In Brüssel ist Multikulti völlig alltäglich

Erlanger Studentin berichtet von einem Gastaufenthalt an der Uni der belgischen Metropole – 20.03.2012

Brüssel – In einem anderen Land zu studieren, bedeutet häufig erst mal einen Kulturschock. In Brüssel jedoch trifft man nicht nur auf eine andere Kultur. In der EU-Hauptstadt herrscht Multikulti pur – auch unter den Studenten. Um selbst einen Eindruck davon zu bekommen, hat die Erlanger Studentin Jennifer Hertlein (20) eine Freundin besucht, die genau das gerade erlebt.

Nur noch an der dänischen Botschaft vorbei, und schon sind wir da. Mitten im Diplomaten-Viertel von Brüssel liegt das „Institut für Europastudien“ der Université Libre de Bruxelles. Meine Freundin Daniela (23) nimmt dort seit einem Semester am Master-Studiengang „Europastudien mit politikwissenschaftlichem Ansatz“ teil.

Wie ein typisches Uni-Gebäude sieht das Institut nicht aus. Auch innen nicht. Dort sitzen wir mit etwa 20 anderen Studenten in einem kleinen, lichtdurchfluteten Raum mit Ausblick auf den Garten.

Dann geht es los. Ob es sich bei der Veranstaltung um eine Vorlesung oder ein Seminar handelt, kann Dani mir auch nicht sagen. „Es gibt hier keine genaue Abgrenzung wie bei uns in Deutschland. Wie die Veranstaltung abläuft, hängt immer von der Laune des jeweiligen Dozenten ab.“

Schwierige Zeitplanung

Ein weiterer Unterschied: Manchmal dauern Vorlesungen auch volle vier Stunden. Das hängt wiederum mit dem Stundenplansystem in Belgien zusammen. In Erlangen habe ich das ganze Semester im gleichen Rhythmus die gleichen Veranstaltungen. Bei Dani in Brüssel wechselt das jede Woche. „Wir haben zum Beispiel einen Kurs erst dreimal pro Woche und dann ein paar Wochen gar nicht.“

Brüssel hat internationales Flair – auch in der Mensa: Dieses Gericht zum Beispiel nennt sich bayerische Schlachtschüssel. „Schmeckt zwar nicht unbedingt bayerisch, aber trotzdem gut!“, meint Besucherin Jenni.

Brüssel hat internationales Flair – auch in der Mensa: Dieses Gericht zum Beispiel nennt sich bayerische Schlachtschüssel. „Schmeckt zwar nicht unbedingt bayerisch, aber trotzdem gut!“, meint Besucherin Jenni.
 Foto: Jennifer Hertlein

Da ist es nicht immer einfach, den Überblick zu behalten und sich seine Zeit gut einzuteilen. „Wir müssen auch während des Semesters Hausarbeiten schreiben“, sagt Dani. „Aber wenn man in den zwei Wochen vor dem Abgabetermin viel mehr Unterricht hat als zuvor, darf man mit der Hausarbeit eben nicht auf den letzten Drücker anfangen.“

Besonders spannend findet es Dani, dass sie die Hausarbeiten nicht allein, sondern mit zwei, drei Kommilitonen zusammen schreibt. „Das ist einmal total gut gelaufen, weil wir uns super ergänzt haben.“ Ein anderes Mal war es echt schwierig. „Wir haben die Hausarbeit zu dritt geschrieben und jeder kam aus einem anderen Land. Deshalb war jeder an andere Arbeitsweisen gewöhnt. Das fängt schon beim Zitieren an.“

Trotzdem findet Dani genau diese Erfahrung wichtig: „Falls wir später in der EU arbeiten, ist das eine gute Vorbereitung. Außerdem können wir so sehr viel voneinander lernen.“

Dass viele internationale Studenten an der Uni sind, fällt mir auch in der kurzen Pause während der Vorlesung auf. Ich unterhalte mich mit Italienern, Franzosen und einem Norweger. Echte Belgier lerne man selten kennen, meint Dani. Als Ausländerin hat sie sich in Brüssel bisher nie gefühlt. „Durch meine Kommilitonen kriege ich Einblicke in so viele verschiedene Kulturen und Sprachen. In unserem Studiengang leben wir Europa!“

Dani stammt aus Fürth und hat ihren Bachelor an der Uni Halle gemacht. Das 5. und 6. Semester studierte sie in Paris. Direkt danach hat sie sich für den Master-Studiengang in Brüssel angemeldet. Sie hatte „einfach Lust, ein weiteres Land kennenzulernen.“ Manchmal kommt es ihr sogar „fast langweilig vor, nur in benachbarte Länder zu gehen und nicht mal nach Israel, Kambodscha oder Indien“.

In den drei Ländern, in denen Dani bisher studiert hat, unterscheidet sich das Studium stark voneinander. „In Paris an der Grande école war es total verschult“, erinnert sie sich. „Es gab dort Anwesenheitspflicht, und ich musste weniger selbst organisieren, als in Deutschland. Dafür gibt es sowohl in Paris als auch in Brüssel eine größere Auswahl an Lehrveranstaltungen – und vor allem keinen Mangel an Seminarplätzen.“

Mitschreiben statt diskutieren

Ab und zu fehlen Dani jedoch die Debatten, die in Deutschland zum Uni-Alltag gehören. „In Frankreich wird eher wörtlich mitgeschrieben anstatt diskutiert“, erklärt sie. „Besonders gut finde ich es aber, dass wir hier in Brüssel auch Dozenten haben, die nicht an der Uni arbeiten, sondern an Forschungszentren, in der freien Wirtschaft oder in großen Banken. Die haben Ahnung von der Praxis, und das macht auch das Studium anschaulicher.“

Ab und zu muss Dani aufpassen, dass sie mit den Sprachen nicht durcheinander kommt. Sie studiert zwar hauptsächlich auf Französisch, ein paar Veranstaltungen sind aber auch auf Englisch. „In einer Klausur mussten wir drei Fragen auf Englisch und eine auf Französisch beantworten. Das war ganz schön verwirrend!“

Nach zähen zwei Stunden ist meine erste Uni-Veranstaltung als Gast in Brüssel vorüber. Und ich freue mich auf die vergleichsweise kurzen 90-minütigen Seminare und Vorlesungen in Deutschland. Als der Professor die Veranstaltung beendet, klopfe ich auf den Tisch – wie man das bei uns eben so macht. Allerdings ernte ich dafür nur fragende Blicke. In Brüssel wird am Ende der Vorlesung geklatscht.

Erschienen auf: Szene-Extra Seiten der Nürnberger Nachrichten

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