Vorstand vs. Freiberuflerin: einer für alle, alles für eine

KaSP Jobhdoppel Ich-AG / VorstandBeide arbeiten in der Werbebranche, doch ihre Arbeit könnte kaum unterschiedlicher sein: Vincent Schmidlin führt als Vorstand einer Werbeagentur Hunderte Mitarbeiter. Inga Feisthamel ist als freie Designerin nur für sich selbst verantwortlich. Protokolle: Jennifer Hertlein und Felix Scheidl

Tagsüber ist Inga Feisthamel ziemlich selbstbezogen. Ihr bleibt gar nichts anderes übrig, schließlich arbeitet die Designerin von Werbevideos und Anzeigen für sich allein. Vincent Schmidlin dagegen ist Vorstand bei Scholz & Friends und hat noch nie selbständig gearbeitet. Hier erzählen die beiden, welche Vorteile die Arbeit allein oder im großen Team mit sich bringt – und was ihnen fehlt.

Freie Designerin Inga Feisthamel, 31 : „Manchmal vermisse ich Teamarbeit“

 „Als Designer fängt man entweder in einer Werbeagentur an oder man macht sich selbständig. In Agenturen gibt es in der Regel bei Projekten viele Abstimmungen, Meetings, Überstunden und einen stressigen Zeitplan. Als freischaffende Designerin bin ich für mich selbst verantwortlich – ich kümmere mich um meine eigenen Kunden und helfe in Agenturen aus, wenn der Abgabetermin eines Projekts drückt. Mein einziger konstanter Job ist die Arbeit beim Bayerischen Rundfunk, wo ich beispielsweise Ölpreis-Statistiken animiere.

 Mein Arbeitstag ist daher alles andere als geregelt. Es gibt bei mir Wochen, in denen ich bis zu 80 Stunden arbeite – nämlich dann, wenn ich ein eigenes Projekt mit einem meiner Kunden angestoßen habe, das dringend fertig werden muss. In anderen Wochen gibt es dafür kaum Arbeit. Dann schreibe ich Rechnungen, rufe bei Bekannten in den Agenturen an, frage nach Aufträgen oder gehe zum Yoga.

Mein Kritiker: Mein Mann

 Nur manchmal vermisse ich die Teamarbeit: Wenn ich allein nachts an einem Werbefilmchen sitze, kann mir niemand Ideen geben. Und mein Mann muss als Kritiker herhalten. Er arbeitet in der gleichen Branche, versteht meine Arbeitsprozesse und kann mich immer wieder mit Ideen unterstützen.

Mein Mann hat nach jahrelanger Selbständigkeit inzwischen eine Festanstellung in einer Designagentur angenommen. Zwei Freiberufler in einem Berufsumfeld, in dem Kunden schnell den Designer oder die Agentur wechseln, sind für die Familienplanung zu gefährlich. Ich bin gerade Mutter geworden und will nicht in vollkommener Unsicherheit leben.

Ansonsten ist das Freiberuflerdasein für mich jedoch perfekt. Nach meinem Mutterschutz kann ich mir die besten und weniger stressigen Aufträge herauspicken – und mich erst mal um unser Kind kümmern.“

Scholz & Friends-Vorstand Vincent Schmidlin, 42 : „Individuelle Genialität ist nicht zuverlässig genug“

Vincent Schmidlin, 42, Vorstand bei Scholz & Friends.„Selbständig gearbeitet habe ich nie. Vielleicht, weil ich die Arbeit in Teams so sehr schätze: Sie inspiriert, gibt Energie und macht Spaß. Außerdem ist mir individuelle Genialität nicht zuverlässig genug: Im Team werden die Fähigkeiten der Einzelnen verknüpft, was höhere und stabilere Qualität garantiert. Als Chef ist es meine Aufgabe, die richtigen Menschen in der richtigen Kombination zum passenden Projekt zu bringen.

Die Hälfte meiner Zeit verbringe ich in der Agentur, in Meetings, bespreche Projekte, briefe Kollegen. Ich muss meine Angestellten motivieren, inspirieren und ihnen zuhören. Ich versuche darauf zu achten, dass mich meine Führungsaufgabe, das Planen und Organisieren, nicht komplett vereinnahmt. Denn mir macht es viel Spaß, an den Inhalten zu arbeiten. Deshalb picke ich mir mindestens einmal im Quartal ein Projekt heraus, das ich inhaltlich ausgestalte.

 Einmal Chef, immer Chef

 Den restlichen Teil meiner Arbeitszeit bin ich unterwegs beim Kunden, bei Akquise-Terminen oder halte Vorträge. Gerade als Chef ist es wichtig, Kontakte zu pflegen, um im Kopf potentieller Neukunden zu sein.

Gerade weil ich strategisch als auch inhaltlich viel gestalten kann, macht es mir Spaß, in einer Führungsposition zu arbeiten. Eins sollte man wissen: Als Chef kann man sich nie hinter anderen verstecken. Ich kann nicht sagen: Heute ist nicht mein Tag. Einmal Chef, immer Chef. Unter der Woche bleibt deshalb wenig Zeit für die Familie: Vor 20 Uhr bin ich selten zu Hause. Die Wochenenden dagegen halte ich mir frei. Klingt anstrengend, aber etwas anderes kann ich mir gar nicht vorstellen.“

Erschienen auf: KarriereSPIEGEL

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