Reden lernt man durch reden

1497082439Jura-Studium: Das heißt, dicke Gesetze wälzen, Paragraphen aneinander reihen und trockene Fälle lösen. Zumindest meinen das viele. Jura-Studium geht aber auch ganz anders: Beim fünften Rednerwettstreit, den die Alumni der juristischen Fakultät Erlangen veranstalten, hatten Jura-Studenten die Chance, ihr erstes Plädoyer zu halten. Die Aufgabe: sicher auftreten, mit Worten überzeugen und das Publikum begeistern. Auch Jennifer Hertlein (21) hat teilgenommen.

Ein bisschen Bammel hatte ich, als ich mich vor ein paar Wochen für den Rednerwettstreit anmeldete. In der Beschreibung hieß es: „Für Jura-Studenten und Rechtsreferendare“. Da ich Öffentliches Recht und Politikwissenschaft studiere, bin ich eigentlich nur ein halber Jura-Student – aber eben an der juristischen Fakultät immatrikuliert. Also dachte ich mir: Ich kann das auch!

Ich konnte eines von drei Themen wählen und für mich war sofort klar, welches mich am meisten interessiert: „Der gläserne Bürger im Namen der Verbrechensbekämpfung“. Das ist juristisch und politisch hoch interessant.

Für meine Rede recherchiere ich im Internet und krame alte Unterlagen aus dem zweiten Semester hervor. Irgendwann hatten wir doch das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung besprochen! Ein paar Seiten weiter finde ich endlich, was ich suche. Manchmal ist es nützlich, alte Vorlesungsskripte aufzuheben.

Die Rede ist schnell geschrieben. Ich weiß, worauf ich hinaus will: Ein gläserner Bürger ist nicht mit unserem Grundgesetz und unserem freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat vereinbar. Das Schwierigere ist: Wie trage ich die Rede richtig vor? Ohne stammeln und ohne hängen bleiben? Ich drucke den Text auf große Moderationskarten, markiere die wichtigsten Punkte farbig. Und dann heißt es: Üben. Je öfter ich die Rede daheim vortrage, desto sichererwerde ich. Irgendwann kann ich die wichtigsten Stellen fast auswendig.

Als ich ein paar Tage später im Königssaal des Justizgebäudes in Nürnberg sitze, ist mir flau im Magen und meine Kehle ist trocken. Vor mir spricht noch eine andere Rednerin. Ich bekomme fast nicht mit, was sie sagt. Ich versuche mich zu erinnern, was ich sagen wollte. Dann wird mein Name genannt. Wie automatisch stehe ich auf und bewege mich zum Rednerpult. Meine Knie zittern noch, aber das sieht zumindest keiner. Was, wenn ich jetzt vergesse, was ich sagen wollte? Was wenn meine Stimme versagt? Unzählige Blicke sind auf mich gerichtet. Ich atme noch einmal tief durch – und beginne.

Sobald das erste Wort gesprochen ist, klappt alles wie am Schnürchen. Ich rede, gestikuliere, erkläre und plötzlich ist auch die Nervosität verschwunden. Meine Konzentration gehört nur meinem Plädoyer. Jury und Publikum lauschen gespannt. Nach knapp 12 Minuten beende ich meine Rede mit einem  Zitat von Benjamin Franklin: „Wenn wir unsere Freiheit aufgeben, um Sicherheit zu gewinnen, werden wir am Ende beides verlieren.“ Beifall. Ich muss erleichtert lächeln.

Zurück auf meinem Platz bin ich glücklich. Ich habe es geschafft und habe ein richtiges Plädoyer vor sehr vielen Leuten gehalten. Ich bin zufrieden mit meiner Leistung. Dass es noch eine Preisverleihung gibt, habe ich schon fast wieder vergessen. Denn die beste Auszeichnung des Abends war sicherlich, dass ich ein kleines Stück über mich selbst hinaus gewachsen bin. Dass ich am Ende den zweiten Platz im Wettbewerb belege, freut mich umso mehr.

Erschienen auf: Szene-Extra Seiten der Nürnberger Nachrichten

Hier gibt es außerdem noch einen weiteren Bericht über den Rednerwettstreit.

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