„Hätte Obama gewonnen, wenn er weiß wäre?“

US Wahl 1Yes he can! Barack Obama bleibt für weitere vier Jahre Präsident der USA. Viele Deutsche verfolgten interessiert die Wahl. Doch die Chance, mit einem amerikanischen Politikprofessor über das Wahlergebnis zu diskutieren, hatten wohl nur wenige. Auf Einladung des Deutsch-Amerikanischen-Instituts kam Joseph Kunkel von der Minnesota State University ans Nürnberger Martin-Behaim-Gymnasium – die Schüler löcherten ihn mit Fragen!„Was genau ist eine Wahl?“, fragt Joseph Kunkel in breitem amerikanischen Englisch die Zwölftklässler. Zunächst traut sich keiner, etwas zu sagen. Zurückhaltend kommen Antworten wie, „die Menschen wählen einen Vertreter“ oder „sie zeigen durch Wahlen ihre Meinung“. Kunkel stimmt zu. Doch diese einfache Definition reicht ihm nicht aus. Er meint: „Durch eine Wahl können ganz gewöhnliche Leute die Geschichte ihres Landes oder vielleicht gar der Welt beeinflussen.“

Der Politikprofessor holt aus: Früher hatten die Menschen diese Möglichkeit nicht. Sie konnten nichts beeinflussen. Damals gab es nur einen König, der alles beschlossen hat. Aber heute könnten wir durch Wahlen die Geschichte mitgestalten: „Wir müssen uns bewusst sein, dass Geschichte das ist, was gerade passiert.“

Ein historischer Moment war, als Obama 2008 die Wahl gewonnen hatte. Er wurde der erste schwarze Präsident der USA. Und er schaffte es, Begeisterung bei den Amerikanern zu wecken. „Das war eine regelrechte Bewegung! Die Leute haben an seiner Kampagne teilgenommen, sich für ihn engagiert. Sein Wahlkampf damals war sehr modern, er hat über soziale Medien die Menschen erreicht“, erinnert sich Kunkel. McCain, Obamas damaliger Konkurrent, war da „out of touch“ mit den Amerikanern. Er war altmodisch und verstaubt.

Kunkel findet aber, dass Obama heuer den größeren Wahlsieg errungen hat: Er war schon Präsident, die Leute wussten, wie er Politik macht, und es gab Kritik. Trotzdem haben sie sich noch mal für ihn entschieden. Das sei nicht selbstverständlich. Denn so bejubelt Obamas Wahlsieg 2008 zunächst war – seine Regierungszeit war nicht vom selben Erfolg gekrönt.

Obama hatte viel versprochen. Er wollte viel verändern und mit den Republikanern zusammenarbeiten. „Vielleicht war er naiv oder zu hoffnungsvoll. Auf jeden Fall musste Obama feststellen, dass die Republikaner vom ersten Moment an versucht haben, ihn zu blockieren“, erklärt Kunkel.

In den USA bildete sich eine Gegenbewegung, die „Tea Party“, die Obama heftig kritisierte. Und es lief auch nicht alles gut in seiner Regierungszeit: Die Wirtschaft erholte sich kaum, und um seine Krankenversicherung durchzusetzen, musste Obama lange verhandeln und viele Kompromisse eingehen. „Dabei gibt es zwei Dinge, die man in den USA nicht allzu genau anschauen sollte: wie Wurst hergestellt wird und wie Gesetze gemacht werden. Das Ergebnis mag gut sein, aber den Prozess kennt man lieber nicht“, sagt Kunkel lachend und meint es ernster, als es scheint.

Aufgebrachte Schüler

Ein Schüler fragt aufgebracht: „Aber warum arbeiten die Republikaner und die Demokraten nicht zusammen? Die Politiker müssten doch Ziele für ihr Land erreichen wollen. Aber stattdessen bekämpfen sie sich nur gegenseitig!“ Kunkel nickt zustimmend. Doch dann sagt er: „Es liegt wohl daran, dass die zwei Parteien sehr unterschiedliche Ansichten und Philosophien haben. Aber stellt euch vor, es gäbe keine Meinungsverschiedenheiten. Dann gäbe und bräuchte es auch keine Politik.“

Die nächste Frage lautet, was die Republikaner denn jetzt tun werden. „Werden sie noch konservativer?“, will eine Schülerin wissen. Irgendeine Konsequenz müssten sie aus der Wahlniederlage von Mitt Romney doch ziehen. Kunkel ist sich sicher, dass es innerhalb der Partei zu Kämpfen kommen wird. Die einen wollen, dass die Partei noch konservativer wird, die anderen, dass sie sich liberalisiert. Wie das ausgeht, kann auch er nicht vorhersagen.

Die Schüler sind neugierig und löchern den Politikprofessor mit Fragen:„Wird Obama endlich Guantánamo schließen? Hatte die Tatsache, dass Mitt Romney Mormone war, die Wahl beeinflusst? Hätte Obama die Wahl auch gewonnen, wenn er weiß wäre? Würden Sie (der Professor) Ihren Nachbarn nicht mehr so mögen, wenn Sie wüssten, dass der Romney gewählt hat?“

Kunkel erklärt, dass keiner weiß, wohin die Guantánamo-Häftlinge sollen. Er fragt stattdessen, ob Deutschland sie haben wolle. Er meint auch, dass Romney als Mormone noch konservativer und „nicht cool“ gewirkt habe. Zudem gehöre Obama eh nicht zur klassischen schwarzen Gemeinschaft, weil er bei seiner weißen Mutter und den weißen Großeltern aufgewachsen wäre und sich erst später der „black community“ zugewandt hätte. Kunkel sagt: „Ich würde meinen Nachbarn noch genauso mögen, wenn er Republikaner wäre.“

Aber eins ist Kunkel wichtig: Durch Wahlen kann man die Geschichte formen. Und es käme darauf an, dass sich Menschen vor und nach dem Wahlkampf in Parteien oder Initiativen engagieren und so Druck auf die Politiker ausüben. „Denn das ermöglicht, dass sich auch während einer Legislaturperiode ein Wandel vollziehen kann. Es kommt auf die Menschen an. Zusammen können sie viel bewegen.“

Erschienen auf: Szene-Extra Seiten der Nürnberger Nachrichten

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