Der letzte Zivi auf Hoheneck

Für viele junge Männer ist der Zivildienst eine Chance, völlig neue Erfahrungen zu sammeln – so auch in der Jugend- bildungsstätte Burg Hoheneck bei Ipsheim. Juna- Nachwuchs- reporterin Jennifer Hertlein (19) hat sich dort umgesehen. Sie wollte wissen, wie die Arbeit auf der Burg aussieht, welche Rolle die jungen Hilfskräfte in der Jugendbildungsarbeit spielen – und wie es ohne Zivis weitergeht.

Blauer Himmel, gleißendes Licht. Im Tal hängt noch ein bisschen Nebel und über Ipsheim und den orange-rötlich verfärbten Weinbergen erhebt sich prächtig die Burg Hoheneck. Gemütlich spaziere ich über einen der Weinwanderwege hinauf zur Burg und atme die frische Morgenluft ein. Schon bald stehe ich vor dem riesigen Eingangstor. Es ist offen und ich gehe zielstrebig in den großen, rundlichen Burghof. In der Mitte steht ein großer Laubbaum, der langsam seine bunten Blätter verliert. In einigen Zimmern brennt schon Licht. Eine Gruppe Jugendlicher läuft lachend über den Hof.

Wo finde ich denn hier die Zivildienstleistenden? Aber da kommt mir Roman Kindl (19) schon entgegen. Seit August ist er Zivi auf der Burg und dafür zog es ihn fast 100 Kilometer von Zuhause weg.

Schon vor seinem Zivildienst kannte er die Burg Hoheneck gut. „Ich war öfter als Seminarteilnehmer auf der Burg. Zum Beispiel bei einer Bezirksaussprachetagung für Schülerzeitungsredakteure in Mittelfranken“, erzählt er begeistert, „und währenddessen habe ich die Burg lieb gewonnen. Ich finde die Atmosphäre spannend und irgendwann kam die Frage nach dem Zivildienst.“

Die konnte sich Roman schnell beantworten. Zum Bund gehen kam nicht in Frage. „Kriegsdienst an der Waffe ist nichts für mich.“ Um ausgemustert zu werden, war er zu gesund. Doch Roman wusste von seinen Besuchen auf der Burg, dass es dort Zivildienstleistende gab: „Ich hatte nur keine Ahnung, was ihr Aufgabenfeld war. Also habe ich nachgefragt, als ich das nächste Mal dort war.“

Zivi sein heißt auch, selbstständig zu werden

Roman führt mich durch die Burg Hoheneck. Als erstes laufen wir über die alte, malerische Burgmauer. Er erzählt mir, warum er unbedingt auf die Burg wollte. „In die Pflege wollte ich nicht. Aber mir war klar, dass wenn ich nur gärtnere, nur Hausmeister bin oder nur im Fahrdienst arbeite, mir das schnell zu langweilig wird“, berichtet er. Und die Burg hat diese verschiedenen Aufgaben vereint. Außerdem wollte Roman selbstständig werden. Jetzt wohnt er als Zivi auf der Burg und nicht mehr daheim bei seinen Eltern. „Quasi die ersten Schritte zur Selbstständigkeit“, erklärt er lachend, „auch wenn die Schritte nicht sehr groß sind. Immerhin nehme ich an der Gemeinschaftsverpflegung teil und muss nicht selber kochen.“

Roman arbeitet mit noch einem weiteren Zivi, Johannes Popp (22), auf der Burg. Ihre Aufgaben sind vielfältig: Sie dürfen zum einkaufen fahren oder Besucher der Burg vom Bahnhof abholen. Außerdem übernehmen sie einige hausmeisterliche Aufgaben. „Vor dem Tag der offenen Tür haben wir zum Beispiel das Treppenhaus gestrichen“, erklärt Roman, das diene der Instandhaltung der alten Festung.

Durch das Treppenhaus laufen wir jetzt. Und finden unten die Seminarräume. Als Zivi hilft Roman auch bei der Seminarvorbereitung, indem er dafür sorgt, dass die Räume hergerichtet und die Moderationskoffer aufgefüllt sind.

Altes Gemäuer mit eigenem Puls

Zudem kümmert er sich um kleinere Reparaturen an den Sanitäranlagen oder an der Heizung. Hinzu kommen gärtnerische Tätigkeiten – die Außenanlagen der Burg Hoheneck mit Fußball- und Volleyballfeld sind weitläufig. Und Holzhacken darf er auch, für die Lagerfeuerstelle.

