Zwischen Backstube und Hörsaal

Neues Modell erlaubt die beliebige Kombination von Ausbildung und Studium

Ein Uni-Abschluss ist eine gute Voraussetzung, um Karriere zu machen. Doch oft wird bemängelt: das Wissen, das Studenten von der Universität mitbringen, sei zu theoretisch. Aber nur eine Ausbildung wollen viele Abiturienten auch nicht machen. Doch es geht beides: eine berufliche Ausbildung absolvieren und gleichzeitig studieren – jetzt auch an der Uni Erlangen-Nürnberg.

Ein Studium der Elektrotechnik verbunden mit einer Ausbildung zum Mechatroniker in der Wirtschaft? Kein Problem! Oder vielleicht doch lieber Kulturwissenschaften, kombiniert mit einer Ausbildung zum Mediengestalter? Auch das ist möglich.

Ab diesem Wintersemester erlaubt eine Kooperation zwischen der Universität Erlangen-Nürnberg und der Industrie- und Handelskammer (IHK) Nürnberg für Mittelfranken fast grenzenlose Kombinationsmöglichkeiten. „Aus über 100 Studiengängen an der Uni in Erlangen und 200 Ausbildungsberufen können sich die sogenannten Verbundstudenten ihre Wunschkombination aussuchen“, erklärt Gerd Reinert von der IHK das bundesweit bisher einzigartige Modell.

Rein theoretisch, meint Reinert, seien auch gewagte Kombinationen möglich. Zum Beispiel eine Bäckerlehre und ein Studium der Politikwissenschaft. „Aber das Unternehmen, bei dem sie sich ausbilden lassen, muss mit der Studienrichtung einverstanden sein. Und das wäre in so einem Fall unwahrscheinlich“, meint er. Unmöglich ist es jedoch nicht.

Das duale Studium dauert vier Jahre. Ein Jahr davon verbringt man nur im Betrieb, ein Jahr nur in der Uni. Ansonsten arbeiten die Azubi-Studenten während ihrer vorlesungsfreien Zeit im jeweiligen Betrieb mit. Am Ende erhalten sie sowohl einen Bachelor- als auch den IHK-Abschluss.
Grundsätzlich neu ist das duale System nicht. Nur war es bisher auf Fachhochschulen (FH) beschränkt.

Dass auch eine Universität Verbundstudenten zulässt, ist neu. Das ist auch ein bisschen der Verdienst von Constanze Freiberger (20) aus Schwanstetten.
Sie hat dieses Jahr ihr Abitur gemacht und wollte dual studieren. Aber nicht an einer FH, sondern unbedingt an der Uni in Nürnberg. „Also habe ich viele Briefe und E-Mails an Gerd Reinert von der IHK geschrieben und auch an Wolfgang Henning, den Leiter der Abteilung Lehre und Studium an der Uni in Erlangen.“
Die beiden haben es letztlich ermöglicht, dass es jetzt den Kooperationsvertrag zwischen Uni und IHK gibt. Und dass Constanze ab dem Wintersemester Wirtschaftswissenschaften studieren und gleichzeitig eine Ausbildung zur Industriekauffrau in einem Druckgusswerk absolvieren kann. Es handelt sich um das mittelständischen Unternehmen Freiberger GmbH, das ihrer Familie gehört.

„Auf diese Weise kann ich mir einerseits das theoretische Fachwissen aneignen und es andererseits gleich im Unternehmen anwenden“, sagt Constanze. „ Wenn es in der Uni um Bilanzen geht, kann ich mir das in der Firma sofort anschauen.“

Außerdem findet sie, sei der Kontakt zu den Mitarbeitern besser: „Ich bin im Unternehmen nach meinem Studium nicht neu. Ich kenne die Abläufe. Immerhin muss ich in meiner Ausbildung auch das machen, was ganz normale Lehrlinge arbeiten.“

Genau darin sieht auch Gerd Reinert von der IHK den großen Vorteil der Verbundstudenten. „Ein Bankkaufmann, der ein duales System durchlaufen hat, braucht seinen Uni-Abschluss, um mit anderen auf Augenhöhe zu sein. Aber er hat eben auch fundierte praktische Kenntnisse und weiß über die Abläufe im Unternehmen Bescheid.“ Das nutzt dem Unternehmen – und den Studenten selbst. „So ziehen sich die Firmen Fachkräfte heran, die wichtig für sie sind und auf die sie nicht verzichten wollen“, meint Reinert.

Nur: Wie hoch ist der Stressfaktor bei einem Verbundstudium? Immerhin haben die Studenten quasi keine Semesterferien. „Na ja, andere müssen auch arbeiten, um sich ihr Studium zu finanzieren“, entgegnet Constanze. Wie anstrengend das wirklich wird, kann sie natürlich noch nicht einschätzen.

„In den Ferien was zu tun“
Doch da kann sie Valeria Grigorieva aus Nürnberg beruhigen. Die 21-Jährige ist schon seit einem Jahr Verbundstudentin. Sie macht bei der Firma Datev eine Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation und studiert gleichzeitig Betriebwirtschaftslehre an der Georg-Simon-Ohm-Hochschule in Nürnberg.

„Klar haben wir keine Semesterferien, sondern nur 30 Urlaubstage“, meint Valeria, „aber ich bin froh, wenn ich in den Semesterferien etwas zu tun habe!“ Mittlerweile ist es für sie ganz normal, täglich zur Arbeit zu kommen, wenn gerade keine Vorlesungen sind.

Doch sogar während der Vorlesungszeit arbeitet sie einen Tag pro Woche in der Firma. „Mit dem Azubi-Gehalt kann ich mir mein Studium finanzieren“, sagt sie. Valeria konnte es sich jetzt sogar leisten, auszuziehen – ohne finanzielle Unterstützung der Eltern: „Ich lerne mit meinem Geld umzugehen und bin absolut selbstständig.“

Valeria ist froh über die vielen Praxiserfahrungen, die sie in ihrer Ausbildung sammeln kann. „Ich hatte am Anfang zum Beispiel riesige Angst davor, mit Steuerberatern zu telefonieren. Die sind gut 30 Jahre älter als ich, und ich soll denen unsere Produkte erklären“, erinnert sie sich. „Ich hatte Panik, dass sie mich etwas fragen könnten, wovon ich keine Ahnung hatte.“

Mittlerweile hat Valeria keine Angst mehr zu telefonieren. Sie hat gelernt, dass es nicht peinlich ist, später zurückzurufen, wenn sie mal keine Antwort weiß. „Aber so etwas lernt man eben niemals an der Hochschule“, erklärt sie stolz.

Valeria findet, für ein duales Studium sollte man vor allem Teamfähigkeit und Offenheit mitbringen. Und die Bereitschaft, viel zu lernen: für die Zwischen- und Abschlussprüfung in der Ausbildung, für die Klausuren am Ende jedes Uni-Semesters – und fürs Leben.

Erschienen auf: Szene-Extra Seiten der Nürnberger Nachrichten

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