„Nürnberger nehmen kaum wahr, wie gut die Qualität der Umwelt hier ist“

IMG_7634_kleinJeder will am liebsten in einer Stadt leben, in der viele Bäume wachsen, man in der Mittagspause im Park spazieren und am Wochenende schnell ins Grüne fahren kann. Doch gerade in einer großen Stadt ist eine gesunde Umwelt nicht selbstverständlich: Verkehr, Abfall und Lärm sind nur einige Probleme, mit der eine Stadt zu kämpfen hat. Die Natur intakt zu halten, ist Aufgabe der Umweltpolitik. In Nürnberg kümmert sich darum Umweltreferent Dr. Peter Pluschke. Im Interview erzählt er über die lokale Agenda 21, die in Nürnberg Nachhaltigkeit verwirklichen will, über Renaturierung von Bächen, internationale Zusammenarbeit und wie sich die Stadt Nürnberg auf den Klimawandel vorbereitet.

Wenn man in Nürnberg lebt, denkt man im Alltag nicht ständig über Umweltprobleme nach. Aber mit welchen Umweltproblemen wird eine Stadt wie Nürnberg konfrontiert?

Oft beschweren sich Nürnberger darüber, dass wir zu wenig Grün in der Stadt haben. Es ist auch Teil der Umweltpolitik, öffentliches Grün zu schaffen und zu pflegen. Ein anderer wichtiger Punkt der die Gemüter bewegt ist die Luftqualität. Allerdings ist die in Nürnberg in den letzten Jahren sehr viel besser geworden. Gerade ab Mitte der 90er Jahre bis circa ins Jahr 2005 hatten wir Probleme mit Stickstoffdioxiden, die vor allem durch die hohe Anzahl an Fahrzeugen in Nürnberg entstanden. Doch seitdem haben wir durch einen Luftreinehalteplan einiges bewirkt. Zu den Maßnahmen zählte, den Verkehr aus der Stadt raus zu lenken und dafür den Fahrradverkehr intensiver zu bewerben. Vor allem seit 2008 sinkt die Belastung der Luft stark. Da sind wir auf einem guten Weg. Nürnberg hat jetzt viel weniger Schadstoffe in der Luft als andere große deutsche Städte. Ein drittes Umweltproblem ist allerdings der Lärm. 20.000 Menschen sind in Nürnberg überhöhter Lärmbelastung ausgesetzt, vor allem durch Verkehr. Deshalb haben wir nun begonnen, lärmarme Straßenbeläge zu verlegen. Andere Maßnahmen sind natürlich weniger Verkehr, Geschwindigkeitsbegrenzungen oder Schallschutzfenster.

1997 wurde in Nürnberg die lokale Agenda 21 verabschiedet. Wie gut funktioniert die Umsetzung?

Das Ziel unserer lokalen Agenda 21 ist es, unsere Stadt auf dem Weg zur Nachhaltigkeit Schritt für Schritt voranzubringen. Die Agenda besteht aus sechs runden Tischen, zu den Themen Energie und Klima, Umwelt und Wirtschaft, Umweltbildung und Öffentlichkeitsarbeit, ökologische Stadtplanung, soziale Nachhaltigkeit und Kinder und Jugendliche. In diesen Runden Tischen haben Nürnberger die Möglichkeit sich in verschiedenen Gruppen zu engagieren und einzubringen. Jede Gruppe behandelt ein spezielles Thema. Ein sehr erfolgreiches Projekt war zum Beispiel die Projektgruppe „Grünzug Goldbach“, die sich mit der Renaturierung des Goldbachs befasste. Mittlerweile ist von der Wöhrder Wiese zum Valzner Weiher ein zusammenhängender Grünzug entstanden. Das Projekt ist fertig und ich finde, es ist ein sehr beglückendes Erlebnis, dort in der Natur spazieren zu gehen. Manchmal ist es den Bürgern aber auch nicht so leicht zu vermitteln, dass Umweltprojekte gut sind. Zum Beispiel, wenn wir eine früher kurzgeschnittene Rasenfläche in eine bunte Blühwiese verwandeln, die ein Lebensraum für mehr Tierarten ist, kommt schon mal schnell die Beschwerde auf, wir ließen die Wiese verwildern und würden uns nicht um die Pflege kümmern.

Welche politischen Voraussetzungen müssen denn in einer Kommune gegeben sein, dass erfolgreich Umweltpolitik betrieben und eine erfolgreiche lokale Agenda 21 umgesetzt werden können?

Das Thema Umwelt muss in der Gesamtorganisation stark vertreten sein. Es muss ein Vortragsrecht im Stadtrat bestehen und eine klare Zuständigkeit bei einem Referenten liegen. Der Umweltschutz muss einen politischen Stellenwert haben. Allerdings sind auch personelle und finanzielle Mittel wichtig. Auch wir im Umweltreferat der Stadt Nürnberg haben nur sehr wenig Geld zur Verfügung. Das führt dazu, dass wir abhängig davon sind, ob es uns gelingt, Förderprogramme und Sponsoren zu finden, um Umweltprojekte zu finanzieren.

Die Stadt Nürnberg versucht sich auch für den Klimaschutz einzusetzen, indem sie anderen Länder hilft, so zum Beispiel Sankt Carlos in Nicaragua…

Ja, Nürnberg hat eine Klimapartnerschaft mit Sankt Carlos. Wir versuchen gemeinsam mit Sankt Carlos Maßnahmen zu entdecken, mit deren Hilfe die Stadt CO2 einsparen kann. Die Gegebenheiten dort sind natürlich anders als bei uns. In Nicaragua muss man im Winter zum Beispiel nicht heizen. Aber andererseits nutzen sie dort viele Elektrogeräte, die viel zu viel Strom verbrauchen oder Autos mit zu hohen Emissionswerten. Da kann man zum Beispiel sehr viel tun, indem man den öffentlichen Verkehr ausbaut. Außerdem bemühen wir uns darum, dass Kakao dort ökologisch angebaut und fair gehandelt wird.

Umweltpolitik wird viel von EU, Bund und Ländern betrieben. Haben die Kommunen überhaupt etwas zu sagen?

Heute wird Umweltpolitik hauptsächlich auf Eben der europäischen Union gemacht. Und hier versuchen wir direkt Einfluss zu nehmen. Das ist durch die Städtevertretungen im Bund der europäischen Großstädte und die Mitwirkung im Rat der Gemeinden und Regionen Europas möglich. Es ist zwar ein unglaublich zäher Prozess in der EU etwas zu bewegen, aber wir sind nicht ausgeschlossen. Die Position der Kommunen wird hier deutlich wahrgenommen. Und die EU versucht auch direkt mit den Kommunen zu kooperieren.  Außerdem arbeiten wir eng mit dem Land zusammen, wenn es um die lokale Umsetzung von Umweltmaßnahmen geht. Das Land kontrolliert zum Beispiel die Kläranlagen. Das Wasserwirtschaftsamt von Bayern sitzt hier in Nürnberg und wir haben schon sehr lange eine gut funktionierende Zusammenarbeit.

Welche Rolle spielt die Umwelt für den Erfolg einer Stadt?

Zum einen spielt die Umwelt für die Bewohner einer Stadt eine große Rolle. Bei aktuellen Befragungen zu den Sorgen der Bürger liegt zwar eher die Angst um den Arbeitsplatz auf Platz eins. Aber bald dahinter kommt die Umweltfrage. Die Bürger wollen eine intakte Umwelt, denn das verbinden sie mit Lebensqualität. Und wir müssen diesen Erwartungen gerecht werden. Nach außen ist eine solche hohe Lebensqualität eine Attraktion für eine Stadt. Das ist zum einen wichtig für den Tourismus. Ich glaube nicht, dass so viele Touristen Nürnberg besuchen würden, wenn wir unter einer Glocke aus Smog verschwinden würden. Zum anderen ist Umwelt und Natur auch ein entscheidender Faktor um moderne Industrien anzuziehen. Als Standortfaktor ist das für die langfristige ökonomische Entwicklung einer Stadt von höchster Bedeutung.

