Selbstbewusster durchs Leben gehen

Reportage-vor-Ort: Selbstbehauptungs- kurs für Mädchen: Immer wieder werden Mädchen und Frauen Opfer von Gewalt. Dabei ist es ganz egal, ob es sich um Gewalt von Männern handelt, denn jede Form von Gewalt tut weh, egal ob körperlich, verbal oder psychisch und egal ob durch Erwachsene oder Gleichaltrige. Daher ist es wichtig, dass Mädchen sich im Notfall verteidigen können – aber vor allem selbstbestimmt ihr Leben meistern.

„Stopp!“, schreien Katja (9), Isabella (10) und Kathi (10) im Chor. Dabei machen sie einen Schritt nach vorne, stampfen mit ihrem Fuß auf und strecken ihre Hand abwehrend aus. Mit ernster Miene sehen sie ihre Kursleiterin, Birgit Meno Metz, die den vermeintlichen Angreifer mimt, an. Auch das ist eine Übung, die Teil ihres Selbstbehauptungskurses bei AURA Nürnberg e.V. ist. Ziel ist, es Frauen und Mädchen zu ermöglichen, sich vor unterschiedlichen Formen von Gewalt zu schützen und ihr Sicherheitsgefühl zu stärken.

Birgit Meno Metz ist die fachliche Leiterin von AURA e.V. und Trainerin für geschlechtsspezifische Gewaltprävention. Sie lehrt den Mädchen WenDo. „Das klingt erst mal nach Kampfsport, hat damit aber nichts zu tun“, erklärt sie. Wen kommt von Women und Do bedeutet der Weg. „Es wurde extra für Frauen und Menschen mit Behinderung entwickelt, damit sie sich in alltäglichen Situationen verteidigen können.“

WenDo ist eben keine sportliche Höchstleistung. Doch mit Schlag- und Wurftechniken, die zur reinen Selbstverteidigung gehören, können sich Mädchen oft gar nicht helfen. Das weiß auch Beate Steinbach, der Fachberatungsstelle „PräTect“ des bayerischen Jugendrings. „Oft sind diese körperlichen Verteidigungsstrategien nicht ausreichend und eine Überforderung, wenn der falsche Eindruck erweckt wird, ein Kind könne sich körperlich gegen einen Erwachsenen behaupten. Außerdem passieren die meisten Übergriffe im vertrauten Umfeld, wo körperliche Verteidigung für Kinder kaum Sinn macht.“

Grenzen setzen ist wichtig!

Ja, die Mädchen üben auch Situationen, in denen sie zum Beispiel jemand von hinten umfasst und festhält. Mit aller Kraft sollen sie ihm dann zum Beispiel auf den Fuß treten, schreien, sich wehren. „Aber andere Sachen passieren doch viel häufiger“, meint Beate Meno Metz, „erst mal wird ein Mädchen von einem Fremden angequatscht und fühlt sich unwohl. Der wird wahrscheinlich nicht sofort Gewalt anwenden und sie zu Boden werfen. Aber vielleicht traut sie sich auch nicht, nein zu sagen, wenn er sie fragt, ob sie mit ihm mitkommt.“

Die Mädchen sollen lernen, Grenzen zu setzen. Daher ist das Wichtigste das Selbststärken. „Sie sollen erst mal sehen, dass es okay ist, so wie sie sind. Und wenn sie manche Sachen nicht mögen, etwas nicht lustig finden oder wenn ihnen etwas weh tut und andere sagen, stell dich nicht so an, müssen sie wissen, dass sie nur für sich selbst entscheiden. Sie dürfen sagen, das stört mich, das möchte ich nicht.  Denn wenn das Selbstbewusstsein nicht da ist, dann nützt die tollste Verteidigungstechnik nichts.“

Isabella, Katja und Kathi lernen das in einer Gruppe mit zwölf anderen Mädchen, die alle zwischen neun und elf Jahren alt sind. Mittlerweile rennen sie kichernd durch den Trainingsraum, spielen, lachen – ganz unbeschwert. „Im Kurs dürfen wir auch ein Brett mi der Ferse durchschlagen“, erzählt Katja. Sie war richtig stolz auf sich und hat sich toll gefühlt, als sie es geschafft hatte. „Ich war von mir selbst überrascht, dass ich das geschafft habe. In der Schule sagen alle immer, ich wäre so schwach. Jetzt hab ich das Gegenteil bewiesen!“

Das Brett durchzuschlagen – ganz egal ob mit Hand, Fuß oder Hilfsmittel – ist ein wichtiger Bestandteil des Kurses. Immerhin trauen sich die Mädchen etwas, von dem sie nicht sicher sind, ob sie es schaffen. Und am Schluss erleben sie ein Erfolgserlebnis. „Leider ist es aber so, dass sich gerade die älteren Mädchen viel weniger zutrauen“, erzählt Birgit Meno Metz. „Die jüngeren Mädchen trauen sich auch viel eher laut zu schreien. Der Peinlichkeitsfaktor kommt erst später und leider sind viele nach der Pubertät weniger selbstbewusst, als davor.“ Doch dann geht es darum, den Mädchen Mut zu machen. Auch Nina (11) hatte schon ihr persönliches Erfolgserlebnis: „Ich fühle mich seit dem Kurs viel sicherer, weil ich weiß, dass ich mich im Zweifelsfall wehren kann!“

