Freiwillig viele Erfahrungen sammeln

Bundeswehr und Zivildienst wurden abgeschafft. Dafür gibt es jetzt den Bundesfreiwilligendienst. Das ist ein Angebot für Männer und Frauen jeden Alters, sich außerhalb von Schule, Uni oder Beruf zu engagieren – ganz egal ob im sozialen, ökologischen, kulturellen, sportlichen oder zivilgesellschaftlichen Bereich. Im Interview erzählen drei junge Menschen, was sie vom Bundesfreiwilligendienst halten, und warum man als Freiwilliger wertvolle Lebenserfahrungen sammeln kann.
Ralph Prandl, 20, Abiturient aus Wintersdorf

Seit Anfang August absolviere ich ein Jahr lang den Bundesfreiwilligendienst beim Fahrdienst BRK-Fürth. Ich habe im letzten G9-Jahrgang mein Abitur gemacht. Unsere Abi-Prüfungen wurden wegen dem Doppeljahrgang vorgezogen und daher war ich im Mai schon fertig. Ich wollte Medizin studieren, brauche dafür aber Wartesemester. Also wollte ich etwas Freiwilliges machen, was zumindest in Richtung Medizin geht – und da kam der Fahrdienst genau richtig. Mitte Juli bin ich zum Bewerbungsgespräch gegangen und dem BRK wäre es am liebsten gewesen, wenn ich gleich am nächsten Tag angefangen hätte. Ich war der erste Bundesfreiwillige in der Region.  Das BRK hat händeringend nach Leuten gesucht. Mittlerweile ist der Mangel, der durch die fehlenden Zivis entstanden ist, zwar wieder gedeckt, aber Fürth ist auch so ziemlich die einzige Stelle, wo das bis jetzt geklappt hat.

Zu meinen Aufgaben gehört jetzt also der Blut- und Patientenfahrdienst. Erhofft hatte ich mir vom Bundesfreiwilligendienst, dass ich lerne, wie man mit kranken und behinderten Personen umgeht. Wie man mit ihnen zusammen den Alltag bewältigt und ihnen das Leben leichter gestalten kann. In letzter Zeit habe ich auch hauptsächlich einen Patienten gefahren, der querschnittsgelähmt ist. Wir fahren die Leute aber nicht nur zum Arzt. Sondern ich habe ihn zum Beispiel auch in einen Wildpark gefahren und ihn dort begleitet. Wir gehen dann den ganzen Tag mit den Menschen mit. Am Anfang war das für mich schwierig. Gerade bei dem Ausflug im Wald war es schwer, den Rollstuhl zu schieben. Und ein Schock war es auch, als ich das erste Mal jemanden füttern musste. Aber man lernt schnell, damit richtig umzugehen.

Wovon ich echt begeistert bin, ist, dass sich jetzt auch einige Mädels bei uns angemeldet haben und auch als Bundesfreiwillige im Fahrdienst arbeiten. Und wir haben auch schon zwei ältere Leute, die länger arbeitslos waren und die durch den Bundesfreiwilligendienst eine Chance haben, den Weg zurück ins Arbeitsleben zu finden. Es ist gut, dass der Bundesfreiwilligendienst nicht auf ein bestimmtes Alter oder Geschlecht beschränkt ist.

Trotzdem finde ich es nicht gut, dass Bund und Zivildienst abgeschafft wurden. Denn so musste man wenigstens was Soziales machen, das war schon wichtig. Und viele die Zivi machen mussten, hätten es freiwillig bestimmt nicht gemacht.

Ich kann nur jedem empfehlen, einen Bundesfreiwilligendienst zu absolvieren. Ich hab sogar schon ein paar Leute für das BRK angeworben und bequatsche auch immer meine Freunde, dass sie sich ehrenamtlich engagieren sollen. Man kann ja auch nur abends oder am Wochenende mithelfen. Hauptsache, man tut was!

Teresa Andermann, 20, Studentin in Erlangen

Ich habe 2010 mein Abitur gemacht und ein paar Monate danach direkt zum Wintersemester angefangen zu studieren. Ursprünglich hatte ich mir überlegt, erst noch ein Jahr lang andere Erfahrungen zu sammeln, zum Beispiel indem ich als Aupair in einem fremden Land arbeite.

Aber letztendlich habe ich mich dagegen entschieden. Immerhin gehörte ich in der Schule zum vorletzten G9-Jahrgang in Bayern. Das heißt, ein Jahr später sollte der Doppeljahrgang aus G8 und G9 Abiturienten an die Unis strömen und da wollte ich einfach nicht rein geraten. Ich hatte Bedenken, dass sich durch den Doppeljahrgang die Wohnungssituation noch verschlechtert und es auch schwieriger ist, einen Platz im gewünschten Studiengang zu ergattern.

Bis jetzt weiß ich noch nicht so recht, was ich vom Bundesfreiwilligendienst halten soll. An sich ist es eine gute Sache, dass den Menschen die Möglichkeit geboten wird, sich freiwillig zu engagieren. Allerdings frage ich mich, ob der Bundesfreiwilligendienst in der Lage sein wird, im sozialen Bereich genug Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen. Dadurch dass der Zivildienst weggefallen ist, brechen gerade in den Pflegeberufen zahlreiche Hilfskräfte weg und die Versorgung wird immer schwieriger.

