Studieren in Finnland zwischen Rentieren und Schneesturm

sabrinaAls Erasmus-Student ins Ausland: Da denken die meisten an Spanien, Sonne, Strand und Party. Sabrina Huck (21) studiert an der Uni in Erlangen Politikwissenschaft. Sie hat es zum Auslandssemester nach Helsinki, Finnland, verschlagen. Das heißt: Studieren bei minus 20 Grad, kaum Sonnenlicht und eine Sprache lernen, die fünfzehn Grammatikfälle hat. Sabrina gefällt es so gut, dass sie noch ein Semester länger bleibt. – Protokoll: Jennifer Hertlein

„Ich wollte für mein Auslandssemester am liebsten in ein Land, wo man nicht in den Urlaub hinfährt. Außerdem hat Finnland eines der besten Bildungssysteme in Europa. Und ich sehe es als Herausforderung, Finnisch zu lernen – auch wenn ich auf Englisch studiere.

Bevor mein Auslandssemester anfing, belegte ich einen Sprachkurs in Rovaniemi, in Lappland, zusammen mit anderen Erasmus-Studenten aus ganz Europa. Als ich dort ankam war ich überwältigt. Im August schien die Sonne in Lappland fast den ganzen Tag und ich hatte den Eindruck, als wäre es dort viel heller, als es bei uns im Sommer überhaupt wird. Mich hat beeindruckt, wie menschenleer Lappland ist, die viele freie Fläche, der große Wald, die totale Stille und die Natur. Als ich am ersten Abend auf den Parkplatz vor unserem Haus lief, standen da einfach so fünf wilde Rentiere!

In Rovaniemi hatte ich eine sehr intensive Zeit mit den anderen Erasmus-Studenten. Wir lernten gemeinsam die Sprache, machten finnische Kochabende und fuhren an den Wochenenden auf Exkursionen. Der Abschied ist mir echt schwer gefallen. Denn nach den vier Wochen verteilten sich die Erasmus-Studenten auf die unterschiedlichsten finnischen Städte. Aber ich habe mit vielen davon noch Kontakt und einige auch besucht.

Von Rovaniemi fuhr ich mit dem Nachtzug nach Helsinki. Als ich am nächsten Morgen dort ankam, war ich überrascht. Der Bahnhof war winzig, ein bisschen wie der Hauptbahnhof in Stuttgart. Und von einer europäischen Hauptstadt hatte ich mir etwas anderes erwartet. Außerdem regnete es, alles war grau und kalt. Überhaupt hatte ich vor meinem Auslandssemester Angst, dass mir der Winter und die ständige Dunkelheit in Helsinki zu schaffen machen würden. Doch ich habe mich sehr schnell daran gewöhnt. Auch von Vorteil: Helsinki ist untertunnelt. Die U-Bahn hält direkt unter der Bibliothek und viele andere Uni-Gebäude erreiche ich über unterirdische Gänge.

Zum Glück holten mich meine zwei Jungs, Janne und Jonas, vom Hauptbahnhof Helsinki ab. Mit ihnen sollte ich von nun an in einer WG wohnen. Und eine bessere WG hätte ich nicht finden können! Da ich mit zwei Finnen zusammenlebe, lerne ich viel über die Kultur und das finnische Lebensgefühl. Viele der anderen Erasmus-Studenten, die ich kenne, haben kaum Kontakt zu Finnen. Sie verbringen fast die ganze Zeit mit anderen Erasmus-Studenten und interessieren sich kaum für Land und Leute. Für die wäre es total egal, in welcher europäischen Stadt sie ein Auslandssemester machen. Sie bekommen eh nichts davon mit. Oft reden sie auch über „die Finnen“, als wären die etwas total Exotisches. Dabei kennen sie keine Finnen. Ich bin froh, dass ich durch meine Mitbewohner viel Kontakt zu Einheimischen habe.

Die kulturellen Unterschiede sind wirklich groß. Erster Fehltritt meinerseits: Ich ging auf eine finnische Party und brachte eine Flasche Wein mit. Die stellte ich auf den Tisch und dachte, jeder der will, wird sich schon bedienen. Dafür schenkte ich mir ein Glas aus einer anderen Flasche ein. So ist das in Deutschland ja üblich. Doch die Finnen sahen das gar nicht gern! Dort trinkt auf Partys jeder nur das, was er selbst mitgebracht hat – weil Alkohol so teuer ist.

Außerdem habe ich einige Finnen als sehr engstirnig und kaum offen für Neues kennengelernt. Einmal machte ich für meine finnischen Mitbewohner Nürnberger Bratwürste. Die haben sich erst geweigert, sie zu probieren. Sie fanden, die Wurst sieht komisch aus. Denn in Finnland gibt es nur rosafarbene Würste, die eher einer Bockwurst ähneln. Braune Würstchen kannten sie nicht. Ich musste sie ewig überreden, bis sie probierten. Und dann hat es ihnen doch geschmeckt!

Was ich anstrengend finde, ist, dass es bei Finnen länger dauert, bis man gute Freundschaften aufbaut. Sie sind verschlossener und reden wenig über private Sachen. Und die anderen Erasmus-Studenten sind sowieso ziemlich oberflächlich. Mit denen kann man zwar feiern, aber auch keine Probleme bequatschen. Daher vermisse ich meine engen Freunde aus Deutschland.

Die Uni in Finnland gefällt mir sehr gut. Man merkt, dass Finnland sehr viel Geld in Bildung investiert. Die Uni ist top ausgerüstet, es gibt die modernsten PCs und technischen Geräte. In der Bibliothek gibt es von einem Buch so viele Ausgaben, dass es sich der ganze Kurs gleichzeitig ausleihen kann. Und das obwohl kein Finne Studiengebühren zahlt! Die Seminare finde ich besser, als in Deutschland, weil weniger Wert auf Auswendiglernen gelegt wird. Stattdessen muss ich hier mehr Essays schreiben. Das ist zwar stressig, weil die Abgabefristen immer unter dem Semester sind, aber dafür habe ich in den Semesterferien auch wirklich frei und muss keine Arbeiten mehr abgeben.

Als ich über Weihnachten wieder Zuhause war, hatte ich fast einen kleinen Kulturschock. Mir ist aufgefallen, wie viel  gestresster wir Deutschen sind, weil wir immer alles planen müssen. Ich wollte in Erlangen mit Freunden feiern gehen. Ausgemacht war, wir treffen uns um 9 Uhr. In Finnland würde ich frühestens um 10 Uhr auf die Party gehen. In Deutschland wirst du schon panisch von deinen Freunden angerufen, wenn du nur eine Viertelstunde zu spät kommst. Die Finnen haben immer so eine „don’t worry“-Einstellung – man soll sich keine Sorgen machen. Sie sehen das Privatleben lockerer und machen sich nicht ständig Gedanken um die Zukunft.

Für mich ist Finnland schon jetzt eine zweite Heimat. Ich könnte mir sogar vorstellen, dort zu leben! Jetzt bleibe ich noch ein Semester länger, um noch mehr von Finnland zu sehen, von den Finnen zu lernen und um noch besser Finnisch zu sprechen. Für Leute die abenteuerlustig sind und mal was anderes erleben wollen, ist Finnland definitiv das richtige Land für ein Auslandssemester.“

Erschienen auf: Szene-Extra Seiten der Nürnberger Nachrichten

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