Beim Wettbewerb um den Titel Umwelthauptstadt Europas hat Nürnberg den vierten Platz erreicht. Was macht Nürnberg bereits richtig und was sind die Ziele für die Zukunft?

Das Spannende ist, dass wir uns durch den Wettbewerb mit anderen Städten vergleichen können und sehen, wo wir europaweit stehen. Wir sind in der Abfallwirtschaft spitze, da hatten wir sogar den ersten Platz belegt. Unsere Abfallwirtschaft ist ein Modellsystem. Aber wir haben auch unsere Schwächen erkannt, die zum Beispiel bei der Flächennutzung und flächensparendem Bauen liegen. Da gibt es Nachholbedarf in Nürnberg. Was mich allerdings enttäuscht: Die europäische Öffentlichkeit hat viel von unserem Erfolg bei dem Wettbewerb mitbekommen. Erst vor kurzem hat uns die Stadt Nantes, die nächstes Jahr Umwelthauptstadt sein wird, auf einen Kongress eingeladen, weil wir Finalist waren. Aber während aus ganz Europa positives Feedback kommt, nehmen die Nürnberger das kaum wahr. Leider ist den wenigsten hier bewusst, welch gute Qualität die Umwelt bei uns hat. Viele glauben zum Beispiel immer noch, wir hätten ein Feinstaubproblem, nur weil sie in den Medien lesen, dass München eins hat. Dabei ist Feinstaub in Nürnberg längst kein Thema mehr.

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, Dr. Stephan Articus, sagte vor kurzem: „Die unmittelbaren Folgen des Klimawandels wie Extremtemperaturen, Starkregen, Dürreperioden und Stürme führen in Zukunft in den Städten zu höheren gesundheitlichen Risiken für die Menschen.“ Deshalb müssten die Kommunen sich an neue Klimabedingungen anpassen. Was bedeutet das für die Stadt?

Das Problem für die Städte ist nicht, dass es generell wärmer wird, sondern dass es immer häufiger zu lang anhaltenden Hitze- und Trockenheitsperioden kommt. Und das wird nicht erst in 10 oder 20 Jahren so sein, sondern ist schon heute der Fall. Studien zeigen, dass sich in den letzten 20 bis 30 Jahren die Perioden mit mehr als 25 Tagen Hitze am Stück stark vermehrt haben. Besonders im Nürnberger Stadtkern mit der Altstadt, die stark verdichtet und versiegelt ist, kommt es dadurch zu Schwierigkeiten. Manche dieser Straßenzüge heizen sich bei anhaltender Hitze viel zu stark auf. Das hat besonders für Menschen mit Herz-Kreislauferkrankungen, für Alte und Kinder gesundheitliche Konsequenzen. Um dem entgegen zu wirken müssen wir bei der Stadtentwicklung darauf achten, dass es mehr Grün gibt, mehr Bäume und mehr Wasser, denn das reduziert die Temperatur. Auch Arkaden und beschattete Bereiche können helfen. Diese Elemente lassen die Stadt auch für die Menschen lebensfähig bleiben, die besonders unter den warmen Wetterbedingungen leiden. Ein anderes Klimaproblem sind vermehrte Starkregenfälle. Die führen zum Beispiel zu Hochwasser im Knoblauchsland, wo es früher nie Überschwemmungen gab. Deshalb müssen wir unsere Gewässer und deren Abflussverhalten beobachten und die natürlichen Versickerungsmöglichkeiten verbessern. Von außen sieht das niemand, aber ableitende drainageähnliche Systeme können sehr helfen. Das ist dann quasi das Feintuning der Stadtgestalt.

Erschienen in: „Ringfrei“ der Zeitschrift des Kreisjugendring Nürnberg-Stadt, Ausgabe Nr. 54 – Dezember 2012.

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