Politik online machen!? Was Jugendliche über das politische Web 2.0 denken

 

Gerade unter jungen Menschen laufen viele alltägliche Handlungen schon online ab: sie bestellen rasch ein Buch im Internet, verwalten ihr Bankkonto online, stellen sich im Netz ihren Stundenplan für die Uni zusammen und schreiben ihren Freunden facebook-Nachrichten. Aber wie sieht es mit der Politik im Mitmach-Netz des Web 2.0 aus? Ob Politiker mehr Onlinewahlkampf betreiben sollten, ob soziale Netzwerke politisch sind und ob es erstrebenswert wäre, den Bundestag online zu wählen, erzählen hier drei Jugendliche.

Anja Ringel, 19, Studentin

„Beim Thema Internetpolitik denke ich als erstes an Onlinekampagnen und Onlinewahlkämpfe von Politikern. Also an deren Möglichkeit, ihre Meinung via Internet zu verbreiten. Vor allem während der letzten Bundestagswahlen habe ich mich intensiv im Internet über die verschiedenen Parteien und deren Kandidaten informiert. Dadurch hatte ich das Gefühl besser auf die Wahlen „vorbereitet“ zu sein und mein Kreuz „richtig“ zu setzen.  Ansonsten lese ich zu bestimmten politischen Themen, die mich interessieren „querbeet“ auf den verschiedensten Webseiten, um an Infos zu kommen.

Ich denke auch, dass soziale Netzwerke wie facebook und twitter einen Einfluss auf politische Willensbildung haben. Dort kann sich ja sogar jeder direkt mit Politikern „anfreunden“. Durch diese sozialen Netzwerke haben die Menschen das Gefühl „näher“ an den Politikern und deren politischen Organisationen dran zu sein. Die facebook-Nutzer sind direkt mit ihnen verbunden und können auch selbst seine Meinung dazu äußern. So sind sie quasi mitten im Geschehen und können sich auch über Kommentare oder den „Gefällt mir“ Button mit anderen Leuten austauschen. Und ich denke viele Menschen lesen eher Posts auf ihrer facebook-Seite als zum Beispiel einen sachlichen Artikel über ein politisches Thema.

Daher bin ich der Meinung, dass besonders Jugendliche sich mit Hilfe des Internets vermehrt für Politik begeistern lassen. Große Teile des Lebens spielen sich doch heutzutage im Internet ab. Egal ob facebook, twitter oder youtube: Ich bin der Meinung, wenn Parteien im Internet präsenter sind und zum Beispiel lustige Wahlkampfvideos veröffentlichen, ist das im Bezug auf Jugendliche viel effektiver, als auf der Straße um Stimmen zu werben.

Das Gefährliche an Politik im Internet ist aber der Datenschutz. Wenn wir irgendwann mal online wählen sollen, statt im Wahllokal – wer garantiert dann, dass das Kreuzchen wirklich anonym bleibt? Wenn jeder daheim vor dem PC wählt, kann man sich doch nie sicher sein, ob nicht jemand gezwungen wird, für eine bestimmte Partei zu stimmen. Ein anderes Problem ist, dass jeder via Internet seine Ansichten kund tun kann und wir aus der Fülle der Informationen manchmal nicht erkennen, wer überhaupt die Wahrheit sagt.

Trotzdem denke ich, dass die Internetpolitik in  Zukunft immer wichtiger wird. Deshalb belege ich im Rahmen meines Politik-Studiums an der Uni Erlangen auch ein Seminar zum Thema „Internetpolitik und digitale Demokratie“. Ich habe mich schon in der Schule ein bisschen für das Thema interessiert, da ich für meine Facharbeit den Wahlkampf von Barack Obama mitverfolgt habe. Mich hat begeistert, wie er über das Internet so viele Menschen erreichen konnte. Von dem Seminar erhoffe ich mir, dass ich mehr darüber erfahre, wie Politiker das Internet für sich nutzen aber auch wie die Wähler zum Beispiel durch Petitionen zu ihrem Recht kommen können. Am Ende des Seminars würde ich gerne verstehen, wie zum Beispiel ein Onlinewahlkampf abläuft und welche Tricks Politiker im Internet verwenden, um sich besser ins rechte Licht zu rücken.“

Florian Steinmann, 21, Auszubildender

Mit dem Begriff Internetpolitik verbinde ich vor allem die Verbreitung von politischen Themen im Internet, als neuen Kanal der Kommunikation. Ich selbst nutze regelmäßig die iPhone App des Deutschen Bundestages um mich über aktuelle politische Geschehnisse und Debatten zu informieren. Das ist ein überparteiliches Programm, mit dem ich Infos über die aktuellen Debatten des Bundestags erhalte.

Ich denke, dass in Onlinediensten – sei es eine App oder facebook – ein enormes Potential steckt, gerade für jüngere Menschen Politik wieder interessanter zu gestalten. Ich bin auf jeden Fall nicht der Meinung, dass sich die Jugend von heute nicht mehr für Politik interessiert! Das Problem ist doch vielmehr, dass viele sich von Politikern nicht ernst genommen und beachtet fühlen. Daher fände ich, es wäre eine gute Idee, Jugendlichen eine neue Plattform für politischen Austausch zu geben – vielleicht im Internet! Allerdings müsste sichergestellt sein, dass der Meinungsaustausch auch wirklich bis zu den Politikern durchdringt.

