Es war stressig, aber machbar!

Eine lokale Bilanz des Sonderprogramms für die letzten G9-Abiturienten in Bayern

Ein Aspekt, der die Hochschulen der Metropolregion im nunmehr fast abgelaufenen Jahr 2011 besonders beschäftigt hat, war der doppelte Abitur-Jahrgang. Wir blicken zurück auf das Sonderprogramm, das die Uni Erlangen-Nürnberg  im Sommersemester für die letzten G9-Abiturienten aufgelegt hatte.

Olga ist gerade mal 20, hat im März Abitur gemacht und ist jetzt schon im 3. Semester. Wie das geht? Sie hat im Sommersemester begonnen, Molecular Science an der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg zu studieren. Und sie hat im 1. Semester bereits den Stoff aus dem 2. Semester mit gelernt.

Das Modell nennt sich „Fast Track“ oder „2-in-1“-Studiengang und wurde speziell für die Abiturienten des letzten G9-Jahrgangs in Bayern geschaffen. So sollten sie schon im Sommersemester anfangen können, zu studieren.

Die FAU zieht ein positives Resümee dieser Fast-Track-Studiengänge. In Biologie schrieben sich zum Beispiel 54 Studierende dafür ein – und 50 davon haben bis heute durchgehalten. In Chemie und Molecular Science sieht es ähnlich aus. So wie bei Olga. Zwischen Abitur und Studienbeginn hatte sie gerade mal zwei Wochen Zeit. Ferien? Fehlanzeige!

„Als ich noch im Abi-Stress war, wollte ich nicht im Sommersemester anfangen“, erinnert sich Olga, „ich wollte eine Weltreise machen und mich entspannen.“ Aber dann wurde ihr klar, „dass wegen des Doppeljahrgangs ab Oktober an den Unis die Hölle los sein wird.“

Also entschloss sie sich doch dazu, schon ab Mai zu studieren. „Das war schon stressig, aber andererseits war ich auch voll drin im Lernen.“ Ein Problem war nur, dass manche Vorlesungen aus dem 2. Semester stofflich auf denen aus dem 1. aufbauten. „Das parallel zu verstehen, wenn man eigentlich noch keine Ahnung von beidem hat, war schwer.“

Auch im August gebüffelt

Die Vorlesungen, die dann gar nicht mehr in den Stundenplan passten, konnten Olga und ihre Kommilitonen ab August in den Semesterferien absolvieren. Für Urlaub blieb da wieder keine Zeit. „Wir hatten täglich Vorlesungen oder Übungen und nachmittags noch Praktika. Und abends mussten wir für die bevorstehenden Prüfungen lernen.“

Aber zumindest brauchten sie sich nicht mit überfüllten Hörsälen rumschlagen. Olga findet: „2-in-1 ist nicht unmöglich – aber hart! Das Problem ist unsere Leistungsgesellschaft. Warum müssen Schüler jetzt in zwölf Jahren Abitur machen?“.

Auch an anderen Fakultäten konnten Studierende ausnahmsweise schon im Sommer anfangen. Sven (19) hat sich für Jura entscheiden. In diesem Fall gab es kein „2 in 1“-Modell, im Gegenteil. Sven hatte im 1. Semester sogar weniger Fächer als üblich, weil das Fach Strafrecht nicht im Sommer angeboten wurde. „Es war ganz angenehm, ein bisschen weniger lernen zu müssen. So konnte ich mich auch besser in Erlangen orientieren und die Abläufe an der Uni in Ruhe erlernen“, erzählt Sven.

Teilweise saß er zwar in Vorlesungen, die eigentlich für Zweitsemester gedacht waren. Aber da die Vorlesungen nicht zwangsweise aufeinander aufbauen, war das keine große Hürde. „Und wenn wir als Erstis noch zusätzliche Fragen hatten, wurden die in den Übungen auch gut beantwortet.“

Einen Nachteil gibt es trotzdem: Jetzt, im 2. Semester, muss Sven auch Vorlesungen zusammen mit den Erstsemestern belegen. Das heißt, dass er den überfüllten Uni-Sälen trotz des früheren Studienbeginns nicht ganz entgehen konnte.

Eine sehr hohe Zahl an Studienanfängern gab es im Sommersemester an der Technischen Fakultät. Im Studiengang Maschinenbau zum Beispiel wurden mit 304 Bachelor-Anfängern die Planungen bei weitem übertroffen. Sehr begehrt war außerdem der Studiengang International Production Engineering and Management.

Um den Ansturm zu bewältigen, setzte die Uni eine neuartige Raum- und Stundenplanungssoftware ein, die im Rahmen einer Doktorarbeit entwickelt wurde. Um den Studenten die Nachbereitung von Vorlesungen zu erleichtern, wurden E-Learning-Programme ausgebaut. Es gab zahlreiche Vorlesungsaufzeichnungen, die in iTunesU und dem Uni-Videoportal online gestellt wurden.

Christina (20) studiert seit dem Sommersemester International Production Engineering and Management. Ursprünglich kommt sie aus Münster, hat 2010 Abi gemacht und bis einen Monat vor Studienbeginn eine Weltreise unternommen. „Für mich hat es sich angeboten, direkt im Sommer anzufangen und nicht erst noch ein halbes Jahr zu warten.“

Keine Tische zum Mitschreiben

In ihrem Studiengang hatte sie ganz regulär die Fächer, die Studienanfänger normalerweise im 1. Semester belegen. Zusammen mit Christina haben etwa 200 andere angefangen. Klar gab es da den ein oder anderen überfüllten Hörsaal. „Aber so schlimm war es im Sommer nicht. Ich habe eigentlich immer noch einen Sitzplatz gekriegt, und dafür waren wir in den Tutorien kleine Gruppen.“

Stattdessen hat sie jetzt im 2. Semester Vorlesungen gemeinsam mit Erstsemestern. „Wir haben Kurse mit über 1000 Leuten. Deshalb weichen wir teilweise in die Heinrich-Lades-Halle in Erlangen aus, und dort gibt es nicht mal Tische, damit man vernünftig mitschreiben könnte.“

Von den insgesamt 150 Studiengängen, die im Sommersemester an der FAU angeboten wurden, waren allein 83 von der Philosophischen Fakultät. Ben (22) hat im Sommer angefangen, ,Politikwissenschaft und Geschichte zu studieren. Er hat 2011 sein Abitur gemacht und wollte auf keinen Fall Zeit verlieren.

„Die ersten zwei Wochen an der Uni waren für mich aber richtig hart. Das war wie weiter Abi machen. Es gab so viele neue Eindrücke und ich hatte noch nicht mal die alten so richtig verarbeitet“, erinnert sich Ben.
In seinen beiden Studienfächern hatten Ben und seine Kommilitonen im Sommersemester Vorlesungen, die zu dem Zeitpunkt regulär angeboten wurden – die also eigentlich für die Zweitsemester bestimmt sind. Das zum Beispiel die Konsequenz, dass er im Sommer die politischen Systeme verschiedener Länder Europas kennenlernte, während das politische System Deutschlands erst in diesem Semester drankam.

Doch es gibt vor allem eins, das Ben am Anfang des Studiums echt genervt hat: „Plötzlich musste ich wieder nur Wissen aufnehmen, aufnehmen, aufnehmen. Ich hatte erwartet, dass wir an der Uni viel selbstständiger arbeiten. Ich würde mir viel mehr Eigenverantwortung wünschen. Aber das liegt nicht am doppelten Abi-Jahrgang, sondern am Bachelor-System.“

Erschienen auf: Szene-Extra Seiten der Nürnberger Nachrichten

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