Gefahren vermeiden ist immer noch der beste Schutz

Doch bis zu dem Punkt, dass sie sich wehren müssen, sollte es in der Realität gar nicht erst kommen. WenDo will Deeskalation und Prävention, also gefährliche Situationen von vorneherein abwenden. Denn sobald ein Mädchen sich unwohl fühlt und merkt, da ist etwas komisch sollte sie versuchen, aus der gefährlichen Situation rauszukommen. „Zum Beispiel wenn ein Erwachsener ein Mädchen anspricht, dann fühlt sie sich vielleicht von Anfang an nicht gut dabei“, sagt Birgit Meno Metz, „und wir wollen, dass sie gar nicht erst mit ihm mitgeht. Wir wollen den Mädchen vermitteln: Wenn du ein komisches Gefühl hast, dann stimmt was nicht, also werde aktiv und mach was! Geh weg, sag ihm nicht wo du wohnst, lüg ihn ihm Zweifelsfall an oder hol dir Hilfe.“

„Außerdem haben wir gelernt, dass es gute und schlechte Geheimnisse gibt“, erzählt Nina. Oder anders gesagt: die Mädchen sollen mit Eltern oder anderen Vertrauenspersonen über negative Erlebnisse sprechen. „Schöne Geheimnisse, das sind solche über die ich mich freue und mit denen ich mich gut fühle“, fährt Nina fort, „aber wenn ich ein schlechtes Geheimnis habe, dann fühle ich mich auch bedroht und habe Angst und die muss ich weitererzählen, damit es mir besser geht!“

Natürlich sprechen die Mädchen auch im Kurs über eigene Erfahrungen mit Gewalt. Prinzipiell erzählt keine etwas, was sie nicht erzählen will. „Aber im fortlaufenden Kurs entsteht oft eine Atmosphäre, in der die Mädchen eben schon erzählen, entweder von eigenen Situationen oder von Gewalt im Bekanntenkreis, wenn zum Beispiel eine Freundin von den Eltern geschlagen wird“, so Birgit Meno Metz.

Um eine möglichst gute Atmosphäre im Kurs zu erhalten, sind die Altersgrenzen auch sehr eng gezogen. „Immerhin kommen Vierzehnjährige, die vielleicht drei Jahre älter aussehen und schon abends mal alleine mit Freunden weggehen in ganz andere Situationen, als Neunjährige.“ Gerade für Mädchen in der Pubertät bietet der Kurs eine Chance, denn oft wollen sie in dieser Zeit keine guten Ratschläge von den Eltern annehmen, sich stattdessen abgrenzen. „Wenn die Eltern also nicht die Möglichkeit haben, die Mädchen auf gewisse Gefahren hinzuweisen, ist es gut, wenn jemand Außenstehendes ihnen das sagt“, sagt die Leiterin von AURA.

Doch nicht nur Kinder und Jugendliche müssen gestärkt werden, damit sie keine Opfer von Gewalt werden. „In erster Linie sind Erwachsene für die Sicherheit und den Schutz der Kinder zuständig – nicht die Kinder selbst!“, meint Beate Steinbach vom bayerischen Jugendring. „Deshalb ist es in Organisationen und Einrichtungen, die mit Mädchen und Jungen arbeiten wichtig, geeignete Schutzmaßnahmen umzusetzen. Diese strukturelle Präventionsarbeit kann keinesfalls durch Selbstbehauptungskurse ersetzt werden! Für Organisationen der Jugendarbeit bietet PräTect ein spezifisches Handlungskonzept, wie solche Maßnahmen eingeführt und verankert werden können.“

Auch Jungs können Opfer von Gewalt sein

Daher sind auch Schulungen für Erwachsene wichtig. Sie müssen wissen, welches Verhalten gegenüber Kindern und Jugendlichen in Ordnung ist und welches nicht. „Zum anderen brauchen Mitarbeiter der Jugendarbeit auch Informationen, was sie tun sollen, wenn sie mit einem konkreten Fall sexueller Gewalt konfrontiert sind. Denn wir wollen keine Täter in den eigenen Reihen und schauen bei Grenzverletzungen nicht weg!“, so Beate Steinbach.

Allerdings kann Gewalt eben nicht nur Mädchen treffen. „Inzwischen heißt es, dass etwa ein Viertel der Betroffenen Jungen sind“, so Beate Steinbach. Und auch für Jungs wäre ein Selbstbehauptungskurs sinnvoll, findet sie: „Immerhin geht es um Sensibilisierung der eigenen Wahrnehmung sowie der Befindlichkeit anderer. Zum einen  ist das Ziel, mit den Jungen ein möglichst gewaltfreies Handlungsrepertoire für bedrohliche Situationen zu erarbeiten und einzuüben. Auf der anderen Seite geben sie den Jungen aber auch Raum, um emotionale Nöte oder Erfahrungen von Unterlegenheit, Opfer-sein zu reflektieren.“ Birgit Meno Metz von AURA findet es schade, dass es nicht mehr Projekte gibt, die auch auf Jungen eingehen: „Auch Jungs kommen in Situationen, in denen es um Selbstbehauptung geht. Sie können lernen, dass sie nicht immer den starken Macker spielen müssen und was es bedeutet männlich zu sein. Aber das muss ihnen natürlich auch von Männern gelernt werden!“

Mittlerweile spielen die Mädchen aus dem AURA-Kurs ein Spiel. Eine will die anderen fangen und sie können sich nur schützen, indem sie sich bei den restlichen Mädchen Hilfe holen. Am Anfang rannten alle nur schreiend durch die Gegend. Jetzt sind sie ganz fix und tun sich schnell zu zweit zusammen, um den vermeintlichen Angreifer abzuwehren.

Erschienen in der: Juna – Zeitschrift des Bayerischen Jugendrings,

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