Jobdoppel Parfumeur versus Kanalreiniger: „Die Arbeit stinkt mir überhaupt nicht“

Daniel Vetter, Kanalreiniger, Sohn des Kanalreinigers Gerhard Vetter Frank Rittler, Senior Parfümeur bei HenkelZwei Männer, die immer ihrer Nase nach arbeiten. Der Unterschied: Frank Rittler hat es mit Duft zu tun, Daniel Vetter mit Gestank. Der eine ist Parfumeur, der andere reinigt die Kanalisation. Über einen Arbeitsalltag zwischen Rosen und Fäkalien berichten die beiden im Jobdoppel.

Protokolle: Felix Scheidl und Jennifer Hertlein

 

Wenn diese beiden etwas riechen, ist das immer ein gutes Zeichen. Beim Düsseldorfer Frank Rittler entsteht ein neuer Duft, und Daniel Vetter aus dem hessischen Weilrod weiß: Das Rohr ist wieder frei! Wie es ist, einen total duften Job zu haben, erzählen Parfumeur und Kanalreiniger hier.

Frank Rittler, 42: „Manchmal habe ich die Nase voll“

Herr seiner Sinne: Frank Rittler steht in seiner Riechorgel und schnuppert

Henkel Fragrance Center Krefeld

„Schon als ich fünf Jahre alt war, haben mich Düfte fasziniert. Mit meinen Eltern war ich im Urlaub in Bulgarien, wo sehr viel Rosenöl produziert wird. Und ich hatte das Glück, dass ich in der Nähe von Holzminden aufgewachsen bin: Dort sind große Parfumhäuser ansässig. In Deutschland ist ‚Parfumeur‘ keine geschützte Berufsbezeichnung, aber einige Unternehmen bieten eine dreijährige Ausbildung an.

Als ich mit der Schule fertig war, wurden leider keine Auszubildenden gesucht. Es ist ein seltener Beruf. Da chemische Stoffe auch viel mit Parfums zu tun haben, habe ich eben bei einem Parfumhaus eine Lehre zum Chemielaboranten gemacht. Danach suchte mein Arbeitgeber endlich wieder Parfumeur-Azubis – und ich habe mich sofort beworben.

Beim Aufnahmeverfahren wurde der Geruchssinn getestet: Ich habe drei Riechstreifen bekommen und musste herausfinden, welcher der Düfte nicht in die Reihe passt. Oder ich musste den Düften Farben zuordnen und bestimmen, ob sie fruchtig oder blumig riechen. Diese Tests sind wichtig: Manche Menschen können bestimmte Duftstoffe tatsächlich überhaupt nicht riechen.

Die Ausbildung war wie Vokabeln lernen. Als Parfumeur muss man mehr als tausend verschiedene Riechstoffe kennen. Jeden Morgen mussten wir neue Düfte einordnen. Riechen sie blumig, fruchtig, hölzern, grün, gelb, blau? Als ich 50 Stoffe kannte, durfte ich zum ersten Mal ins Labor. Es hieß: Mach was, das nach Rosen duftet.

Als Parfumeur mische ich nicht einfach etwas wild zusammen. Ich habe alle Düfte im Kopf. Zuerst schreibe ich eine Rezeptur, die ich anschließend mische. Genauso kann ich auch ein Parfum, das ich rieche, gedanklich in seine Bestandteile zerlegen. Parfumeur ist ein handwerklicher Beruf. Zunächst muss man lernen, wie es funktioniert. Die Kreativität, selbst Düfte zu komponieren, kommt später. Das ist wie bei einem Musiker: Der muss am Anfang auch Noten lernen; erst danach zeigt sich, ob er sich als Komponist eignet.

In der U-Bahn nur durch den Mund atmen

Mein ausgeprägter Geruchssinn begleitet mich natürlich im Alltag. Ich gehe mit offener Nase durch die Welt – egal, ob im Urlaub, beim Spaziergang durch den Wald oder wenn ich am Rhein jogge. Manchmal habe ich die Nase aber voll, zum Beispiel, wenn es im Sommer in der U-Bahn streng riecht. Ich atme dann nur noch durch den Mund ein, damit ich meine Nase schone.

Ich arbeite nie nur an einem Parfum. Ich entwerfe zum Beispiel gleichzeitig ein Wäscheweich, einen Raumduft oder einen Geruch für eine Creme. Düfte sind überall nötig. Vom Shampoo bis hin zur Parfumierung von Kunststoffen in der Autoindustrie.

Durch meinen Job bin ich in der Welt rumgekommen. Ich habe schon in Asien, Brasilien, Paraguay, Kolumbien und den USA gearbeitet. Es ist wichtig, länderspezifische Duftgewohnheiten kennenzulernen. Ein Blumenduft, der in Malaysia gut ankommt, könnte zum Beispiel in Indonesien an eine Beerdigung erinnern.

Düfte und Parfums sind für Menschen etwas ganz Wichtiges, weil sie Gefühle auslösen – der Duftsinn ist der einzige Sinn, der nicht vom Gehirn kontrolliert wird. Wenn wir etwas Uninteressantes hören, dann haben wir das morgen wieder vergessen. Aber Gerüche werden automatisch mit Emotionen verbunden und abgespeichert, ob wir wollen oder nicht. Wenn man zum Beispiel nach zehn Jahren ein bestimmtes Parfum wieder riecht, dann erinnert einen das immer noch an den ersten Freund oder die erste Freundin.

Gerade weil Düfte so bedeutsam sind, möchte ich nie einen anderen Beruf ausüben. Und mit einem Kanalreiniger könnte ich wohl schon deswegen nicht tauschen, weil meine Nase mit dem Gestank überfordert wäre.“

Daniel Vetter, 31: „Wenn es stinkt, ist das ein gutes Zeichen“

Kanalreiniger Daniel Vetter (links) und seine Crew beim, naja, Kanalreinigen

Daniel Vetter

„Ich arbeite seit 14 Jahren als Kanalarbeiter, und die Arbeit stinkt mir überhaupt nicht. Ich meine das wörtlich: Wenn ein Kanal verstopft ist, erledigen meist Roboter die dreckige Arbeit für uns. Ich sitze dann im Kleinbus vor Monitoren und steuere Hochdruckdüsen oder Spiralen in den Rohren über Joysticks. Das Technikfahrzeug kostet fast eine halbe Million Euro.

Selbst steige ich nur noch etwa einmal in der Woche in einen Kanal, um ihn auf mögliche Schäden zu prüfen. An den meisten Arbeitstagen könnte ich einen weißen Anzug tragen – und niemand, der mich sieht, würde ahnen, dass ich Kanalarbeiter bin.

Meine Kunden sind glücklich, wenn ich ihnen das Abflussrohr wieder freimachen kann und ihr Keller nicht mehr in Abwasser schwimmt. Wir prüfen und reinigen auch Rohre und Kanäle und reparieren sie. Natürlich ist die Arbeit nicht immer appetitlich: Manchmal kommen mir auch Kot und gebrauchte Tampons entgegen.

Aber es ist eine sehr wichtige Aufgabe, denn wir schützen dadurch unser Grundwasser vor austretendem Abwasser aus der Kanalisation. So verhindern wir, dass Trinkwasser verunreinigt wird und sich Krankheitserreger verbreiten. Manchmal leeren wir auch Güllegruben von abgelegenen Häusern, die keinen Anschluss an die Kanalisation haben.

Mit den Güllegruben fing auch alles an. Mein Großvater hatte sich 1968 einen Traktor und ein Güllefass gekauft. Das ist ein Fass auf einem Anhänger, in das man über einen Schlauch Fäkalien aus Gruben saugen kann. Damals hatten viele Häuser und Höfe eine Grube, aus der wurden alle paar Wochen Abwässer und Fäkalien abgesaugt und auf den Feldern als Dünger verteilt. Ich bin in die Arbeit hineingewachsen. Als ich acht Jahre alt war, hatte ich meine ersten Einsätze: Während mein Vater den Saugstutzen in die Güllegrube hielt, saß ich im Traktor und bediente den Gashebel zum Absaugen der Kloake.

So lange Fäkalien in Ruhe in der Grube liegen oder sich nach einer Verstopfung in einem Rohr stauen, riechen sie übrigens überhaupt nicht. Erst wenn wir das Abwasser absaugen, kommt die Masse in Bewegung, wühlt sich um, gelangt an die Luft und kann Gestank abgeben. Wenn es bei einer Rohrreinigung stinkt, ist das daher ein gutes Zeichen: Es bedeutet, dass das Rohr frei ist und die Fäkalien wieder fließen. Wirklich gerochen habe ich das aber nur in den ersten Monaten.

