Geht raus auf die Bühne und redet!

Angehende Juristen präsentieren ihre rhetorischen Fähigkeiten bei einem Wettstreit

Jura-Studium – das heißt, dicke Gesetzbücher wälzen, den ganzen Tag Paragraphen lernen und langweilige Fälle bearbeiten. So das Klischee. Beim 4. Rednerwettstreit des Alumni-Vereins der Erlanger Juristen bewiesen allerdings die vier Teilnehmer, dass Jura viel mehr bedeutet. Nämlich auch präsentieren, überzeugen und vor allem: Mut beweisen.

Aus Jura-Studenten sollen später mal gestandene Juristen werden. Und die sitzen nicht nur im dunklen Kämmerchen vor ihren Büchern, sondern arbeiten am Gericht, halten Plädoyers und setzen sich für das Recht der Menschen ein.

Daher ist gerade das Reden vor anderen eine Kernkompetenz – aber die Studenten an der Uni können sie nicht oft üben. Beim Rednerwettstreit sollen die Teilnehmer ein Plädoyer zu einem der vorgegebenen aktuellen Themen halten, zum Beispiel: „Gerichtsshows im Fernsehen – Werbung für das Recht oder Volksverdummung?“

„Im Fernsehen will man Action sehen und keine Juristen mit der Ausstrahlung von Schlaftabletten“, sagt Florian Fuhrmann (25) in seiner Rede und gestikuliert aufgebracht mit der rechten Hand. „Aber muss es immer Action sein?“ Er plädiert dafür, dass in Gerichtsshows mehr Realität gezeigt wird – damit die Zuschauer kein verzerrtes Bild von unserem Rechtssystem bekommen.

Florian studiert im 10. Semester Jura. Zur Vorbereitung auf den Wettbewerb hat er nicht nur Rechtstexte gelesen, sondern auch ganz viele Gerichtsshows im Fernsehen verfolgt. Er ist froh, dass er bei dem Wettstreit die Möglichkeit hat, sich juristisch auszuprobieren. „Plädoyers gehören eben zum Alltag von Juristen und nur, wenn man auch mal Feedback bekommt, kann man sich verbessern.“

Johannes Marco (25) ist schon Referendar am Oberlandesgericht und meint: „Das ist ein super Training hier. Außerdem kann man sich so von der Masse abheben. Und gerade das ist in Jura, wo es doch so viele Studenten gibt, unheimlich wichtig.“ Johannes’ Studienschwerpunkt lag auf Medien- und Kommunikationsrecht, da kommt ihm das Thema mit den Gerichtsshows gelegen.

„So eine Rede wächst dann auch in den ungewöhnlichsten Momenten“, erzählt er, „mir ist zum Beispiel oft nachts kurz vor dem Einschlafen noch ein wichtiges Argument eingefallen!“ Und das waren offensichtlich gute Argumente, denn die Jury belohnt ihn mit dem 1. Platz in Höhe von 500 Euro.

„In früheren Zeiten bediente man sich der Folter. Heutzutage bedient man sich der Presse. Das ist gewiss ein Fortschritt.“ Mit diesem Zitat von Oscar Wilde beendet Victoria Sophie von Minnigerode (23) ihre Rede.

Sie studiert im 7. Semester Jura und hat sich an ein anderes Thema gewagt: „Promiverfahren und Öffentlichkeit – Moderne Hexenjagd oder Samthandschuh?“ Victoria diskutiert, ob in Fällen wie dem des Wettermoderators Jörg Kachelmann die Persönlichkeitsrechte der Promis verletzt werden – oder ob sie dank ihres Promi-Status’ sogar privilegiert werden vor Gericht.

Victoria Sophie kann verstehen, dass viele Jura-Studenten sich scheuen, bei einem solchen Wettstreit teilzunehmen. „Sie haben Angst davor, sich zu blamieren, wenn sie vor so einem Fachpublikum sprechen müssen“, glaubt sie, „doch spätestens als Referendar sollte man die Praxis üben.“

Lana Baron (24), Jura-Studentin im 5. Semester, sieht das ähnlich. Für sie ist der Wettbewerb Abwechslung zum Studienalltag. „Wir können uns mal mit den Medien und dem Allgemeinbild der Justiz beschäftigen“, sagt sie begeistert. Lana kann, genau wie ihre Mitstreiter, nicht verstehen, dass die Resonanz zum Wettbewerb so gering ist.

Es macht den Eindruck, als wäre vielen Studenten ihr Pflichtprogramm – also Hausarbeiten schreiben und Klausurvorbereitung – einfach wichtiger. „Es ist leider oft so, dass man Studenten außerhalb des Studiums kaum für etwas begeistern kann“, meint Lana.

Nervös sind die vier Teilnehmer des Rednerwettstreits natürlich. Hier mal verhaspelt, dort mal zu lange aufs Blatt geschaut. Aber Übung macht den Meister. Immerhin haben sie genug Courage, sich vor das Publikum zu stellen und zu reden. Und genug Motivation, sich mal Gedanken über ein juristisches Thema zu machen, auch ohne dafür Noten in der Uni zu bekommen.

Erschienen auf: Szene-Extra Seiten der Nürnberger Nachrichten

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