Reparieren vs. Kreieren: Bitte nicht wegwerfen

Nobeldesigner vs. Sozialkaufhaus +++ Sören JungclausNobeldesigner vs. SozialkaufhausSie verkaufen Möbel: Marco Modrow für wenige Euro, Sören Jungclaus für ein Vermögen. Der eine leitet ein Sozialkaufhaus, der andere designt Edelmobiliar. Ihre Kunden könnten unterschiedlicher nicht sein. Aber vom Wegwerfen halten beide nichts. – Protokolle: Felix Scheidl und Jennifer HertleinSören Jungclaus hat für 50.000 Euro den teuersten Bürostuhl der Welt entworfen, ein ergonomisches Kunstwerk aus Gold und Seide. Marco Modrow bietet im Sozialkaufhaus „Möbilé“ ganze Schränke für 50 Euro an, Stühle reparieren er und seine Mitarbeiter schon für 75 Cent. Doch beide sind sich einig: Durch ihre Möbel wird weniger weggeworfen. Beim einen, weil alte Möbel eine neue Verwendung finden, beim anderen, weil die teuren Luxusgüter zu begehrten Erbstücken werden. Wie ihr Berufsalltag zwischen DDR-Schränken von gestern und Bürostühlen von morgen aussieht, erzählen sie hier:

Sozialkaufhauschef Marco Modrow, 37: „Es landen zu viele gute Sachen auf dem Müll“

Nobeldesigner vs. Sozialkaufhaus„Im Sozialkaufhaus verkaufen wir gespendete Waren: Geschirr, Kleidung, Bücher, Spielzeug, Möbel. Von der kleinen Tasse bis zur großen Schrankwand ist alles dabei. Mir ist es wichtig, mit einfachen Dingen etwas Gutes zu tun und der Wegwerfgesellschaft entgegen zu wirken. Deshalb reparieren wir auch Möbel, Stühle zum Beispiel schon für 75 Cent. Heute landen viele Sachen, die noch gut sind, auf dem Müll.

Ich habe Sozialpädagogik studiert und schon im Praxissemester im Obdachlosenheim der Caritas und der Diakonie in Weimar gearbeitet. Anschließend betreute ich soziale Bildungsprojekte. Als ich 2011 das Angebot bekam, im Sozialkaufhaus die Leiterstelle zu übernehmen, habe ich sofort Ja gesagt. Viele der Mitarbeiter kannte ich schon aus meinen vorherigen Jobs: Sie galten vorher als Langzeitarbeitslose.

In meinem Arbeitsalltag erfülle ich Managementarbeiten. Wir haben 22 Mitarbeiter, zehn arbeiten ehrenamtlich, die anderen werden vom Staat gefördert. Nach den Regeln der Marktwirtschaft würde unser Geschäft nicht funktionieren. Ein Beispiel: Es wird ein Schrank gespendet. Zwei Mitarbeiter fahren hin, demontieren ihn, tragen die Bretter aus der dritten Etage nach unten und transportieren sie ins Kaufhaus. Dann folgen Reparatur, Zusammenbau und Verkauf – für 50 Euro. Davon könnte ich keine regulär Angestellten bezahlen.

Besonders häufig werden uns Couchgarnituren, Tische und Stühle gespendet. Marke und Alter sind uns egal. Hauptsache, sie sind gut erhalten. Nur Röhrenfernseher nehmen wir nicht an; wir werden damit überschüttet, weil sich so viele Menschen Flachbildschirme kaufen. Und wir nehmen auch keine Möbel, die völlig aus der Mode sind, zum Beispiel DDR-Schrankwände. Die würden uns unsere Kunden nicht abnehmen. Dafür sind Möbel aus den Siebzigern im Trend.

Als Sozialkaufhaus richten wir uns an Menschen mit geringem Einkommen, wir verlangen aber keinen Nachweis der Bedürftigkeit. Niemand will beim Einkaufen seine Notlage offenbaren müssen. Mir selbst hat es dank familiärer Umstände nie an etwas gemangelt. Die Arbeit mit und für Menschen, denen nicht die gleichen Bedingungen vergönnt waren, gibt mir die Möglichkeit, etwas zurück zu geben. Meinen Job würde ich deshalb nicht gegen eine Stelle bei einer Nobelmarke tauschen wollen.“

Chefdesigner Sören Jungclaus, 44: „Möbel sind Ausdruck von Persönlichkeit“

Nobeldesigner vs. Sozialkaufhaus +++ Sören Jungclaus„Als Produktdesigner geht es darum, etwas zu entwerfen, was unseren Kunden einen Mehrwert generiert, also ihr Image aufwertet oder ihren Umsatz steigert. Am besten beides. Meine Arbeit geht weit über das Entwerfen eines Möbels hinaus. Ich gehe zum Kunden, tausche Ideen aus, begutachte Prototypen. Oft sieht man erst am fertigen Modell, ob das Design passt. Ich bin zwar in 3D-Entwürfen geschult, aber ein echtes Möbelstück ist doch etwas anderes.

