Drei Tage lang „Weltverbessern“

Wie Schüler und Studenten die Arbeit der Vereinten Nationen simulieren – 09.03.2012

Neuendettelsau  – Ein Wochenende lang simulierten etwa 50 Schüler und Studenten bei den „Bayern Model United Nations“ (kurz: BayernMun) die Arbeit der Vereinten Nationen. Veranstaltet wurde BayernMun von FAUMun, dem „Model United Nations“-Projekt der Uni Erlangen-Nürnberg, und der Diakonie Neuendettelsau. Unsere Mitarbeiterin Jennifer Hertlein (20) war dabei.Reden zu halten, diplomatisch zu verhandeln und vor allem bei Stresssituationen einen kühlen Kopf zu bewahren – das sollen wir während der drei Tage lernen. Für uns als FAUMun-Delegation ist BayernMun die Generalprobe für die „National Model United Nations“-Konferenz. Dieses Simulationsspiel findet Ende März in New York statt.

Freitagabend: Als FAUMun-Projektleiter und Organisator der BayernMun, Nicolai Makosch, die Veranstaltung eröffnet, weiß ich noch nicht, was auf mich zukommt. Nur, dass ich zusammen mit meinem Komitee-Partner João hier beim Planspiel das Land Brasilien vertreten soll.

Eines haben wir gleich zu Anfang gut hingekriegt: Wir haben den besten Platz im ganzen Raum ergattert. In der ersten Reihe sitzen wir nur wenige Meter entfernt von den sogenannten „Chairs“, die die Sitzungen leiten.

Nachdem die Eröffnungszeremonie vorbei ist, geht es mit der Diskussion über die Tagesordnung los. Als die Vorsitzenden fragen, wer auf die Rednerliste möchte, reiße ich sofort unser Schild mit dem Aufdruck „Brasilien“ in die Luft.

Brasilien wird tatsächlich zuerst aufgerufen – und João und ich tauschen einen begeisterten Blick aus. Wir stehen als Erste auf der Rednerliste. Das ist wichtig. Denn gerade die erste Rede bleibt allen im Gedächtnis.

Die Aufregung ist jedoch groß, wenn man als Erster vor über 50 Leuten eine Rede auf Englisch halten soll, die alle anderen vom eigenen Standpunkt überzeugt. Und obwohl wir die Situation in Erlangen schon zig Mal geübt haben, klopft mein Herz bis zum Hals.

Einmal tief durchatmen, konzentrieren und los geht’s: Die nächsten 60 Sekunden gehören mir. Alle hören zu, als ich erkläre, warum Brasilien gerne „Ernährungssicherheit“ als Punkt eins auf der Tagesordnung hätte. Letztlich wird „Ernährungssicherheit“ zu dem Thema, über das wir das ganze Wochenende lang diskutieren.

Anschließend geht es darum, in weiteren Reden und informellen Diskussionen die anderen Delegationen von unseren Ideen zu überzeugen. Wir haben uns für Brasilien ein Programm ausgedacht, um Ernährungssicherheit weltweit zu gewährleisten. Zu unseren Ideen gehört der Plan, mehr Geld in Forschung und in Erfahrungsaustausch zu investieren.

Am Anfang fällt es uns leicht, andere Teilnehmer zu überzeugen. Und schon sitzen wir Samstag früh zusammen mit den Delegationen Australien, Japan, Sudan und Deutschland um meinen Laptop herum und versuchen, ein gemeinsames Arbeitspapier zum Thema zu verfassen.

Jobmesse in der Pause

Wirklich begeistert bin ich von der Arbeit, die zum Beispiel die Delegation leistet, die Deutschland vertritt. Denn die zwei Mädels sind keine Studentinnen, sondern Schülerinnen des Laurentius-Gymnasiums Neuendettelsau. Die Schüler, die an BayernMun teilnehmen, haben zwar sicherheitshalber kleine gelbe Wörterbücher auf ihren Tischen liegen.

Aber in Sachen Verhandlungsgeschick stehen sie uns in nichts nach. Immerhin wurden die Schüler des Laurentius-Gymnasiums genau wie wir von Nadine Paulick, Oliver Burger und Alexander Höppel ausgebildet, die das FAUMUN-Projekt betreuen.

Neben den Verhandlungen können wir auch an einer Jobmesse teilnehmen. Dort können wir uns mit Personalleitern von Unternehmen wie Wöhrl und der ForumFinanz AG unterhalten und Kontakte zwecks Praktika und späteren Berufsaussichten knüpfen.

Auch dafür braucht man Geschick. Das zeigt: „Model United Nations“ ist zwar auf die Arbeit der Vereinten Nationen konzentriert. Aber wir lernen dabei Kompetenzen, die in Schule und Uni oft zu kurz kommen: sich präsentieren, verhandeln, sicher auftreten und andere überzeugen.

Zurück im Komitee ist unser Arbeitspapier schnell geschrieben. Dann wird es brenzlig. Die Vorsitzenden, die unsere Formulierungen akzeptieren müssen, stellen uns eine schwere Aufgabe. Wir sollen unser Arbeitspapier mit demjenigen der Delegationen Mali, Indien und Schweiz kombinieren, da wir einige gemeinsame Punkte haben. Klar ist: Weder die andere Gruppe noch unsere will von ihrer jeweiligen Positionen abrücken. Diplomatisches Fingerspitzengefühl ist gefragt.

Zuerst denke ich: Was für eine absurde Idee, dass wir zusammenarbeiten müssen! Und zunächst bestätigt sich meine Sorge, dass wir uns wohl nie einigen werden. Etliche Stunden, Diskussionen und Kompromisse später muss ich aber zugeben: Es hat sich gelohnt. Auf einmal klingt unser Arbeitspapier richtig professionell und ist bis ins Detail ausgearbeitet.

Mein persönliches Fazit des Wochenendes: Zusammenarbeit ist zwar manchmal schwer, aber genau das ist es, was die Vereinten Nationen ausmacht. Und nicht nur dort ist Teamwork gefragt. Man darf nicht bei jeder kleinen Meinungsverschiedenheit sofort aufgeben. Am Ende lohnt es sich, eine gemeinsame Lösung zu finden.

Gelohnt hat sich die Kompromissbereitschaft übrigens wirklich. Denn am Sonntagnachmittag wird ganz zum Schluss über die verschiedenen Vorschläge abgestimmt. Von unserem in großer Runde ausgearbeiteten Vorschlag sind alle anderen Delegationen so begeistert, dass er einstimmig angenommen wird. Nach der Generalprobe in Neuendettelsau kann das echte „Model United Nations“in New York jetzt kommen.

Mehr Infos zu FAUMUN und den National Model United Nations unter:
http://faumun.uni-erlangen.de
http://www.nmun.org

Erschienen auf: Szene-Extra Seiten der Nürnberger Nachrichten

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