Schon jetzt sind etliche Politiker in sozialen Netzwerken aktiv. Allerdings finde ich, dass deren Profile in Onlineportalen oft aufgesetzt und übertrieben wirken und gar nicht zur ihrer Persönlichkeit passen, die man sonst aus den Medien kennt. Ich bekomme da den Eindruck vermittelt, dass die Politiker das nur machen, weil es „gerade cool“ ist – aber nicht, weil sie die Jugendlichen ernst nehmen. Das wirkt aufgesetzt und wenig überzeugend.

Ich finde, auch politischer Onlinejournalismus wird immer wichtiger. Ganz ehrlich, aus meinem Alltag sind die klassischen Printmedien so gut wie verschwunden. Wenn ich Artikel zu politischen Themen lesen möchte, dann mache ich das in der Onlineausgabe von Zeitungen auf dem iPad. Oder wenn es schnell gehen muss, informiere ich mich mit dem Handy unterwegs über den Newsticker der Tagesschau.

Trotzdem kann ich mir nur schwer vorstellen, dass Demokratie irgendwann endgültig digitalisiert wird und wir zum Beispiel nur noch online den Bundestag wählen. Das Internet hat für mich immer noch etwas Unverbindliches. Auch wenn mittlerweile viele Kaufgeschäfte im Internet abgeschlossen werden, so sollte etwas so Wichtiges wie eine Wahl weiterhin auf dem Papier stattfinden. Und der Datenschutz hat an dieser Stelle natürlich einen besonders hohen Stellenwert. Nicht zuletzt, da in jüngster Vergangenheit immer wieder Datenschutzskandale von diversen Onlineanbietern bekannt geworden sind. Bevor Wahlen über das Internet stattfinden können, müsste es hier ein besonders sicherer Standard geschaffen werden!“

Sabrina Huck, 19, Studentin

„Als Angebot in Sachen Internetpolitik nutze ich zum Beispiel den Wahl-O-Mat. Der ermittelt durch einige Fragen, welche Partei angeblich am besten zu mir passt. Das tolle ist aber, dass ich nicht nur das Ergebnis erhalte, sondern am Schluss auch lesen kann, für was die Parteien in einzelnen Fragen stehen. Und ich kann direkt auf die Wahlprogramme klicken. Das ist praktisch, weil ich mir nicht erst alles zusammensuchen muss.

Allerdings finde ich, dass soziale Netwerke wie  facebook mit Politik hierzulande gar nichts zu tun haben. Okay, ich klicke dort auch bei verschiedenen Tageszeitungen auf „gefällt mir“ und erhalte so regelmäßig neue Infos, auch über Politik. Aber ich mag diese pseudo-politischen Gruppen nicht, wie „Eine-Million-Menschen-für-Japan“. Das ist mir zu dubios. Die meisten Leute meinen, ihr Gewissen beruhigen zu können, indem sie solchen Gruppen beitreten. Mir tun die Menschen in Japan auch Leid – aber es nützt ihnen doch nichts, wenn ich einer facebook Gruppe beitrete! Manche der facebook-Nutzer sind wohl der Auffassung, sie könnten sich per Knopfdruck politisch engagieren. Aber das verändert nicht wirklich viel! Mich nervt es auch, dass jetzt so viele einen Anti-Atomkraft-Button in ihrem Profil-Foto auf facebook haben. Seit Japan ist es eben gerade cool, gegen Atomkraft zu sein. Aber bald hat das jeder wieder vergessen und es sind nur noch die Leute gegen Atomkraft, die es schon immer waren – facebook hin oder her.

Auf der anderen Seite kann man wohl durch das Internet schon viele – und auch gerade junge – Menschen mobilisieren. Bei der Guttenberg-Affäre sind tausende plötzlich facebook Gruppen beigetreten, die Guttenberg unterstützen sollten. Ich glaube, ohne diese Möglichkeit im Netz hätten viele ihre Meinung dazu gar nicht erst öffentlich gesagt.

Dass deutsche Politik mehr online ablaufen sollte, halte ich für keine allzu gute Idee. Immerhin gibt es auch noch ältere Menschen in der Gesellschaft, die keinen Computer besitzen und sich nicht im Internet zu Recht finden würden. Und die wären dadurch ausgeschlossen. Natürlich wird sich auch Politik im Internet immer mehr durchsetzen. Aber das ist ein langsamer Prozess. Die Gesellschaft muss da rein wachsen. Es bringt nichts, wenn wir plötzlich damit anfingen, alles mit Gewalt nur noch online zu machen, anstatt dass Politiker wirklich bürgernah sind, im Sinne von sie sind ganz real wirklich da.“

Autorin Jennifer Hertlein (19) studiert an der Uni in Erlangen Politikwissenschaft und Öffentliches Recht. Auch sie belegt im Sommersemester das Proseminar „Internetpolitik und Digitale Demokratie“, um mehr darüber zu erfahren, wie Politik online aussehen könnte und welche Chancen und Risiken das mit sich bringt. Einen Anti-Atomkraft-Button hatte sie im facebook übrigens auch – aus Überzeugung.

Erschienen in: „Ringfrei“ der Zeitschrift des Kreisjugendring Nürnberg-Stadt, Ausgabe Nr. 51 – Mai 2011, Titelthema: „Partizipation“.

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