Selbst erklären, statt nur zuhören: Mein erstes Mal Tutorium halten

DSC_7647In der Uni sitzen und zuhören, was der Dozent vorne erzählt – das ist einfach. Doch was, wenn man selbst vor Studenten steht und ihnen Wissen vermitteln soll? Jennifer Hertlein (21) studiert im 5. Semester Politikwissenschaft und hat im Wintersemester ein Tutorium für Erstsemester gehalten – unter anderem über das richtige Zitieren. In Zeiten wegen falschen Zitierens zurücktretender Politiker ist das ein sehr wichtiger Aspekt.Ich stehe vor der Teilbibliothek Politikwissenschaft, warte auf meine Erstsemester und blättere ein letztes Mal etwas nervös meine Unterlagen durch. Hab’ ich auch alle Materialien dabei? Weiß ich, was ich gleich erzählen will? Einmal tief durchatmen.

Irgendwie ist es schon komisch, wenn man den Auftrag bekommt, den Erstsemester-Studenten wissenschaftliches Arbeiten zu vermitteln. Meine größte Angst ist, dass ich auf eine gestellte Frage keine Antwort weiß. Das wäre ziemlich blamabel – und außerdem für meine Erstis keine große Hilfe. Denn ich soll ihnen doch beibringen, wie sie am besten ihr erstes „Research Paper“ schreiben.

Während ich in Gedanken noch mal durchgehe, was ich alles besprechen will, trudeln die Ersten ein. Und ich merke: Die sehen auch ziemlich unsicher aus. Sie wissen genauso wenig, was hier im Tutorium auf sie zukommt. Ich lächle und teile die ersten Unterlagen aus.

Ein bisschen verkrampft

Als Erstes führe ich die Gruppe durch die Bibliothek. Die Führung ist ein bisschen verkrampft. Ich rede die ganze Zeit – und von den Erstis sagt fast keiner ein Wort. Sie schauen mich nur mit großen Augen an.

Dann setzen wir uns in den Gruppenraum, und ich lasse sie erst mal Fragen stellen. Langsam tauen die Erstis auf und sind neugierig. Ihre Fragen sind nicht schwer zu beantworten. Im Gegenteil: Es sind Fragen, die ich im 1. Semester auch gestellt habe. Wo muss ich meine Hausarbeit abgeben? Ist es okay, wenn ich Zeitungsartikel als Quellen verwende? Wie anspruchsvoll sind die Professoren wirklich?

Wie von selbst ergibt sich ein Gespräch. Ich erkläre, worauf es beim Zitieren ankommt und plaudere ein bisschen aus dem Nähkästchen meiner bisherigen Studienerfahrungen. Ich erzähle, was ich selbst bei meiner ersten Hausarbeit falsch gemacht habe und worauf man achten sollte. Die Erstis sind dankbar für die Tipps, die sie vom Prof oder vom Dozenten vielleicht nicht bekommen hätten.

Ich glaube, sie haben auch weniger Scheu, mich nochmal zu fragen, wenn sie etwas nicht verstanden haben, als den Dozenten. Denn bei mir wissen sie, dass ich nicht benoten und niemanden schief anschauen werde. Immerhin war ich selbst erst vor zwei Jahren in genau der gleichen Situation. Besonders wichtig ist mir: „Ich will bei keinem von euch lesen, dass er Wikipedia zitiert hat. Das ist einfach keine verlässliche Quelle!“

Dann geht es an eine Zitier-Übung. Die Studenten sollen Literatur in der Bibliothek finden und sie richtig in einem Literaturverzeichnis angeben. Die Bücher sind meist schnell gefunden. Das Zitieren macht noch Probleme. Ich gehe herum, gebe Tipps, erkläre es nochmal. Am Schluss hat es jeder mindestens einmal richtig gemacht. Wenige Wochen später sitze ich über der Korrektur der Research Paper. Ich korrigiere die Arbeiten, bevor sie der Dozent sieht, damit die Erstis noch eine Chance zum Überarbeiten haben. Klar, finden sich noch zahlreiche Fehler. Hier mal die Zitierweisen vermischt, da eine falsche Quellenangabe, dort inhaltlicher Murks.

Aber alles in allem bin ich zufrieden: Ich merke, dass vieles, was ich im Tutorium gesagt habe, hängengeblieben ist. Der Rest kommt im Laufe des Studiums noch ganz von selbst. Und: Es hat tatsächlich kein einziger in meiner Gruppe Wikipedia zitiert. Ich bin stolz auf meine Erstis.

Erschienen auf: Szene-Extra Seiten der Nürnberger Nachrichten

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