerdem muss ich mir überlegen, wie ich schwierige Rhythmen meinen Musikern am schnellsten vermittle.

Du musst mit deinem Orchester proben, bis alles perfekt sitzt, jeder das spielt, was er soll. Geht es da manchmal drunter und drüber?

Ja, was mich unglaublich stört, ist eine schlechte Probenbeteiligung. Bis jetzt dirigiere ich nur Laienmusiker. Es gibt Phasen, in denen viele nicht kommen, weil sie krank sind oder Wichtigeres vorhaben. Das ist für einen Dirigenten das Schlimmste, wenn von seinen 60 Musikern nur 35 da sind. Wenn Instrumente und Akkorde fehlen, kann ich nicht richtig proben.

Mittlerweile bist du schon ein recht erfolgreicher Dirigent, komponierst sogar eigene Stücke. Als Jugendlicher hattest du Bedenken, dass du als Musiker nicht genug Geld verdienen könntest. Wie siehst du das heute?

Ich habe einen Sportwagen, ein eigenes Haus, golfe sogar und kann mich folglich nicht beschweren. Im Gegenteil, als Dirigent lässt es sich gut leben. Aber man muss gut sein! Es reicht nicht, einen Viervierteltakt zu schlagen. Man muss ständig an sich arbeiten und besser werden. Ich habe keinen festen Vertrag, mit dem ich jeden Monat das gleiche Gehalt bekomme. Dirigent ist ein freier Beruf. Ich weiß nicht, wie viel ich nächstes Jahr verdiene, das ist mein Nachteil.

Was macht deiner Meinung nach denn einen richtig guten Dirigenten aus?

Ein richtig guter Dirigent hat eine saubere Schlagtechnik. Das heißt, eine Schlagtechnik, mit der der Musiker immer etwas anfangen kann und stets weiß, wo er im Stück gerade ist. Und er muss Emotionen zeigen können. Das ist das Schwerste, immerhin sitzen vor dir 60 bis 70 Musiker und hinter dir vielleicht 1.000 Zuhörer. Ein richtig guter Dirigent muss es trotzdem schaffen, emotional zu dirigieren.

Du bist schon Vizeweltmeister im Dirigieren – wohin willst du in der Zukunft noch?

Mein Ziel ist es, vom Unterrichten wegzukommen. in Zukunft möchte ich nur noch dirigieren, am liebsten ein Profiorchester. Das wäre das Beste, was mir passieren könnte! Bei einem Profiorchester müssen die Musiker zur Probe kommen, weil sie dafür bezahlt werden. Da steckt eine ganz andere Motivation dahinter. Und wo? Von mir aus in ganz Europa!

Fotos: ©Ralf Lang

Erschienen auf: fluter.de

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