Bitte nicht flüstern!

Eindrücke von den strengen Sitten an einer Uni in Paris

Während des Studiums mal ins Ausland zu gehen – das ist der Traum vieler Studenten. Doch in einem anderen Land funktioniert Studieren oft ganz anders als daheim – Kulturschock inklusive. Die Erlanger Studentin Jennifer Hertlein hat sich eine Woche lang das Uni-Leben in Paris angeschaut.

Für meine Freundin Dani (22) ist ein Wunsch in Erfüllung gegangen. Sie studiert für ein Jahr in der pulsierenden französischen Metropole – an der renommierten Universität Science Politique. Ich will wissen, wie die Uni in Paris abläuft und wie das studentische Nachtleben dort ist.
Am späten Freitagnachmittag komme ich an – und fahre vom Flughafen mit der Métro direkt zu Danis neuer Uni. Ihre letzte Vorlesung für diesen Tag geht um 17 Uhr los! An der Tür des Seminarraums klebt ein großer weißer Zettel. Darauf ist eine ganze Reihe von Verbotsschildern zu erkennen. Essen, Trinken, Handys – alles durchgestrichen.

Die Veranstaltung fängt sehr pünktlich an. Zu spät kommt hier keiner. Denn am Anfang liest der Dozent alle Namen der etwa 15 Studenten laut vor und hakt sie einzeln ab. Wer zu spät kommt – und seien es nur fünf Minuten – fehlt unentschuldigt. Und das darf insgesamt nur dreimal passieren.
Der Dozent beginnt zu reden, und ich versuche, das Französisch zu verstehen. Nach etwa zehn Minuten will ich Dani etwas fragen. Ich drehe den Kopf zu ihr und sage im Flüsterton: „Dani, sag mal, was bedeutet….?“

„Mademoiselle!“, sagt der Dozent laut. Ich sehe erstaunt auf. Mit wem spricht er denn? Oh, er sieht mich an! Ich schaue achselzuckend zurück. Er wirft mir einen strafenden Blick zu. Da dämmert es mir. Er hat mich ermahnt, weil ich gesprochen habe. Besser gesagt: geflüstert!
Ich bin irritiert und beobachte die anderen. Es spricht wirklich keiner. Man hört nur das leise stetige Klackern der Laptoptastaturen und den Sprechsingsang des Dozenten. Und mich – wenn ich Nase putzen muss oder husten. Hey, ich kann nichts dafür, dass ich erkältet bin! Da hilft es mir auch nichts, wenn mir der Dozent jedes Mal einen missbilligenden Blick zuwirft. Wenn ich Dani etwas mitteilen will, schreibe ich ihr jetzt ganz heimlich ein paar Sätze auf einen kleinen Zettel – wie in der Unterstufe in der Schule.

Nach einer gewissen Zeit schalte ich gedanklich ab. Erstens gehören Vokabeln wie Mittelstreckenrakete oder Währungsschlange bisher nicht ganz zu meinem standardmäßigen Französisch-Wortschatz. Zweitens zieht sich die Veranstaltung ins Unermessliche. Was bei uns 90 Minuten dauert, dauert in Frankreich wirklich zwei volle Stunden. Um sieben macht der Dozent endlich einen Punkt und beendet seinen Nonstop-Monolog.

Umso mehr freue ich mich aufs Nachtleben am Wochenende. Und bin schockiert, als mir Dani von den Preisen erzählt. 30 Euro Eintritt für Clubs, acht Euro für eine Cola. Autsch. Da bin ich froh, dass bei uns heute WG-Party auf dem Programm steht – mit deutschen und französischen Mitbewohnern und original französischem Wein vom Supermarkt um die Ecke.

Erschienen auf: Szene-Extra Seiten der Nürnberger Nachrichten

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: