Das Leben umkrempeln: Nach dem Burnout ins Kloster

Einser-Abi, im Eiltempo studieren und dann Karriere machen. So stellt man sich in unserer Leistungs- gesellschaft einen gelungenen Lebenslauf vor. Aber was ist, wenn der Stress zu groß wird und Körper und Seele das einfach nicht mitmachen? Sarah Herrlich ist erst 22, aber sie hat genau das erlebt.

Sarah studierte in Mainz Publizistik. Doch nach dem zweiten Semester konnte sie nicht mehr und zog die Notbremse. Nach einem kurzen Aufenthalt im Kloster und nachdem sie gründlich über ihr Leben nachdachte, hat sie jetzt beschlossen, eine Ausbildung zur Hebamme zu machen. Im Interview erzählt sie, warum es schwer ist, sein Leben komplett umzukrempeln – und warum es manchmal trotzdem sein muss.

Jennifer Hertlein: Sarah, wie sah denn dein Leben zu Beginn deines Studiums aus?

Sarah Herrlich: Damals hatte ich einen ganz normalen Alltag. Ich habe mit meinem Freund zusammengewohnt, meine Eltern unterstützten mich finanziell so weit, dass ich keinen Nebenjob annehmen musste. Auf das Studium habe ich mich richtig gefreut, und am Anfang lief eigentlich alles bestens.

Und dann war das plötzlich alles nicht mehr so perfekt?

Im zweiten Semester habe ich unter enormen Schlafstörungen gelitten. Ich konnte sogar mittags nicht die Kraft aufbringen, aufzustehen, zur Uni zu fahren und dort aufmerksam zuzuhören. Ich erinnere mich an unzählige Stunden, die ich mich im Bett schlaflos hin und her gewälzt habe. Es gibt ein Sprichwort, das besagt, dass nachts alle Probleme größer sind. Das kann ich bestätigen. Ich hatte das Gefühl, unter Tonnen von Problemen erdrückt zu werden. Mit der Zeit habe ich auch die Fähigkeit verloren, mich anderen gegenüber zu meinen Sorgen zu äußern. Es war für Freunde und Familie schwer, mich zu verstehen. Am Ende stand ich deshalb alleine da.

Auf dem Weg zur Uni zusammengeklappt

Um welche Art von Problemen hast du dich denn nachts gesorgt, wenn du schlaflos im Bett lagst?

Da kamen mehrere Sachen zusammen: familiäre Probleme und eine komplizierte Beziehung. Und ich habe gezweifelt, ob mein Studium das richtige ist. Die psychische Belastung war so groß, dass am Ende auch mein Körper gestreikt hat. Ich bin im Bus auf dem Weg zur Uni zusammengebrochen. Ich bin umgekippt und Stunden später im Krankenhaus aufgewacht – auf der Intensivstation! Das hat mir gezeigt, dass es so nicht weitergeht.

Ging es dir besser, als du gemerkt hast, dass du etwas ändern musst?

Im Gegenteil, ich habe mich schrecklich gefühlt. Ich habe darüber nachgedacht, was ich falsch gemacht habe. Warum andere das schaffen, während ich in dieser Leistungsgesellschaft auf der Strecke bleibe. Ich hatte mir nach dem Abi meinen Plan von Studium und Karriere so schön zurechtgelegt. Dass dieser Traum wie eine Seifenblase zerplatzt ist, hat mir schwer zu schaffen gemacht. Ich habe hin und her überlegt, ob ich die Krise nicht anders bewältigen kann. Der Abbruch des Studiums bedeutete für mich persönliches Versagen. Trotzdem gab es keinen anderen Weg. Im Nachhinein denke ich, dass ich sogar zu lange gezögert habe.

Damit hatten wohl auch deine körperlichen Beschwerden zu tun, oder?

Ja, denn mir ging es körperlich immer schlechter. Ich habe an Gewicht verloren. Früher habe ich liebend gerne gegessen, doch plötzlich war mein Appetit spurlos verschwunden. Ich musste mich zum Essen zwingen, und wenn mein Freund mir nicht regelmäßig frisch gekochte Mahlzeiten unter die Nase gehalten hätte, wäre ich mit Sicherheit stark untergewichtig geworden. Ich hatte keine Kraft mehr für die alltäglichsten Aufgaben – Einkaufen, Staubsaugen, Essen. Diese Dinge waren für mich zur Schwerstarbeit geworden.

Auszeit im Kloster

Um wieder zu dir zu finden, bist du dann für eine Woche in ein Kloster gegangen. Wie ist es denn dazu gekommen?

Nachdem ich beschlossen hatte, nicht mehr zur Uni zu gehen, war das kurzfristig erleichternd. Aber schon einige Tage später bin ich in ein noch tieferes Loch gefallen. Ich hatte keine Aufgabe mehr und noch dazu keinen Plan von meinem weiteren Leben! Dabei bin ich ein Mensch, der sich nach Aufgaben, einem gewissen Alltag und nach Bestätigung sehnt. Ich war kurz davor, mich ganz aufzugeben. Dann wollte ich vor all dem weglaufen, nur wusste ich nicht, wohin. Ich wollte mich nicht in eine Reise in ein exotisches Land stürzen, weil ich wusste, dass sich meine Probleme bei meiner Heimkehr nicht von selbst erledigt haben würden. Durch Zufall bin ich im Internet auf Erfahrungsberichte von Menschen gestoßen, die sich für eine Auszeit im Kloster entschieden hatten. Also habe ich mich auf die Suche nach Klöstern gemacht, die das anbieten, und bin erstaunlich schnell fündig geworden. Während dieser Internetrecherchen habe ich auch gemerkt, dass es vielen anderen Menschen – auch jungen Erwachsenen – ähnlich geht wie mir.

