Kleiner Held aus vielen Pixeln

Avatare: Das zweite Ich oder doch nur eine Animation von vielen?

Avatare – Figuren, die nur in virtuellen Welten existieren. Jeder, der schon einmal in ein Computerspiel eingetaucht ist, weiß: Auf dem Bildschirm ist man in Form seines Avatars unterwegs. Im Spiel bekämpft dieser in verschiedenen Leveln Gegner, sammelt Gegenstände und erfüllt Missionen. Den Avatar könnt ihr meistens ganz nach eurem Belieben gestalten – männlich oder weiblich, groß oder klein, blond oder brünett. Doch ist der Avatar wirklich euer künstliches Abbild? Hättet ihr gerne seine übernatürlichen Fähigkeiten, zum Beispiel um euch unsichtbar zu machen? Und wächst einem ein Avatar ans Herz, obwohl er nur aus Pixeln besteht? Unsere Autorin Jennifer Hertlein (19) hat mit drei jugendlichen Avatar-Besitzern geredet. Hier erfahrt ihr, wie sie über ihr zweites Ich denken.

Emek Bektas, 19, und ihr Avatar Xena

Ich spiele im Internet „Runes of Magic“. Das ist ein MMORPG, ein Massively Multiplayer Online Roleplay Game. Das ist ähnlich wie World of Warcraft, allerdings kostenlos. Wenn ich dafür Geld bezahlen müsste, würde ich es nie spielen – das ist es mir nicht wert. Aber das Spiel ist gut, auch wenn es nur eine Nachahmung ist.

In „Runes of Magic“ ziehe ich wie bei vielen anderen MMORPGs von Dorf zu Dorf. Ganz viele Leute spielen mit und man kann entweder alleine oder zusammen Missionen erfüllen. Das heißt, Monster töten und Gegenstände einsammeln. So komme ich immer ein Level höher. Und in der Gruppe kann ich auch sehr schwere Levels bestehen.

Im Spiel habe ich natürlich einen Avatar. Das kann ein Magier sein, ein Krieger, ein Priester – oder wie meiner ein Schurke. Ich habe den Schurken gewählt, weil er die besten Eigenschaften hat. Er kann sich sogar unsichtbar machen! Außerdem ist das etwas Besonderes. Einen Schurken hat nicht jeder. Aber mein Schurke ist natürlich weiblich. Also eine Schurkin. Sie heißt Xeena, wie eine Kriegerprinzessin aus einer Serie. Das klingt toll und hat Wiedererkennungswert.

Ich konnte entscheiden, wie Xeenas Gesicht und ihre Haare aussehen sollen, wie dick ihre Arme und Beine sind und sogar wie groß ihre Oberweite ist. Ich habe sie sehr bewusst gestaltet und anfangs viel ausprobiert. Jetzt gefällt Xeena mir richtig gut. Und natürlich ist sie mir ähnlich. Ich bin nicht recht groß, mein Avatar auch nicht. Ich habe oft auffällige Haarfarben, wie rot. Und Xeena hat blaue Haare. Klar kann ich mich mit ihr identifizieren. Ich finde, der Avatar wächst einem richtig ans Herz und ich bin auch traurig, wenn er stirbt. Aber zum Glück erwacht er ja genauso schnell wieder zum Leben!

Wenn ich mit Leuten spiele, die ich im echten Leben nicht kenne, dann stelle ich sie mir schon oft so vor, wie ihre Avatare aussehen. Einmal habe ich dann von einem Spieler online ein richtiges Foto gesehen. Aber selbst danach habe ich vor meinem geistigen Auge immer seinen Avatar gesehen, wenn ich seinen Namen gelesen habe.

Zu dem Spiel bin ich 2008 über meinen damaligen Freund gekommen. Ich wollte es einfach mal probieren. Eine Weile habe ich fast täglich gespielt, heute ist es mal mehr und mal weniger. Aber ich will schon, dass mein Avatar weiterkommt. Ich bin jetzt mit Xeena in Level 37. Es wäre schön, wenn ich sie mal auf Level 55 bringen würde, das ist das höchste. Aber ich habe auch nicht das Gefühl, dass ich sie vernachlässige, wenn ich gerade keine Zeit zum Spielen habe.

Veit Hartung, 23, und sein Avatar Knuphigaer

Ich weiß gar nicht genau, wie viele Avatare ich habe. Aber bestimmt über 40 Stück, denn ich bin sehr an Computerspielen interessiert. Deshalb habe ich schon viele verschiedene Spiele ausprobiert, in jedem Spiel auch unterschiedliche Varianten. Und logischerweise brauche ich dafür immer einen neuen Avatar. Einen Hauptavatar habe ich nicht. Aber mit dem Avatar auf dem Bild – er heißt Knuphigaer – habe ich zumindest sehr viel Zeit verbracht.

