Den Stecker gezogen – „Gute Nacht, Du schöne Welt“

Die Journalisten Christoph Koch und Alex Rühle wollten wissen: Kann man heute überhaupt noch offline leben, ohne Internet und Handy? Hält das ein modernes Leben aus?

Wir leben mit dem Internet. Im Büro und zu Hause natürlich – aber mittlerweile auch unterwegs, mit mobilem Internetzugang am Laptop oder über das Smartphone. Wir sind daueronline, ständig zu erreichen, wir kommunizieren nonstop. Aber was passiert, wenn man mal den Stecker zieht, die WLAN-Verbindung kappt und für ein paar Wochen oder gar Monate auf das Internet verzichtet? Können wir in dieser Gesellschaft überhaupt noch ohne Internet leben? Zwei Journalisten haben es im Selbstversuch ausprobiert – und jeweils ein Buch darüber geschrieben.

Christoph Koch (36) zog um. Und saß dann ohne Internetzugang in der neuen Wohnung. Damit fühlte er sich äußerst unwohl: Er hatte das Gefühl, andauernd etwas zu verpassen. Seine Lösung: Er kaufte sich einen teuren Internetstick. Nur um wieder am Leben in der virtuellen Welt teilnehmen zu können.

„Wenn ich mal ein paar Tage unterwegs bin, kommst du damit deutlich besser klar, als wenn du ein paar Tage aufs Internet verzichten musst“, sagt Christoph Kochs Freundin in seinem Buch „Ich bin dann mal offline“ zu ihm. Koch leugnete das, obwohl er wusste, dass er es ohne Internet nicht aushielt. Und schon hatte er die Idee zu einem Selbstversuch: Mindestens einen Monat lang wollte er weder Internet noch Handy nutzen.

Entzugserscheinungen

Koch dachte, er sei auf das Internet angewiesen. Als Journalist bekommt er viele Aufträge per Email. Auch zur Pflege seiner Freundschaften spielt es eine große Rolle. So läuft es eben: schnell noch mal dem Kumpel über Facebook schreiben. Und wie hieß noch mal der Sänger von dieser einen Band? Ach, das kann man doch schnell googeln. Und ehe man sich versieht, klickt man von einem Eintrag zum nächsten. Und das stundenlang.

Am Anfang fehlte Koch das Internet. Er spürte „Phantomvibrationen“ in seiner Hosentasche. Er fand die Kontaktdaten seiner Freunde nicht mehr. Und er musste wieder Briefe schreiben, anstatt im Rekordtempo E-Mails zu versenden. Sogar Kopfschmerzen bekam er. „Ich bin mir nicht sicher, ob es sich dabei um richtige Entzugserscheinungen handelt“, schreibt er, „oder nur um die verdienten Nachwirkungen des Whiskys von gestern Abend.“

Heimlich Emails gecheckt

Koch fiel es schwer, offline zu sein. Alex Rühle (40), ebenfalls Journalist, ging es genauso. Auch Rühle hat den Selbstversuch gewagt. In seinem Buch „Ohne Netz“ berichtet er davon. Rühle traute sich, gleich ein halbes Jahr offline zu gehen. „War ein eher ruhiger Tag: 68 Mails im Eingang, 45 geschrieben. Ich mach den Rechner aus, ziehe meine Jacke an, stelle mich in den Aufzug und denke: Harakiri. Gute Nacht, du schöne Welt.“ Das schrieb er an dem Abend, an dem er den Stecker zog.

Früher deponierte Rühle sein Handy abends auf dem Schuhschrank, damit er vor dem Schlafengehen noch heimlich Emails checken konnte. Während des Experiments musste er neu recherchieren lernen, im eigenen Gehirn googeln – und ständig nach Telefonzellen, Briefkästen und Faxgeräten Ausschau halten.

„Das wahrscheinlich Schlimmste an meiner digitalen Sucht“, schreibt Rühle, „war die
Aufmerksamkeitszerstäubung, die Schwierigkeit, konzentriert über lange Strecken an ein und derselben Sache zu arbeiten.“ Koch ging es ähnlich. Als die beiden noch Internet hatten, konnten sie zur Ablenkung zwischendurch schnell auf YouTube klicken.

Der Computer bleibt erst mal aus

Doch nachdem sie die ersten Tage und Wochen überstanden, merkten sowohl Koch wie auch Rühle, dass es gar nicht so schlimm ist ohne das Internet. Sie mussten keine 80 Emails am Tag mehr beantworten. Und sie waren auch ganz einfach mal nicht erreichbar.

Nach dem Ende des Versuches fielen sowohl Koch wie auch Rühle schnell in ihre alten Gewohnheiten zurück. Aber sie haben auch einiges aus ihrer Offline-Zeit mitgenommen. „So schalte ich beispielsweise nicht mehr als Erstes jeden Morgen den Computer ein und lasse mich von der ersten Welle der Mails wegspülen“, schreibt Koch in seinem Buch.

Aus beiden Büchern geht eindeutig hervor: Das Internet ist nicht böse. Im Gegenteil, es ist der Fortschritt und wir brauchen es in unserem Alltag. Aber sicher würde es jedem von uns gut tun, das eigene Nutzungsverhalten mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Oder wie Rühle schreibt: „Im Foyer des Hotels logge ich mich viermal in deren Rechner ein, um nach Mails zu schauen. Klar, alles sehr wichtig … aber muss ich mich deshalb tatsächlich viermal einloggen?“

 

Christoph Koch: Ich bin dann mal offline. Ein Selbstversuch. Leben ohne Internet und Handy. (Blanvalet 2010, 272 S., 12.95 €)

Alex Rühle: Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline. (Klett-Cotta 2010, 220 S., 17.95 €)

Erschienen auf: fluter.de

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