Eigentlich ein sauberer Job

Zugegeben: Es ist schwer, Mitarbeiter zu finden. Viele haben Angst, dass sie nach der Arbeit stinken. Wer aber einmal in der Branche arbeitet, merkt, dass es nur sehr selten riecht und Kanalarbeiter ein sauberer Job ist. Wenn wir im Kanal arbeiten, steigen wir in Einmal-Anzüge. Und nach unserer Arbeit werden Arbeitswerkzeug und Arbeitsplatz desinfiziert. Das ist Pflicht, seitdem Seuchen wie die Schweinegrippe aufkamen.

Wer bei uns anfangen will, muss sportlich und schwindelfrei sein: Sportlich, weil wir oft mit schwerem Gerät arbeiten, das bis zu 40 Kilo wiegt. Schwindelfrei, weil wir in Kanäle steigen, die sieben oder auch mal 19 Meter tief in den Boden reichen. Ein Kollege steht immer mit einem Seil und Sicherungsgerät oben und hält uns fest – die Stufen in den Schächten sind oft glitschig oder durchgerostet.

Die Tiefe ist nicht die einzige Gefahr: Gase wie Methan oder Schwefel riechen nicht nur unangenehm, sondern sind auch lebensgefährlich, weil bei zu hohen Konzentrationen kein Sauerstoff mehr in der Luft ist. Und weil manche tödliche Gase geruchslos sind, haben wir bei jedem Einsatz im Kanal auch ein Gaswarngerät dabei.

Bis heute bin ich jedes Mal gesund und unverletzt wieder aus der Kanalisation gestiegen. Und der 19 Meter tiefe Brunnen fördert seit unserer Arbeit sogar wieder frisches Wasser. So groß die Faszination am Beruf auch sein mag: Ich freue mich jedes Mal, wenn ich aus der Kanalisation wieder an die frische Luft steige.“

Parfümeur und Kanalreiniger: Die beiden Jobs im Überblick

Parfümeur Kanalreiniger
Darum geht es:Parfüme und Düfte herstellen für Waschmittel, Bodylotions oder Kunststoffe, etwa in der Autoindustrie. Darum geht es:Kanalreinigung, Kanal-T-Untersuchung, Sanierung, Dichtheitsprüfung von Klärgruben, Öl/Benzinabscheider/Fettabscheider.
Arbeitsplatz:Im Büro vor dem PC. Aber auch im Labor vor der Riechorgel mit circa 800 verschiedenen Düften. Arbeitsplatz:Draußen bei den Kunden.
Typische Aufgaben:Neue Düfte kreieren, mit dem Marketing zusammenarbeiten, neue Riechstoffe testen und den Überblick behalten, was auf dem nationalen und internationalen Duftmarkt gerade so los ist. Typische Aufgaben:Kanalreinigung, Kanal-TV-Untersuchungen.
Ist nichts für Leute, die…:…schlecht riechen können, Heuschnupfen oder Allergien haben oder sensibel auf manche Duftstoffe reagieren. Ist nichts für Leute, die…:…nicht belastbar sind.
Das Schöne am Beruf:Die Kreativität, sich immer neue Düfte ausdenken zu können. Und das viele Reisen. Das Schöne am Beruf:Immer wieder das Strahlen im Gesicht eines Kunden, wenn man ihm geholfen hat.
SchattenseitenMan braucht viel Motivation und Durchhaltevermögen, weil es eben nur wenige der selbstkreierten Duftkombinationen auf den Markt schaffen. Und: Die Arbeit ist ein Spagat zwischen Kreativität und Kommerz. SchattenseitenUnregelmäßige Arbeitszeiten.
Das müssen Bewerber mitbringen:Einen guten Geruchssinn und Kreativität. Das müssen Bewerber mitbringen:Realschulabschluss, freundliches und sicheres Auftreten, Selbstbewusstsein.
So wird man es:Durch eine Ausbildung zum Parfümeur in den großen Dufthäusern. Allerdings bilden diese nur unregelmäßig aus. In Paris gibt es außerdem eine weltweit einzigartige Parfümeur-Schule, das Institut Supérieur du Parfum. So wird man es:Durch eine Lehre bei einem Fachbetrieb. Danach ist man „Fachkraft für Rohr-, Kanal- und Industrieservice“, so die offizielle Bezeichnung.
Verdienst:Das ist abhängig vom Arbeitgeber und auch von Alter und Erfahrung des Parfümeurs. Verdienst:Nach der Lehre, je nach Qualifikation, 1800 bis 2000 Euro.

Erschienen auf: KarriereSPIEGEL

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