Zukunftsforscher vs. Historiker: Zurück in die Gegenwart

Historiker ZukunftsforscherDer eine schaut stets nach vorn, der andere zurück. Eike Wenzel hat sich als Zukunftsforscher selbständig gemacht und prophezeit einen neuen Boom der Solartechnik. Frank Kolb ist Geschichtsprofessor und meint, die EU solle vom Römischen Reich lernen. Protokolle: Jennifer Hertlein und Felix Scheidl

Vorträge halten beide gern. Der eine erzählt von der Zukunft, der andere von der Vergangenheit. Und beide haben viele Tipps für die Gegenwart. Zukunftsforscher Eike Wenzel und Historiker Frank Kolb erzählen von ihrer täglichen Arbeit – die gar nicht mal so unterschiedlich ist.

Zukunftsforscher Eike Wenzel, 46: „Erst mal die Vergangenheit verstehen“

Zukunftsforscher„Zukunftsforscher zu sein hat nichts mit in die Glaskugel schauen zu tun. Wir erraten nicht, was passieren könnte, sondern prognostizieren. Wir wollen Zukunft planbar machen. Konkret bedeutet das: Ich suche in der Gegenwart Spuren von Zukunft; beobachte, was sich verändert. Dazu betrachte ich Lebensstile oder Märkte, analysiere Verbraucher- und Nutzerzahlen und schaue, wie sich Technologietrends oder Konsumverhalten wandeln. Daraus schließe ich, wie sich eine Technik oder ein Verhalten weiterentwickeln könnte.

 Ein Beispiel: Solartechnologie steht im Moment in Deutschland vor dem Aus. Aber ich behaupte, dass wieder ein Solarboom kommt. Die Marktzahlen, die technischen Neuerungen, die Logik von Innovationsprozessen im Hightech-Bereich deuten darauf hin.

Zukunft braucht Herkunft

Die Zukunft können wir nur mit Hilfe von Vergangenheit und Gegenwart verstehen. Deshalb nenne ich mich auch gerne Trendanalytiker. Ich muss analysieren: Was ist in der Vergangenheit schiefgelaufen, wie hat sich beispielsweise ein Unternehmen verhalten, welche Rolle spielt es jetzt und was muss es machen, um weiterzukommen. Zukunft braucht Herkunft. Deshalb ist es gerade für gesellschaftliche Analysen gut, wenn Historiker eng mit Zukunftsforschern zusammenarbeiten.

Ich habe Medien-, Literaturwissenschaften und Soziologie studiert, anschließend promoviert. Ich war im Journalismus tätig, in einer Unternehmensberatung und als Universitätsdozent. Im März 2011 habe ich mit einem Freund das Institut für Trend- und Zukunftsforschung gegründet. Zu unserem Arbeitsalltag gehören auch Studien und Vorträge, typische Berateraufgaben. So kommen zum Beispiel Automobilhersteller zu uns, die möchten, dass wir in einem Workshop erklären, wie Menschen ihre Autos wahrnehmen.“

Historiker Frank Kolb, 68: „Lernen vom Römischen Reich“

Historiker„Wer wir sind und woher wir kommen, diese Frage hat mich schon während meiner Schulzeit fasziniert. Ein Schwerpunkt meiner Forschung ist die Stadtgeschichte von Troja bis Rom. Ich erforsche, wie Städte entstanden sind und wie sich das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenleben durch das gesamte Altertum von etwa 3000 vor bis 600 nach Christus entwickelt hat.

 Ich lese historische Dokumente, analysiere archäologische Fundstücke, beschäftige mich mit den Publikationen anderer Forscher. Dazu kommen übliche Pflichten als Hochschulprofessor wie Seminare vorbereiten, Abschlussarbeiten betreuen sowie Klausuren entwerfen und korrigieren. Außerdem besichtige ich Ausgrabungen vor Ort, etwa in Rom und Troja, und habe selbst auch einmal eine kleine Ausgrabung geleitet.

Geschichte kann Handlungsoptionen aufzeigen

Meinen Studenten versuche ich zu zeigen, dass wir mit Hilfe der Geschichte Entwicklungen in der Gegenwart beurteilen können. Beispielsweise hat das Römische Reich für große Teile des heutigen Europa die Grundlagen für die Entwicklung des Städtewesens gelegt. Im Römischen Reich gab es zwar eine Zentralgewalt, aber nur eine schwache Bürokratie. Das Reich war daher auf eine starke, funktionierende Selbstverwaltung der einzelnen Städte und Regionen angewiesen und hat sie gefördert. Dies ist ein Grund, warum das Römische Reich so stabil war und fast tausend Jahre bestehen konnte.

Immer mehr Menschen klagen darüber, dass die Europäische Union die regionale Selbständigkeit der einzelnen Staaten, Bundesländer und Städte einschränkt. Wir können aufgrund der Erfahrungen mit dem Römischen Reich sicher nicht die Zukunft Europas vorhersagen und etwa ein Zerbrechen der Europäischen Union prophezeien. Aber wir können Handlungsoptionen aufzeigen. Und eine Option wäre in diesem Fall, den Regionen in Europa eine starke regionale Selbstbestimmung zu garantieren. In der Geschichte hat das gut funktioniert.

Leider sind Politiker heute an Erkenntnissen, die länger vergangene Epochen bieten können, wenig interessiert. Nur einmal wurde ich von einer Partei zu einem Vortrag über die antike Polis eingeladen. Politische Erfahrungen, die nicht unmittelbar für konkretes Planen der Zukunft nutzbar scheinen, betrachten heutige Politiker offensichtlich als unbedeutend. So manch kurzsichtiges Handeln dürfte sich daraus erklären.“

Erschienen auf: KarriereSPIEGEL

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