Schon als Kind hatte ich oft den Wunsch, Dinge umzubauen. Mit zwölf habe ich von meinen Eltern eine Stereoanlage geschenkt bekommen. Zwei Wochen später habe ich sie zerlegt, um die Fronten neu zu gestalten. Später habe ich Industriedesign an der Muthesius Hochschule in Kiel studiert. Als Diplomarbeit habe ich einen Schaukelstuhl designt, den man flach zusammenklappen kann. Das war eine komplexe Aufgabe, die aber viel Spaß gemacht hat.

Mit Stühlen ging es dann weiter: In der Hadi Teherani AG habe ich drei Jahre lang an einem Bürostuhl gearbeitet. Bis hin zu den Rollen haben wir alles neu entworfen. Insgesamt konnten wir für den Stuhl sieben Patente anmelden, neun internationale Designpreise haben wir damit gewonnen.

In der Basisausstattung kostet der Bürostuhl circa 3000 Euro, nach oben gibt es kaum Grenzen. 2006 wurde auf einer Messe eine komplett vergoldete und mit Brokat gepolsterte Variante präsentiert. Der Wert: 50.000 Euro. Das galt damals als teuerster Bürostuhl der Welt. Tatsächlich hat auch er seinen Käufer gefunden.

Möbel erfüllen heute nicht nur ihren Zweck, sie sind auch Ausdruck von Persönlichkeit und Lebenseinstellung. Im Idealfall begleiten sie einen ein Leben lang und werden zu einem begehrten Erbstück. Das ist auch aus ökologischer Sicht sinnvoll und rechtfertigt einen höheren Anschaffungspreis, wenn die Qualität stimmt.

Gerade wenn eine Produktentwicklung Jahre dauert, ist es wichtig, dass das Produkt nicht schon veraltet aussieht, wenn es auf den Markt kommt. Manchmal ist es nicht einfach, Kunden zu überzeugen, dass das, was sie heute erfolgreich verkaufen, morgen nicht mehr erfolgreich sein wird. Viele Ideen von uns landen deshalb erst einmal in der Schublade. Aber mit etwas Glück war die Idee so gut, dass sie nach Jahren wieder herausgeholt und umgesetzt wird.“

Sozialkaufhauschef und Edel-Designer – die beiden Jobs im Überblick

 

Sozialkaufhauschef Möbeldesigner
Darum geht es:

Arbeitsabläufe organisieren, Spenden und Mitarbeiter akquirieren, Öffentlichkeitsarbeit

Darum geht es:

Innovative Produkte zu entwerfen, die dem Produzenten und dem Kunden einen Mehrwert bieten

Arbeitsplatz:

Hauptsächlich im Büro

Arbeitsplatz:

Im Büro, aber auch viel unterwegs bei Kunden und auf Messen

Typische Aufgaben:

Administratives, Management, Verwaltung, Anleitung, Kontrolle, Abrechnung, unzählige Gespräche, Krisenmanagement, spontanes Agieren

Typische Aufgaben:

Ideen entwickeln und darstellen, Absprachen im Team und mit dem Kunden treffen

Ist nichts für Leute, die …

… klare Vorgaben brauchen, nicht gerne mit Menschen arbeiten, nichts für Gebrauchtes übrig haben, nicht kreativ-konstruktiv-spontan entscheiden wollen, völlig geregelte Arbeitszeiten brauchen.

Ist nichts für Leute, die …

… nicht räumlich denken können und sich nach einem geregelten Tagesablauf sehnen.

Das Schöne am Beruf:

Das täglich Unvorhersehbare, die alte Vase von Oma Lisbeth

Das Schöne am Beruf:

Die Vielseitigkeit. Immer wieder wird man mit neuen Materialien und neuen Entwicklungen konfrontiert

Schattenseiten

Der Druck der Marktwirtschaft

Schattenseiten

Genau diese Vielseitigkeit kann einen manchmal ganz schwindelig machen

So wird man es:

Auf eine freie Stelle bewerben oder einen Verein gründen und ein eigenes Sozialkaufhaus eröffnen

So wird man es:

Produktdesign an einer Uni oder FH studieren. In der Regel bewirbt man sich dort mit einer Mappe mit eigenen Arbeiten und wird dann zu einer Aufnahmeprüfung eingeladen

Das müssen Bewerber mitbringen:

Ausbildung oder Studium im sozialen Bereich

Das müssen Bewerber mitbringen:

Talent, Teamgeist und viel Ausdauer

Durchschnittliches Monatsgehalt (brutto):

Circa 1500 Euro

Durchschnittliches Monatsgehalt (brutto):

Sehr unterschiedlich und davon abhängig, ob man in einem Großkonzern oder in einer kleinen Agentur arbeitet

Erschienen auf: KarriereSPIEGEL

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