Junge Menschen bringen Schwung in die Welt

Europa? Deutschland? Die Region? Der politische Alltag hierzulande ist komplex. In der Lokalzeitung lesen wir Meldungen aus der Region, im Radio hören wir zwischendurch, was die Regierung in Berlin gerade so macht und am Abend berichten sie im Fernsehen in den Nachrichten über eine neue EU-Vorschrift. Europa, Deutschland, die Region – das sind drei sehr unterschiedliche politische Baustellen! Wie sollen wir da noch durchblicken? Und was ist für die Jugend von heute davon besonders wichtig? Drei Jugendliche erzählen, warum Europa viele Chancen bietet, warum es einem in Deutschland nie langweilig wird und was die Region zur Heimat macht.

Hannelore Gabor, 20, aus Fürth

Europa: „Es ist toll, dass wir innerhalb der europäischen Union kein Visum brauchen, wenn wir in anderen Ländern Urlaub machen wollen. Und auch Geld umtauschen ist längst kein Thema mehr. Das finde ich sehr angenehm. Ein paar Länder der EU habe ich schon besucht. Am besten hat es mir bisher in Irland gefallen. Dort war ich mit der Schule auf Abitur-Fahrt. Mich fasziniert an Irland diese wunderschöne Landschaft mit den grünen Hügeln. Natürlich würde ich mir gerne ganz Europa anschauen und mehr rumreisen, aber das ist gerade für eine Studentin wie mich finanziell oft nicht drin. Von der EU-Politik kriegt man allerdings überhaupt nichts mit. Deshalb kann man sich auch nicht damit identifizieren. Die Politiker sollten mehr dafür tun, dass der durchschnittliche EU-Bürger mehr davon erfährt, was in der europäischen Union gerade so passiert.“

Deutschland: „Ja, die Deutschen. Die sind manchmal ein bisschen komisch. Unfreundlich, würde ich sagen, im Vergleich zu den Bewohnern anderer EU-Länder. Manchmal wenn ich im Urlaub war, habe ich die Erfahrung gemacht, dass es in anderen Ländern teilweise ganz üblich ist, auf der Straße jeden zu grüßen. Und mir kommen die Menschen auch hilfsbereiter vor. Das fehlt mir hier. Die Deutschen sind eben nicht so aufgeschlossen. Anders ist das, wenn große Events stattfinden, wie die Fußball Weltmeisterschaft. Dann können plötzlich doch alle offener sein und umarmen Wildfremde beim Public Viewing, wenn ein Tor gefallen ist. Plötzlich haben sich alle lieb. Ich finde, das sollte immer so sein. Nächstes Jahr findet der Eurovision Song Contest in Deutschland statt. Ich wette, da gibt es auch wieder so eine Euphorie wie bei der WM. Und danach sollten alle Deutschen mal versuchen, diese Aufgeschlossenheit auch nach dem großen Event aufrechtzuerhalten.“

Region: „Ich finde die kleinen Kärwas hier in der Region richtig schön. Die sind viel toller, als große Kirchweihen, weil sich jeder kennt. Und selbst, wenn man sich nicht kennt, kann man sich dort gut mit Leuten unterhalten. Da ist das auch so ein bisschen, wie bei der Fußball WM. Alle freuen sich, haben gute Laune und man hat gemeinsam eine Menge Spaß. Manche finden es schade, dass wir hier auf unseren Kärwas keine Dirndl oder Trachten tragen, wie in anderen Teilen Bayerns. Aber meiner Meinung nach ist das auch wieder was Besonderes. Bei uns ist das eben nicht, wie überall sonst. Eigentlich bin ich ja aus Fürth. Aber nun werde ich sehr viel Zeit in Bamberg verbringen, weil ich jetzt dort studiere. Das ist dann quasi Ober- statt Mittelfranken. Aber Franken bleibt Franken und ich bin auch froh, dass ich recht nah hier bleibe. Trotzdem werde ich Fürth vermissen – vor allem wegen meinen Freunden. Denn es sind doch die Menschen, die Heimat ausmachen, und nicht die jeweilige Stadt. Vom Stadtkern ist Bamberg neutral betrachtet schöner als Fürth. Aber bis jetzt finde ich Fürth trotzdem noch viel toller, weil ich hier Zuhause bin und so viele Leute gut kenne.“

Alexander Wenisch, 19, aus Puschendorf

Europa: „Ich könnte mir schon vorstellen, später auch mal in einem anderen europäischen Land zu arbeiten. Es ist bestimmt sehr interessant, etwas anderes zu sehen, in einer anderen Kultur zu leben. Deshalb ist es auch eine gute Sache, dass EU-Bürger innerhalb der ganzen EU ohne große Hindernisse arbeiten dürfen. Natürlich sind auch Reisen innerhalb der EU einfacher. Und durch die EU-Standards weiß ich auch, was mich im anderen Land erwartet. Also wenn es zum Beispiel darum geht, wie gut oder schlecht ein Hotelzimmer ist. Im täglichen Leben steht für mich aber Deutschland trotzdem mehr im Vordergrund, als die EU.“

