Vorstoß in unbekannte Sinnes-Welten

Fast 100000 Besucher spazieren jedes Jahr durch das Erfahrungsfeld der Sinne, auf der Wöhrder Wiese in Nürnberg. Das sind Kindergartengruppen, Schulklassen, Jugendverbände oder Familien. Unsere Nachwuchsreporterin Jennifer Hertlein (19) hat sich für die Rubrik „Jugendarbeit vor Ort“ unter sie gemischt und war selbst auf dem riesigen Sinnesparcour unterwegs: Sie wollte rausfinden, was es heißt, Erlebnispädagogik zu betreiben – und war plötzlich selbst ganz fasziniert.

Das Erfahrungsfeld der Sinne liegt eingebettet zwischen grünen Wiesen, der Pegnitz und großen Laubbäumen. Unter freiem Himmel sollen Jung und Alt hier ihre Sinne entfalten können. Ein Besuch im Erfahrungsfeld ist auf den ersten Blick nicht die typische Freizeitbeschäftigung für Jugendliche. Trotzdem will ich das heute mal ausprobieren.

Am Eingang lese ich: „Alle Sinne in Bewegung“. Das ist das diesjährige Motto. Und dass das Erfahrungsfeld viel mit Bewegung zu tun hat, wird mir schon bei einem ersten Rundgang über das Gelände klar. Kinder und Eltern ziehen eifrig Schuhe und Socken aus und tapsen über einen Barfußpfad. Weiter hinten schaukeln zwei Kinder auf der Partnerschaukel. Sie lachen, als sie einmal gegeneinander und einmal miteinander schwingen. Die Schaukeln sind verbunden und so überträgt sich die Kraft des einen auf den anderen.

Vor einem Zelt brennt ein kleines Lagerfeuer. Innen stehen niedrige Tische aus großen Steinplatten, daneben kleine Hocker in Form von Holzstämmen. An einem der Tische sitzt ein Junge neben einem der Betreuer des Erfahrungsfelds. Sie halten beide je einen großen Stein in beiden Händen und zermahlen damit Weizenkörner. „Wir backen Brot“, erklärt Betreuer Patrick.

Kraft, Geduld und Ausdauer: Brot backen

Aber im Erfahrungsfeld kommt das Mehl eben nicht aus der Tüte. Deshalb muss, wer selbst Brot backen will, erst mal Weizen zu Mehl verarbeiten. Patrick lädt mich ein, beim Backen zu helfen. Da bin ich glatt dabei. Sekunden später sitze ich auf einem der Holzstämme und zerreibe mit einem schweren Stein Weizenkörner. Ist das anstrengend, die Körner überhaupt klein zu kriegen.

Schon nach den ersten Minuten spüre ich, wie mich die Kräfte verlassen und mein Arm anfängt, zu schmerzen. Der Junge neben mir, Christian (14) ist auch überrascht: „Ich hätte nie gedacht, dass es so anstrengend ist, Mehl zu mahlen!“ Patrick lacht. Er erzählt, dass viele Besucher erstaunt wären. „Und man merkt, dass Stadtkinder sich oft schlechter auskennen. Kinder vom Land können zum Beispiel Getreidesorten viel besser unterscheiden.“ Auch ich merke: zum Brotbacken braucht man Geduld und Ausdauer. Umso stolzer bin ich, als ich es geschafft habe, mein Weizen in ein kleines Häufchen mehr oder weniger feines Mehl zu verwandeln. Christian und ich schmeißen unser Mehl zusammen in eine Schüssel, vermischen es mit Wasser und Salz zu einem pappigen Klumpen. Der kommt auf ein Blech und dann auf das offene Feuer. Nach wenigen Minuten ist unser Brot fertig. Oder eher Brötchen. Denn satt wird man von dem kleinen Fladen nicht. „Für ein großes Brot hätten wir wohl ein paar Stunden Mehl zermahlen müssen“, sagt Christian seufzend. Dann beißen wir in unser Brot. „Hm, ist das lecker“, meint er und ich stimme ihm voll und ganz zu. Die Mühe hat sich gelohnt!

Kurz darauf unterhalte ich mich mit Selda Iyi (27), der jungen Pressesprecherin des Erfahrungsfelds. „Sinne sind wie Muskeln. Werden sie nicht trainiert, verkommen sie“, sagt Selda, „hier gibt es sogar Kinder, die nicht mehr auf einem Bein hüpfen können, weil sie ihren Gleichgewichtssinn nie trainiert haben.“ Deshalb spielen die Betreuer im Erfahrungsfeld eine wichtige Rolle:. Die meisten von ihnen sind Pädagogen, zumindest eine Schulung ist für alle Pflicht. Auch wenn das Betreuuntsteam allen Gästen zur Seite steht, gilt generell: Alles selber ausprobieren. Bei Fragen oder Schwierigkeiten sind die Betreuer sofort zur Stelle. Einige Stationen leiten sie auch an – wie Patrick die altertümliche Brotbäckerei.

Selda berichtet mir aber auch, dass neben Kindern oft auch Jugendliche kommen. Die sind nicht immer sofort begeistert. „Manche denken, das wäre nur was für Kindergartenkinder“, sagt Selda, „aber dann versuchen sie, auf der Balancescheibe das Gleichgewicht zu halten und fallen erst mal auf die Nase.“ So wächst schnell das Interesse. Die Jugendlichen sind überrascht – wie Christian beim Brotbacken – und lassen sich letztendlich doch auf die Sinneserfahrungen ein.

Balancieren für den Teamgeist

Seldas Schilderung von der Balancescheibe hat mich neugierig gemacht. Ich schnappe mir eine gemischte Gruppe aus Eltern, Kindern und Jugendlichen und Betreuerin Lisa. Alle zusammen steigen wir auf die große wacklige Scheibe aus Holz. Wir sollen versuchen, sie im Gleichgewicht zu halten, so dass keine Seite am Boden aufkommt. Gar nicht so einfach! Manche probieren es mit großen Schritten, in die andere Richtung. Mit viel Schwung kippt die Scheibe zur anderen Seite. Wir kreischen, lachen. Das fühlt sich ungewohnt instabil an. Die Bewegungen werden vorsichtiger. Uns ist klar: Ins Gleichgewicht kommen wir nur, wenn wir alle zusammen helfen. Hier kann keiner sein eigenes Ding machen.

Später erklärt mir Lisa, dass die Balancescheibe dazu dient, Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen und mehr auf seine Mitmenschen zu achten. Und natürlich fördert sie den Gleichgewichtssinn. Selda berichtet: „Wir machen sogar Teamschulungen für Firmen. Da steht der Chef in der Mitte der Scheibe, ringsherum seine Mitarbeiter und er muss versuchen, Gleichgewicht herzustellen.“ Eine andere einfache Übung: Die Mitarbeiter sehen, was passiert, wenn alle in die gleiche Richtung laufen – oder jeder in eine andere.

Mit auf der Balancescheibe waren auch Johannes (13) und Vincent (14). Wenig später treffe ich sie nochmal in einem der Zelte. Sie testen einen Sinnesparcour, der die Augen-Hand-Koordination fördert. Ein großes Holzbrett, in das Löcher geschnitten sind. Sie müssen es schaffen, eine Kugel an einem Band daran hinaufzuziehen, ohne dass sie runter fällt. „Es ist super, dass wir alles selber ausprobieren können“, meint Johannes kurz. Dann konzentriert er sich sofort wieder auf seine Kugel und freut sich riesig, als es ihm gelingt. Ich merke, wie begeistert die Jungs sind – und das ganz ohne Unterhaltungspark mit vielen Extras, sondern nur durch die Erfahrungen mit ihren eigenen Sinnen. Dann schnappe ich mir selbst ohne zu zögern eine Kugel.

Fazit: Das Erfahrungsfeld ist auf jeden Fall einen Besuch wert – gerade weil auch wir Jugendliche oft gar nicht wissen, wie verkümmert manche unserer Sinne sind. Ich nehme mir fest vor, demnächst auch noch im Dunkelcafé vorbeizuschauen, von dem mir Selda erzählt hat. Dort kann ich im Dunkeln frühstücken, als wäre ich blind, und so meine anderen Sinne schulen.

Ach ja, das Erfahrungsfeld ist sogar unterwegs. Mit dem Mobilen Erfahrungsfeld könnten sich auch Jugendverbände oder Zentren  mehrere Sinnesstationen ins eigene Haus holen: das ist sicherlich eine ganz besondere Erfahrung!

 

Erschienen in der: Juna – Zeitschrift des Bayerischen Jugendrings, Ausgabe 05/2010 (Oktober und November), Titelthema: „Lost in Transition: Jugend zwischen Bildungsstress & Arbeitsmarkt“

Fotos: Selda Iyi

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