Jetzt geht es eine enge Wendeltreppe hinunter und ich warte schon fast darauf, dass mir ein waschechter Ritter entgegenkommt. Stattdessen bin ich überrascht, als wir plötzlich im großen, lichtdurchfluteten Aufenthaltsraum stehen und einige Kinder johlend und kreischend Kicker spielen.

Die Burg Hoheneck ist, laut Roman, eine eigene kleine Welt mit ihrem persönlichen Rhythmus. „Das pulsieren vom Haus, wie viele Leute da sind“, sagt er, „beeinflusst total was du machst, wie viel du machst und wie schnell du es machst.“ Er spricht aus Erfahrung. Wenn die Burg voll ist, fällt wahnsinnig viel Arbeit an.

Besondere Anforderungen muss man auch für diese Zivildienststelle nicht mitbringen. „Aber ich hatte handwerklich vorher gar nichts drauf“, so Roman. Aber er freut sich über den Lerneffekt: „Das hilft mir, handwerkliche Geschicklichkeit zu üben.“

Während ich mich noch neugierig umblicke und Romans Erzählungen lausche, begegnen wir Simon Haagen (30). Er ist Leiter und pädagogischer Mitarbeiter der Burg. Um mir mehr von der Burg zu erzählen, nimmt er mich mit in den gewölbeartigen Speisesaal. Roman muss derweilen den Kiosk betreuen. Eine wichtige Anlaufstelle für die Besucher.

Simon Haagen erklärt mir, wer im Laufe des Jahres hier zu Gast ist. „Es kommen Jugendverbände, die hier Freizeit- oder Bildungsmaßnahmen durchführen. Sie möchten eine ruhige Seminaratmosphäre“, sagt er, „damit sie konzentriert arbeiten können. Aber gleichzeitig wollen sie versorgt sein und es gemütlich haben.“ Manchmal kommen auch Erwachsenengruppen, Behinderteneinrichtungen oder Schulklassen auf die Burg Hoheneck.

Wie geht es ohne Zivis weiter?

Auf der Burg sind drei Pädagogen tätig, die Seminare – von Berufsorientierung über Teamarbeit bis hin zu Konfliktlösung – anbieten. Damit alles reibungslos abläuft, spielen die Zivis eine wichtige Rolle. „Wir haben nur eine Hausmeisterstelle. Ohne die beiden Zivis wäre die Arbeit nicht zu bewältigen“, berichtet Simon Haagen, der mit der Aussetzung der Wehrpflicht zukünftig auch auf seine Zivis verzichten muss.

Selbst wenn sich Jugendliche für ein freiwilliges soziales oder ökologisches Jahr (FSJ) entscheiden, hilft das nicht über die fehlenden Zivis, denn ein großer Teil eines FSJ muss im pädagogischen Bereich abgeleistet werden. Das Problem also: Um die Arbeit von zwei Vollzeit-Zivis zu ersetzen, bräuchte es vier FSJler. Doch um einem FSJ-Quartett eine hochwertige pädagogische Anleitung zu garantieren, fehlt Simon Haagen und seinen Pädagogen-Kollegen auf der Burg die Zeit. „Wir arbeiten sowieso schon an der Grenze unserer Kapazität.“ Auf Hoheneck hofft man darauf, dass es vielleicht ein zivildienstähnliches Angebot auf freiwilliger Basis geben wird.

Die andere Alternative, den Burgbetrieb so zu erhalten, wie er momentan läuft, wäre eine weitere Vollzeitstelle in der Hausmeisterei. „Bei der momentanen Haushaltslage ist aber auch das schwierig.

Die Zeit vergeht wie im Flug

Ich statte Roman noch einen kurzen Besuch am Kiosk ab. Er schleppt gerade Getränkekästen herein. Ihm gefällt sein Job als Zivi. In einer herrlichen Umgebunt, mitten auf einer alten Burg, die gleichzeitig als Jugendbildungsstätte dient. „Es ist ein gutes Gefühl, als Zivi gebraucht zu werden“, sagt er zufrieden.

Erschienen in der: Juna – Zeitschrift des Bayerischen Jugendrings, Ausgabe 01/2011 (Februar und März), Titelthema: „Jugendliche unerwünchst? Konfliktfeld öffentlicher Raum“

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