Deutschland: „Meiner Meinung nach ist unser Land sehr vielseitig. Oben an der Nord- und Ostsee ist alles ganz flach, wir können baden und Wassersport betreiben. Im Süden sind im Gegensatz dazu die Alpen, zum wandern, mountainbiken und skifahren. Und alles was dazwischen liegt, ist auch sehr spannend, weil jede Region anders ist. Überall gibt es andere Bräuche, verschiedene Speisen und unterschiedliche Dialekte. In Deutschland wird es einem deshalb wirklich nicht langweilig!“

Region: „Die Metropolregion Nürnberg-Fürth-Erlangen ist sehr wichtig, auch für alle, die aus den umliegenden Gemeinden kommen. Ich pendel auch jeden Tag nach Nürnberg, um zur Fachhochschule zu kommen. Das ist eines der Dinge, die die Metropolregion ermöglicht: höhere Schulen und Bildung. Außerdem gibt es viel größere Einkaufsmöglichkeiten, mehr Arbeitsplätze und natürlich auch mehr Kneipen, Bars und Discotheken um am Abend mal mit Freunden feiern zu gehen. Und hier sprechen natürlich alle fränkisch. Zumindest ein bisschen Dialekt hat man meistens schon, wenn man hier aufwächst. Ich finde, der gemeinsame Dialekt verbindet die Menschen auch.“

Manolya Borucu, 20, aus Fürth

Europa: „Wenn ich an Europa denke, kommt mir natürlich als erstes die Europäische Union in den Sinn. Sie schafft für uns sehr viele Privilegien und Vorteile, schon wegen der wirtschaftlichen Zusammenarbeit der EU-Länder oder den vereinfachten Reisemöglichkeiten. Die EU bietet Chancen, weil man viele große Ziele nur gemeinsam durchsetzen kann. Aber sie bringt auch neue Zwänge mit sich, weil man zusätzlich zu den Gesetzen im eigenen Land noch EU-Vorschriften hat. Das kann eine Belastung sein – und vor allem jede Menge Bürokratie. Das macht es für die Bürger kompliziert. Die sollen dann auf kommunaler, auf Landes- und Bundesebene durchblicken und noch dazu bei europäischen Belangen. Das ist nicht leicht. Übrigens blicke ich auch gerne über die europäischen Grenzen hinaus. Während meiner Schulzeit habe ich ein Jahr in den USA verbracht und so eine andere Kultur erlebt. Andere Kulturen kennenzulernen, zu akzeptieren und zu respektieren – das ist wichtig, sowohl innerhalb der EU, als auch außerhalb.“

Deutschland: „Das ist ein hochentwickeltes Land, das immer noch wirtschaftlich sehr stark ist! Das finde ich bewundernswert. Meine Eltern kommen aus der Türkei und ich bin selbst in den Ferien oft dort. Ich kenne also sowohl das Leben in der Türkei, als auch das Leben in Deutschland. Und es könnte wirklich nicht unterschiedlicher sein! Wenn ich Deutschland in ein paar Worten charakterisieren müsste, würde ich „ordentlich“, „pünktlich“ und „diszipliniert“ wählen. Die Türkei ist das Gegenteil. Das Leben dort ist viel spontaner und nicht so durchgeplant. Das hat beides seinen Reiz. In der Türkei merke ich außerdem sehr stark, dass es viel mehr junge Leute gibt, als hier in Deutschland. Das fällt einem schon auf, wenn man nur durch die Straßen von Istanbul läuft. Dass Deutschland überaltert, ist definitiv ein Problem!“

Region: „Mir gefällt es vor allem in Erlangen total gut. Dort studiere ich jetzt auch Jura. Erlangen ist eine richtige Studentenstadt – eben mit vielen jungen Leuten. Egal wohin man sieht, überall sind Studenten. Die ganze Stadt ist fast wie ein riesiger Campus. Aber das ist auch wichtig für die Region. Denn so kommen eine Menge kluger Köpfe hierher: junge Menschen mit kreativen, innovativen Ideen, die auch bereit sind, diese umzusetzen und mal was Neues auszuprobieren. Junge Menschen bringen eben Dynamik in eine Stadt, weil sie immer aktiv sind. Das sieht man in Erlangen schon ganz deutlich an den vielen Studenten, die mit ihren Fahrrädern ständig durch die Stadt düsen. Eine richtig tolle Atmosphäre eben!“

Die Autorin: Jennifer Hertlein (19) hat dieses Jahr ihr Abitur gemacht und studier seit Oktober an der Uni in Erlangen Politikwissenschaft und Öffentliches Recht. Jeweils ein Wort, das sie über Europa, Deutschland und die Region sagen würde: „Zukunft“ – „Sicherheit“ – „Heimat“.

Erschienen in: „Ringfrei“ der Zeitschrift des Kreisjugendring Nürnberg-Stadt, Ausgabe Nr. 50 – November 2010

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One Response to Junge Menschen bringen Schwung in die Welt

  1. neochorone sagt:

    Ich bedanke mich für deinen eloquenten und informativen Report! Es ist unerlässlich, sich mit den Interessen der Jugend zu befassen, wenn es um Politik oder Kultur geht. Man kann nur hoffen, dass dein Artikel bei vielen Lesern Anklang findet.

    Viele Grüße,
    chorone

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