Es geht auch einfacher: Ein Praktikum in Accra, Ghana

Maike, 21, studiert an der Universität in Augsburg Medien- und Kommunikations- wissenschaften im 4. Semester. Im März 2012 absolvierte sie ein Praktikum in Accra, der Hauptstadt von Ghana. Das war eine ganz neue Erfahrung: Anders als in Deutschland gab es dort kein fließendes Wasser und keine durchgeplanten Arbeitstage – dafür aber tanzende Menschen mitten auf der Straße. Maike hat viel in ihrem afrikanischen Praktikum gelernt, sagt sie: zum Beispiel, gelassener zu sein.

Ich wollte ursprünglich ein ganz normales Praktikum in Deutschland machen. Dafür war ich allerdings zu spät dran. Zufällig habe ich von einem Infoabend über internationalen Austausch an unserer Uni gehört und bin spontan hingegangen. Als eine Studentin dort von ihrem Praktikum in Ghana erzählte, war ich fasziniert. Sofort wusste ich: Da muss ich hin!

Bedenken wegen der Sicherheit hatte ich nie. Ich habe gar nicht groß darüber nachgedacht. Ich wollte schon immer mal nach Afrika, und außerdem möchte ich gerne fremde Weltregionen und Kulturen kennenlernen. Und Ghana gilt als relativ sicher. Ich habe es als eine gute Möglichkeit gesehen, neue Erfahrungen zu sammeln.

Meine Eltern waren wesentlich besorgter. Sie haben mir unzählige Medikamente mitgegeben, weil sie Angst hatten, ich könnte in Ghana krank werden. Das hat ganz schön viel Platz in meinem Koffer weggenommen! Als ich schließlich dort war, hatten wir viel Kontakt, und sie waren jedes Mal überrascht, dass ich nur Positives zu berichten hatte. Aber auch meine Freunde konnten sich nur wenig zu Ghana vorstellen. Die fanden das zwar cool, aber die meisten dachten nur an Hunger, Armut und Gewalt. Klar gibt es das in Ghana – aber nicht nur!

Die Praktikums- bewerbung war schnell gemacht. Auch das Visum war kein Problem. Anstrengender waren da schon die vielen Impfungen, die ich über mich ergehen lassen musste. Gelbfieber war eine Pflichtimpfung. Zusätzlich ließ ich mich noch gegen Hepatitis A und B, Typhus, Tollwut, Polio und Tetanus impfen. Nach den Impfterminen ging es mir ziemlich schlecht. Aber das war es mir wert!

Für jeden einen Eimer

Vor dem Abflug war ich wahnsinnig nervös. Doch als ich in Accra landete, überwog die Freude, endlich mal aus meinem Studienalltag raus zu sein. Die nächsten sechs Wochen wohnte ich zusammen mit 25 anderen Praktikanten und ghanaischen Studenten in einem Haus. Fließendes Wasser gab es nicht. Wir hatten einen Wassertank, und zum Waschen hatte jede/r einen Eimer. Wenn der Wassertank leer war, mussten wir selbst Wasser kaufen gehen. Ein paar der deutschen Studenten waren richtig geschockt. Ich hatte mich gut informiert und wusste bereits, dass wir den Luxus einer Dusche nicht haben würden. Natürlich ist das anfangs eine Herausforderung. Aber irgendwie habe ich mich doch daran gewöhnt.

Ich wurde der North Legon Schule zugeteilt, in der ich einmal pro Woche mit Kindern und Jugendlichen im Alter von 11 bis 15 Jahren arbeiten sollte. Für die Schüler war das ganz normaler Schulunterricht. Der Rektor hatte am Anfang des Schuljahres festgelegt, dass die Schüler das Fach zwölf Wochen lang belegen sollten. Ich sprach mit ihnen zum Beispiel über Beziehungen, Verhütung oder sexuell übertragbare Krankheiten. Am Anfang fand ich das schwierig. Gerade die Jüngeren wussten oft gar nicht über Sex Bescheid. Aber erstaunlicherweise haben sie trotzdem sehr viele neugierige Fragen gestellt, anstatt peinlich berührt zu schweigen. Am Anfang aber waren sie mir gegenüber sehr schüchtern und stellten ihre Fragen lieber meinen zwei einheimischen Kollegen. Nach ein paar Wochen war diese Zurückhaltung aber wie weggeblasen. Da kamen die Kinder gleich auf mich zugerannt.

Mir hat das Unterrichten wirklich viel Spaß gemacht. Das Problem war aber, dass dafür nur ein Tag vorgesehen war, den Rest der Woche hatte ich frei. Das konnte ich gar nicht fassen. Schließlich wollte ich ja helfen, ich wollte etwas bewegen! Also bin ich kurzentschlossen in die HIV-Klinik der gemeinnützigen Organisation West Africa Aids Foundation gefahren und habe gefragt, ob noch Hilfe benötigt wird. Schon hatte ich einen weiteren Job.

Spontane Straßenparties

In der anderen Klinik übernahm ich Büroarbeiten und arbeitete in der Beratungsstelle. Ich fing auch damit an, manchmal Menschen auf der Straße anzusprechen, um mit ihnen über Aids zu reden. Ich erzählte ihnen, dass sie sich in der Klinik testen lassen könnten. Anfangs dachte ich, ich würde viele abweisende Reaktionen bekommen. Aber die Menschen waren wahnsinnig aufgeschlossen und interessiert. Es war gar nicht unangenehm, mit ihnen darüber zu sprechen. Das hat mich überrascht.

Überhaupt sind die Menschen in Ghana ganz anders als in Deutschland. Sie sind viel offener. Viele haben mich einfach so auf der Straße gefragt, woher ich komme und was ich mache – einfach, weil sie an meiner Hautfarbe gesehen haben, dass ich keine Einheimische bin.

Ab und zu hörten die Leute in den Straßen laut Musik und tanzten dazu, einfach so. Sie lachten ausgelassen, sie hatten Spaß und luden mich ein, mitzumachen. In Deutschland käme niemand auf die Idee, an einem Feiertag mitten auf der Straße zu tanzen, so dass nicht mal mehr die Taxis durchkommen. Aber in Ghana gehört Tanzen zum Leben dazu. Die Ghanaer besitzen nicht so viel wie wir, aber sie scheinen sehr glücklich zu sein.

Ich glaube, das Wichtigste, was ich in Ghana gelernt habe, ist, dass ich nicht immer alles so eng und verbissen sehen darf. Das fällt mir gerade im deutschen Uni-Alltag schwer, wo Leistungsdruck an der Tagesordnung ist. Aber manchmal sollte man auch ein bisschen entspannter an eine Sache rangehen, damit sie gelingt. In Ghana habe ich gesehen, dass mit Gelassenheit und Lebensfreude alles etwas leichter wird.

Erschienen auf: fluter.de

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