Vom Chaos-Teenie zur peniblen Studentin

Aufräumen, putzen, abspülen: In der eigenen Bude wandeln sich verhasste Jobs zu selbstverständlichen Aufgaben

Zum Studieren von zu Hause auszuziehen und in der eigenen Wohnung den Alltag zu organisieren, ist ein großer Schritt zur Selbstständigkeit. Zum Erwachsenwerden gehört das dazu, genauso wie selbst aufzuräumen und zu putzen. Früher im Kinder- und Teeniezimmer war das schlimm. In der Studentenbude bekommt es eine ganz neue Bedeutung.

Eine Jeans liegt dort am Boden, wo ich sie ausgezogen habe. Die Jacke ist über die Stuhllehne geschmissen. T-Shirts liegen zerknittert auf der Kommode. Auf dem Schreibtisch fliegen Hefte, Notizzettel, Zeitschriften und Stifte durcheinander. Das Bett ist nicht gemacht, und daneben liegt noch eine leere Plastikflasche und ein benutztes, umgefallenes Glas.

Ich bin nicht stolz darauf – aber ja, so sah mein Zimmer daheim bei meinen Eltern manchmal aus. Ganz ehrlich, wer kennt das nicht? Aufräumen ist uncool und nervt. Nun stehe ich in meiner eigenen kleinen Studentenwohnung und habe mir über all das noch keine Gedanken gemacht. Ich verabschiede eine Freundin, die zum Kaffeetrinken bei mir war.

So, jetzt mal schnell an den Laptop, in meinen sozialen Netzwerken online gehen und ein paar E-Mails beantworten, denke ich, als ich meine Wohnungstür wieder schließe. Ich steuere schon auf meinen Schreibtisch zu, als ich im Augenwinkel das benutzte Geschirr am Küchentisch sehe.

Wie heiß sollte das Wasser zum Spülen sein?

Okay, das spüle ich erst mal ab. Schnell schnappe ich mir Kuchenteller, Besteck und Kaffeetassen, stelle alles in die Spüle. Heißes Wasser, Spülmittel und los geht’s. Autsch! Das war zu heiß. Nochmal kaltes Wasser, ja, so geht das besser.

Nur das nächste Mal könnte ich weniger Spüli verwenden. Immerhin soll das Geschirr kein Schaumbad bekommen. Abspülen für Anfänger, die daheim immer nur die Spülmaschine eingeräumt haben.

Danach fällt mein Blick auf den Küchentisch, auf dem einige Kuchenkrümel liegen geblieben sind. Automatisch greife ich nach dem Spültuch und wische sie auf. Als ich den Lappen in der Spüle auswringe, bin ich über mich selbst erstaunt: Zu Hause hätte ich meine Kuchenreste so lange liegen lassen, bis sie sich irgendwann von selbst auf den Küchenboden verkrümelt hätten.

Zweiter Anlauf, mich an meinen Schreibtisch zu setzen. Doch ich bemerke, dass die Regale schon wieder ein bisschen eingestaubt sind. Ich springe auf, hole einen Lappen und fange an, Staub zu wischen.

Und weil ich schon mal dabei bin, nehme ich gleich noch meinen brandneuen, kleinen und wahnsinnig leichten Staubsauger zur Hand. Ich schalte Musik ein, drehe sie ein wenig lauter und tänzele mit dem Staubsauger durch meine Einzimmerwohnung. Danach ist alles blitzblank: keine Brösel mehr, keine Staubflusen.

Zufrieden setze ich mich auf mein Bett und sehe mich um. Überrascht bin ich trotzdem, wie leicht mir Aufräumen plötzlich fällt und wie wenig ich es als Last empfinde. Jetzt ist es nur noch Mittel zum Zweck, um meine eigenen kleinen vier Wände in Stand zu halten und mich dadurch hier wohlzufühlen.

Flucht ist unmöglich

Langsam wird mir klar, dass genau das der Knackpunkt ist: Früher, wenn mir das Chaos im eigenen Zimmer zu groß wurde, konnte ich dem entfliehen. Raus, Zimmertür zu, runter ins Wohnzimmer und dort aufs Sofa.

In meiner eigenen Bude kann ich vor meiner Unordentlichkeit nicht mehr weglaufen. Denn so ein Studentenzimmer ist eben – wie der Name schon sagt – nur ein Zimmer. Und im Bad zwischen Klo, Waschbecken und Dusche kann ich es mir schlecht gemütlich machen.

Jemand klingelt an der Tür und reißt mich damit aus den Gedanken. Ein Kumpel aus der Schule, der mal hallo sagen will. Ich freue mich, doch dann fällt mein Blick auf seine Schuhe, die wegen des Regens draußen triefend nass und mit Schlamm verschmiert sind. Noch bevor ich etwas sagen kann, stapft er schon auf meinen frisch geputzten Fußboden. „Mann, kannst du die dreckigen Schuhe nicht vor der Tür ausziehen?“, entfährt es mir – und ich klinge schon wie meine Eltern.

Kleine Notiz an mich selbst: Das nächste Mal nicht zu viel Spülmittel verwenden. Neue Mülltüten besorgen. Und einen Fußabstreifer kaufen!

Erschienen auf: Szene-Extra Seiten der Nürnberger Nachrichten

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