An sich fand ich es gut, dass sich die Jungs entscheiden konnten, ob sie zum Bund gehen oder Zivildienst ableisten. So konnten sie sich zwar gegen die Bundeswehr entscheiden, aber trotzdem etwas für die Gesellschaft tun. Aus heutiger Sicht ist es von der Gleichberechtigung her jedoch wohl ein bisschen unfair. Klar, wir Frauen kriegen dafür die Kinder. Aber heute entscheiden sich ja die wenigsten Mädels mit 18 oder 19 für eine Schwangerschaft – also in dem Alter, wo die Jungs den Zivildienst ableisten müssen.

Daher ist es gut, dass der Bundesfreiwilligendienst Jungs und Mädels gleichermaßen die Möglichkeit bietet, sich zu engagieren. Ich glaube, dass es einem auch viel persönlich bringt. Man lernt, wie man mit anderen umgeht und dass man für andere da ist, ihnen hilft. Dabei geht es eben mal nicht darum, sich nur um seine eigenen Sachen zu kümmern. Dadurch kann man bestimmt viel Sozialkompetenz lernen, die einem im Alltag und im Job nützlich sein kann und einen persönlich weiterbringt.

Außerdem gibt der Bundesfreiwilligendienst auch älteren Menschen eine Chance, sich noch für die Gesellschaft zu engagieren, denn es gibt keine Altersbeschränkung. Beim Bundesfreiwilligendienst kann sich jeder engagieren, der will – egal ob Mann oder Frau, egal ob jung oder alt – das ist ein gutes Konzept.

Stefan Schumacher, 20, Student in Nürnberg

Ich selbst habe noch Zivildienst abgeleistet. Die neun Monate habe ich in der Diakonie daheim in Puschendorf gearbeitet. Zu meinen Aufgaben gehörten Hausmeistertätigkeiten, Arbeiten im Garten und bei Veranstaltungen helfen. Ich hatte mich für den Zivildienst entschieden, weil ich keine Lust auf Bundeswehr hatte – schon allein deswegen, weil ich dann die ganze Woche über in irgendeiner Kaserne hätte wohnen müssen, die weit weg gewesen wäre. Da wollte ich lieber hier bei meinen Freunden bleiben. Ich wusste, dass die Diakonie bei uns im Ort immer wieder Zivis nimmt, also hatte ich dort angefragt und das war dann fast ein Selbstläufer.

Dass Bund und Zivildienst abgeschafft wurden, ist schwierig. In meinen Augen braucht es den Wehrdienst nicht, daher finde ich das gut. Aber den Zivildienst hätte man deswegen nicht aufgeben müssen. Der Bundesfreiwilligendienst ist zwar nicht schlecht, aber meiner Meinung nach reicht das nicht aus, um zum Beispiel in der Diakonie genügend Mitarbeiter zu bekommen. Solange das nur freiwillig ist, wird man einfach nicht genügend Leute dafür bekommen. Klar ist es an sich gut, gerade wenn man nicht weiß, was man nach der Schule machen will. Da bietet es sich an, erst mal ein paar Monate lang den Bundesfreiwilligendienst zu absolvieren oder auch ein FSJ zu machen. Aber viele wollen auch gleich das Studieren anfangen oder arbeiten, um mehr Geld zu verdienen.

Viele sagen ja immer, dass man mit dem Zivildienst – oder jetzt eben mit dem Bundesfreiwilligendienst – ein Jahr verschwendet. Das sehe ich anders. Man gewinnt dadurch so viele Erfahrungen, man bekommt Einblick in die Strukturen von einem solchen Betrieb, muss sich in den Arbeitsalltag einfügen und hat außerdem sehr viel mit Menschen zu tun. Ich finde, ich habe viel gelernt, während meinem Zivildienst.

Aber ganz ehrlich, am Anfang war ich davon auch genervt. Wenn es nur den Bundesfreiwilligendienst gegeben hätte, hätte ich wohl auch direkt das Studieren angefangen. Dabei war der Zivildienst im Nachhinein das Richtige! Es ist gut, wenn man zwischen Schule, Studium und dem ganzen Lernen  einfach mal was anderes kennenlernt – und ein bisschen Geld kriegt man ja auch dafür. Aber wenn ich es nicht hätte machen müssen, dann hätte ich mich zum damaligen Zeitpunkt bestimmt dagegen entschieden.

Daher fände ich es auch besser, wenn es wieder einen verpflichtenden Zivildienst gäbe. Allerdings müsste der im Sinne der Gleichberechtigung von Jungs und Mädels gleichermaßen absolviert werden müssen. Wobei das dann auch wieder schwierig wäre. Weil so viele freie Stellen gibt es auch wieder nicht. Und der Zivildienst darf natürlich keine richtigen Arbeitsplätze ersetzen!

Jennifer Hertlein (20) studiert an der Friedrich-Alexander Universität in Erlangen Politikwissenschaft und Öffentliches Recht im dritten Semester und schreibt nebenbei als freie Journalistin für Print- und Onlinemedien. Sie findet es wichtig, sich ehrenamtlich zu engagieren – zum Beispiel für den Kreisjugendring Nürnberg-Stadt.

Erschienen in: „Ringfrei“ der Zeitschrift des Kreisjugendring Nürnberg-Stadt, Ausgabe Nr. 52 – November 2011.

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