Migrantinnen auf dem Vormarsch

Abiturientin Lava und Studentin Manolya erzählen, wie sie ihre Ziele verwirklicht haben — Fleiß und Engagement lohnen sich

Schüler mit Migrationshintergrund? Die können sowieso kein Deutsch und schaffen nicht mal die Hauptschule. „Blödsinn!“, entgegnen Schülerin Lava aus dem Irak und Studentin Manolya aus der Türkei. Ja, sie müssen sich mehr anstrengen als deutsche Klassenkameraden. Doch ihr Ehrgeiz ist ihre große Stärke.

„Mir macht das Lernen Spaß! Ganz ehrlich, wenn Ferien sind, vermisse ich oft die Schule“, erzählt Lava Taha (18) aus Nürnberg. Sie hat gerade als eine der Besten ihres Jahrgangs ihr Abitur gemacht, mit einem Notendurchschnitt von 1,4. Aber wie eine Streberin sieht Lava mit den langen schwarzen Haaren, ihrem unbeschwerten Lachen und ihrem orientalischen Teint nicht aus. Die 18-Jährige kam im Alter von vier Jahren mit ihren Eltern und ihrem Bruder aus dem Irak nach Deutschland. Ihre Familie floh vor dem Regime Saddam Husseins. Sie alle sprachen kein Wort Deutsch.

Eine besondere Sprachförderung hat Lava aber nie erhalten. Sie kam in den Kindergarten, dann in eine Übergangsklasse für Ausländer. „Da war ich schnell die Beste und nach nicht mal einem halben Jahr besuchte ich regulär die Grundschule“, erinnert sie sich. „Alle waren begeistert, weil ich so fix Deutsch lernte. Aber Kinder tun sich damit leichter!“ Ihre Lehrer schickten sie auf die Hauptschule, obwohl Lava aufs Gymnasium wollte: „Ich wollte beweisen, dass ich besser bin!“ Nach der 6. Klasse wechselte sie auf die Realschule, ein Jahr später aufs Gymnasium. „Endlich hatte ich Gleichaltrige um mich, die auch lernen wollten, die Ziele hatten, die mich verstanden!“

Traumberuf Ärztin

Am Gymnasium wurde Lava jedes Jahr für ihre herausragenden Leistungen ausgezeichnet. Sie will Ärztin werden, um anderen Menschen zu helfen. Und all das verdankt sie nur sich selbst. „Meine Eltern haben mich immer unterstützt, aber in der Schule konnten sie mir nicht helfen“, erzählt sie. Aber ihre Eltern hätten ihr etwas ganz Wichtiges mit auf den Weg gegeben: „Sie sagten zu mir: Lava, es ist dein Leben. Wenn du gut sein willst, dann lern’ – und wenn nicht, dann nicht. Deshalb war mir immer klar, dass ich ganz alleine für mich lerne und nicht für meine Eltern, die Lehrer oder die Schule.“

Manolya Borucu (20) aus Fürth ist Türkin. Sie hat weder Lava noch deren Freunde jemals gesehen – und doch ist sie ihnen ähnlich. Ihre Eltern kommen aus der Türkei, sie ist mit der türkischen Sprache aufgewachsen und war trotzdem gut in der Schule. Sie studiert im 2. Semester Jura. Probleme in der Schule hatte Manolya nie. Auch sie hat Spaß am Lernen, und liebt Herausforderungen. Deshalb reichte es ihr auch nicht, in der 11. Klasse wie viele ihrer deutschen Freunde zu Hause die Schulbank zu drücken.

Sie machte ein Auslandsjahr in den USA. „Einige Fächer belegte ich sofort im Uni-Niveau“, erzählt sie, ihre Vorleistungen aus Deutschland waren gut genug. Am Anfang war es dennoch schwierig. „Ich hatte meine erste Sechs in Mathe und kam mit den Lektüren in Englisch nicht zu Recht!“ Aber sie kämpfte sich durch die Lektüren und büffelte Mathe. „Ich habe hartnäckig gearbeitet“, meint sie. Am Ende ihres Austauschjahres bestand sie alle Kurse mit 1,0.

Woher sie die Energie und den Ehrgeiz nimmt? „Da spielt mein Migrationshintergrund eine große Rolle“, sagt sie. „Migrantenkinder wachsen in einem fremden Land auf und werden mit viel mehr Schwierigkeiten konfrontiert. Ich habe mich daran gewöhnt, mir alles zu erkämpfen. Deshalb ist Kämpfen auch mein Lebensmotto. Ich gebe nicht so schnell auf!“

Vielen Schülern mit Migrationshintergrund geht es nicht wie Manolya oder Lava. Die meisten schaffen kaum die Hauptschule. Gerne würden die Mädchen anderen Jugendlichen mit Migrationshintergrund Perspektiven aufzeigen. Aber: „Die meisten Hauptschüler denken von vorneherein, dass sie schlecht sind. Man muss ihnen klar- machen, dass auch sie etwas schaffen können!“, meint Lava. Aygül Özkan würde den beiden zustimmen. Sie ist Ministerin für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration in Niedersachsen – die erste deutsche Ministerin mit Migrationshintergrund. Ihr ist es wichtig, Ziele zu haben, an denen sie sich orientieren kann. Deshalb war auch sie früher eine gute und disziplinierte Schülerin. Sie ist Manolya, Lava und vielen anderen ähnlich. Und sie hat es nach ganz oben geschafft, ihren Traum verwirklicht. Ein Vorbild? „Es ist ein gutes Signal an die Migranten in Deutschland“, meint sie. „Sie sollen sehen, dass es sich lohnt, sich anzustrengen, fleißig und engagiert zu sein.“

Akzeptanz in der Gesellschaft

Natürlich will Aygül Özkan junge Migranten fördern und würde sich einen Ausbildungspakt wünschen. Manolya findet das gut. Aber sie ist auch der Meinung, dass nicht nur Maßnahmen von oben helfen. „Nur weil jemand die Sprache nicht richtig kann, heißt das nicht, dass er überhaupt nichts kann. Ich wünsche mir mehr Akzeptanz in der Gesellschaft“, erklärt die Studentin. Die Ministerin aus Niedersachsen sieht das ähnlich: „Die Kinder müssen lernen, eigene Stärken zu entdecken. Sie brauchen Anerkennung, auch von der Gesellschaft, in der sie leben. Die Stärken müssen gefördert werden, durch Schule, Freunde und Familie.“

Manolya, Lava und Aygül Özkan sind Frauen mit Migrationshintergrund, die mehr wollen vom Leben, und ihre selbst gesteckten Ziele erreichen. Schaffen kann das jeder, denkt Lava, denn: „Intelligenz hängt ja nicht von der Herkunft ab, sondern davon, ob du selbst zielstrebig bist und etwas erreichen willst.“

Erschienen in: Jugend-Seite, Szene-Extra Seiten der Nürnberger Nachrichten

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: