Hauptsache billig

Die Empörung über den Internet-Versandhändler Amazon ist auch in Bayern groß, wo das Unternehmen ein Logistikzentrum betreibt

Die Kritik am Internet-Versandhaus Amazon wächst. Insbesondere Leiharbeiter sollen massiv schikaniert worden sein. Auch in Bayern betreibt Amazon in Graben eines seiner Logistikzentren, die in Verruf stehen, ihre Mitarbeiter unter schlechten Arbeitsbedingungen schuften zu lassen. Um die Rechte der Mitarbeiter zu stärken, wurde in Graben jetzt ein Betriebsrat gewählt. Doch damit sind die Probleme noch nicht gelöst. Die bayerische Politik fühlt sich kaum zuständig.

„Wir sind auf der Arbeit. Nicht in einem Hochsicherheitsgefängnis wo jeder Schritt verfolgt wird und man sich ständig rechtfertigen muss. Die Pausen sollte man menschlicher gestalten!“ Das schreibt Sunny im Juni 2012 über die Situation im Amazon-Logistikzentrum Graben. Sie hinterlässt ihren Kommentar anonym auf der Internetseite amazon-verdi.de, die von der Gewerkschaft Verdi betrieben wird und auf der es um die Arbeitsbedingungen bei Amazon geht. Circa 2500 Menschen beschäftigt Amazon in Graben – und einiges läuft schief.

Das weiß auch Erwin Helmer. Er ist Betriebsseelsorger des Diözesanverbands Augsburg e.V. Viele Amazon-Mitarbeiter wenden sich an ihn. „Sie erzählen mir, dass es in Graben Probleme mit der Security gibt. Wenn die Mitarbeiter Pause machen, müssen sie erst mal einen weiten Weg bis zum Pausenraum zurücklegen. Dort werden sie gefilzt. Nach der Pause die gleiche Prozedur“, berichtet Helmer. Natürlich sei das einerseits gerechtfertigt, damit nichts gestohlen wird. „Aber der Befehlston der Securitys, der Umgang mit den Mitarbeitern und die ständige Überwachung ist menschenunwürdig. Es braucht einen respektvollen Umgang“, meint der Betriebsseelsorger.

Überarbeitung bis zur Gesundheitsgefährdung

Auch der zuständige Verdi-Gewerkschaftssekretär Thomas Gürlebeck ist mit der Arbeitssituation in Graben unzufrieden: „Die Führungskräfte sind teils überfordert. Den Druck geben sie nach unten weiter.“ Die Folgen sind Überstunden und Arbeitszeitüberschreitung. „Dann müssen Arbeiter spontan eine Stunde länger dableiben“, erzählt Gürlebeck. Auch Helmer hat solche Berichte gehört: „Vor Weihnachten müssen manche Mitarbeiter 14 Tage durcharbeiten. Viele machen es, weil sie hoffen, danach einen unbefristeten Vertrag zu bekommen. Das ist aber selten der Fall.“ Die Überlastung geht bis zur Gesundheitsgefährdung. „Im Sommer, wenn es draußen heiß ist, und die Hitze im Hochlager in Graben zu groß wird, sind auch schon Menschen bei der Arbeit umgekippt“, so Helmer.

Ein weiteres Problem ist die Bezahlung. Online berichtet der User Steinzeit: „Zurzeit gibt es in Graben eine Gruppe, die einen Feiertag unter der Woche am Samstag nacharbeiten muss und dafür keinen Lohn erhält. […] Jeder der sich beschwert, riskiert bei Amazon die Kündigung.“

Generell ist die Bezahlung bei Amazon von Werk zu Werk unterschiedlich, da jedes eine eigenständige GmbH ist. „Daher müssen wir versuchen, für jedes Werk einzeln einen Tarifvertrag auszuhandeln“, erklärt Gürlebeck von Verdi. Helmer haben Mitarbeiter außerdem erzählt, dass sich ihre Lohnabrechnung manchmal ewig hinzieht: „Amazon tut nichts, um diese Probleme schnell zu beheben. Dabei sind die Menschen auf ihre Löhne angewiesen.“ Ferner prangert der Betriebsseelsorger an, dass Amazon Tarifverträge für Leiharbeiter umgehe, indem das Unternehmen viele Mitarbeiter mittlerweile mit Werksverträgen einstellen würde: „Hier hat unser Sozialstaat ein Problem! Lohndumping wie bei Amazon darf es nicht geben.“

Ein Bericht der ARD vom 13. Februar hat besonders die Situation der Leiharbeiter angeprangert. Die umstrittene Sicherheitsfirma, von der sich Amazon nun getrennt hat, war zumindest im Logistikzentrum Graben nicht zuständig. „Mir wurde auch von Missständen bei den Leiharbeitern in Graben berichtet“, so Gürlebeck, „allerdings lag unser Fokus auf der Betriebsratsgründung. Die Probleme der Leiharbeiter werden wir jetzt aufarbeiten. Zunächst muss ich Beweise sichten.“

Große Hoffnung auf dem Betriebsrat

Die Vorwürfe gegen Amazon wiegen schwer. Amazon selbst ließ eine Anfrage der Bayerischen Staatszeitung unbeantwortet. Auch die bayerische Politik hält sich zurück. Die bayerische Arbeitsministerin Christine Haderthauer lässt lediglich durch ihre Sprecherin ausrichten, dass für die Einhaltung des Arbeitsschutz- und Arbeitszeitgesetzes die Gewerbeaufsicht zuständig sei, für Arbeitsbedingungen von Leiharbeitern das Bundesministerium.

Der bayerische Wirtschaftsminister Martin Zeil meint, dass die gegenüber Amazon erhobenen Vorwürfe ernst zu nehmen sind  und gründlich überprüft werden müssen. „Sollten Rechtsverstöße festgestellt werden, müssen diese streng geahndet werden“, so Zeil. Er will jedoch keine Vorverurteilung von Amazon und fügt hinzu: „Die bayerischen Erfahrungen mit der Ansiedlung des Logistiklagers in Graben bei Augsburg sind positiv. Amazon hat dort zu einer erheblichen Verbesserung der Arbeitsmarktlage in der Region beigetragen. Gerade in diesen Tagen wurde auch erstmals ein Betriebsrat gewählt, was ich ausdrücklich begrüße.“

Die Betriebsratswahlen in Graben werden als großer Erfolg gefeiert. Etwa 60 Prozent der Belegschaft haben sich beteiligt. Amazon hat kooperativ reagiert. „Das ist nicht überraschend“, meint Gürlebeck, „kluge Arbeitgeber werden sich nicht gegen eine Betriebsratswahl stellen. Sie versuchen eher Beschäftigte, die dem Unternehmen nahe stehen, zur Kandidatur zu animieren.“

Auf den neuen Betriebsrat – der sich zurzeit noch nicht gegenüber der Presse äußern will – kommt eine Menge Arbeit zu. Dass dringend etwas getan werden muss, ist klar. Denn: „Mit diesem minimalen Gehalt und dem hohen Arbeitsdruck kann man doch gar nicht glücklich werden, oder?“, schreibt User Newbie aus Graben auf der amazon-verdi Onlineseite.

Erschienen in der Bayerischen Staatszeitung Nr. 8 vom 22. Februar 2013

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