Was hast du von deinem Klosteraufenthalt erwartet?

Ich wusste, dass es keinen Fernseher und kein Radio gibt und dass mein Handy dort keinen Empfang haben wird. Mein Laptop habe ich bewusst zu Hause gelassen. Durch dieses komplette Ausschalten aller Medien wollte ich verhindern, dass ich im Kloster weiter vor meinen innersten Gefühlen, Sorgen und Problemen weglaufe. Ich habe mir eine absolut ruhige Atmosphäre gewünscht, in der ich mal gezwungen wäre, mich mir selbst zu stellen. Und von den Gesprächen mit den Brüdern, Patres und den anderen Menschen, die dort Zuflucht suchen, habe ich mir neue Impulse und Anregungen für mich selbst erhofft.

Hast du dich denn im Oblatenkloster Maria Engelport an der Mosel sofort wohl gefühlt?

Nein. Die ersten zwei Tage im Kloster waren von schlimmen Stimmungsschwankungen geprägt. Ich war abgeschnitten von der Außenwelt, allein unter Fremden. Ich hatte Heimweh und habe oft auf meinem Bett gesessen und nur geweint. Aber ich habe schnell Anschluss gefunden. Es gibt dort regelmäßige Mahlzeiten, die von allen gemeinsam eingenommen werden. Das war für mich, wie ich im Nachhinein erkenne, ein unheimliches Glück. Ich habe wieder gelernt, normal und regelmäßig zu essen, und ich habe mich mit den anderen dort angefreundet. Und ich konnte mich bei Gebeten und langen Wanderungen nur auf mich konzentrieren. Ich habe Gefühle zugelassen und meinen Kopf freibekommen.

Was hast du im Kloster gelernt? Was hast du für dein weiteres Leben mitgenommen?

Ich bin gehetzt, tieftraurig und depressiv hingefahren. Und ich bin voll Dankbarkeit, Liebe und Akzeptanz wieder weggefahren; zuversichtlich, dass alles irgendwie gut werden wird. Ich habe gelernt, dieses gescheiterte Studium als eine Art Wegweiser in die richtige Richtung zu begreifen und nicht mehr als persönliches Versagen. Ich habe vor meinem Klosteraufenthalt unter dem Gefühl gelitten, die Kontrolle über mein Leben zu verlieren. Danach habe ich für mich entschieden, dass ich in manchen Lebenssituationen ein bisschen Verantwortung aus der Hand geben muss und mehr Vertrauen fassen sollte. Ich habe den Gedanken mitgenommen, dass das Leben zwar manchmal schwer ist, aber dass auch immer wieder positive Momente kommen, für die es sich lohnt, gegen die Depressionen zu kämpfen. Wenn ich jetzt in meinem Alltag in alte Denkmuster zurückfalle, halte ich mir genau das vor Augen. Stück für Stück erarbeite ich mir so meinen Lebensmut, meine Lebensfreude und meinen Lebenswillen zurück.

Meditation mit Gebeten

Wie wichtig war die Religion dabei für dich?

Kirche, Religion, Glaube – für Menschen in meinem Alter sind diese Dinge oft fremd. Man belächelt sie und kann nicht wirklich etwas damit anfangen. Ich habe in dieser Woche aber eine ganz andere Seite an meinem Glauben kennen gelernt. Ich habe gemerkt, dass mein Glaube mich ein Stück weit auffangen kann, wenn es mir schlecht geht, und dass man in der Kirche trotz aller Kontroversen größtenteils auf Menschen trifft, die einem mit bedingungsloser Nächstenliebe und Verständnis gegenübertreten. Ich nutze Gebete für mich als Meditation, um meinen Gedanken einen Platz zu geben.

Du willst jetzt eine Ausbildung zur Hebamme machen. Mit Publizistik hat das gar nichts mehr zu tun. Wie bist du darauf gekommen?

Ich habe während meiner Zeit im Kloster erkannt, dass ein späterer Beruf für mich nur erfüllend sein wird, wenn ich meinen Mitmenschen damit helfen kann. Sobald ich das erkannt und akzeptiert hatte, war das eher eine Erleichterung als ein neues Problem. Allerdings haben Familie und Freunde die Stirn gerunzelt und mich gefragt, wieso ich mit meinem Einser-Abitur eine solche Ausbildung anfangen möchte, die weder Karriere noch Geld verspricht. Mittlerweile stehen aber die meisten hinter mir. Vor allem meine Eltern und Großeltern halten zu mir. Ihnen ist es am wichtigsten, dass ich ganz persönlich mit meiner Ausbildung glücklich bin.

Hast du Vorsätze, wie du in Zukunft leben willst, damit du nicht wieder so aus der Bahn geworfen wirst?

Sollte ich noch einmal in eine solche Abwärtsspirale geraten, werde ich auf jeden Fall früher die Notbremse ziehen. Und mich nicht davor scheuen, mir auch ärztliche Hilfe zu holen, bevor es zu spät ist. Am allerwichtigsten ist es aber, dass ich jetzt einen Weg gefunden habe, mit Umwegen und Hindernissen umzugehen, sie anzunehmen und zu akzeptieren. Deshalb hoffe ich, dass ich diesen Zustand, in dem ich war, nicht noch einmal erleben muss.

Fotos: Privat, Kloster Maria Engelport

Erschienen auf: fluter.de

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