Im Moment spiele ich recht wenig, da ich Soziale Arbeit studiere. Aber früher habe ich schon so 40 Stunden in der Woche gespielt, darunter sehr viel World of Warcraft, kurz WOW. An diese Zeit denke ich gerne zurück. Aus WOW ist auch Knuphigaer. Klar, WOW ist kostenpflichtig, aber das ist mir egal. Wenn ich mir ein Spiel kaufe, stört es mich nicht, wenn ich regelmäßig dafür zahlen muss. Andere Leute kaufen sich ein Auto und brauchen ständig Benzin. Das ist doch das Gleiche!

Mein Avatar Knuphigaer ist ein Nachtelfenpriester. Er kann andere heilen, wenn sie schwer verletzt sind. Bei Avataren kann man sich quasi immer Rasse und Klasse aussuchen. Für mich war das Entscheidende immer das Outfit. Ich habe selbst lange Haare. Daher würde ich mir keinen männlichen Charakter aussuchen, der mit langen Haaren und Bart bescheuert aussieht. Außerdem finde ich, je wilder meine Avatare wirken, desto besser. Immerhin geht es darum zu kämpfen. Ich habe auch nichts dagegen, wenn sie im Spiel Narben bekommen, die nicht mehr verschwinden. Das schafft Identität. Dann schauen nicht alle Avatare gleich aus.

Ich finde es wichtig, dass ich mich mit meinem Avatar identifizieren kann. Denn ich stecke ultra viel Zeit rein. Und es gibt sogar Avatare, mit denen ich noch mehr verbinde! Das sind Avatare aus echten Onlinerollenspielen, in denen ich nicht nur kämpfe, sondern richtiges Rollenspiel betreibe. Das heißt zum Beispiel, dass ich mir eine Geschichte für meinen Avatar ausdenke.

Bei so vielen Avataren ist es schwer, den Überblick zu behalten – und ich schließe sie nicht ins Herz. Es sind trotz allem nur Pixel auf dem Bildschirm. Sie tun mir auch nicht leid. Ein Avatar ist dazu da, dass er verletzt und wieder geheilt wird.

Stefan Schumacher, 19, und sein Avatar Kelual

Ich zocke das kostenlose Onlinespiel Shaiya. Dafür musste ich mir einen Avatar, oder oft auch nur Char genannt, erstellen.  Ich konnte zwischen zwei Gruppen wählen, den Lampen und den bösen Darkies. Mein Avatar ist ein Krieger der Lampen. Ich bin also ein Guter. Dann durfte ich meinen Char gestalten. Klar gehe ich danach, was mir am besten gefällt. Ich mag selbst keine langen Haare, deshalb hat mein Char auch keine! Und als Kämpfer muss er natürlich groß sein.

Außerdem habe ich mich bewusst für einen Menschen entschieden. Ich hätte auch einen Elfen als Avatar nutzen können. Die sind zwar putzig, aber zaubern immer nur am Rande des Spiels. Ich bin lieber mitten im Geschehen und kämpfe.

Mein Char hat viele Fähigkeiten und kann sogar mit zwei Feuerschwertern kämpfen. Ich sammle mit ihm Heiltränke für seine Ausdauer. Und er muss Kristalle finden. Dadurch bekommt er neue Skills und kann mehr Damage anrichten. Oder anders gesagt: die Kristalle verbessern seine Waffen. Mein Char kann Sachen, die ich selber nicht kann. Das ist spannend! Deswegen ist er schon mein eigener kleiner Held. Natürlich will ich nicht, dass er stirbt, sondern dass er immer besser wird.

Mein Char heißt übrigens Kelual. Das kommt von der Probepackung einer Gesichtscreme. Das Problem ist, dass mir nie ein guter Name einfällt. Dann dachte ich: Ich nehme, was ich als erstes sehe. Kelual ist übrigens nicht mein einziger Avatar. Insgesamt habe ich vier. Irgendwann wollte ich doch einen Verteidiger oder einen Magier testen. Immerhin haben die andere Fähigkeiten, das ist mal was Neues. Aber Kelual ist mein Lieblingsavatar. Mit ihm habe ich angefangen und auch am meisten gespielt. Ich habe gar nicht die Zeit, mich um vier Avatare zu kümmern.

Immerhin darf man’s mit diesen Spielen auch nicht übertreiben. Denn süchtig wird man von sowas wirklich. Gerade wenn man mit Freunden spielt und sich regelrecht verabredet, sich abends im Spiel zu treffen anstatt im Real Life.

Erschienen auf: Szene-Extra Seiten der Nürnberger Nachrichten

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: